Der Liedschatten (64): The Smiths! The Smiths?

Sandie Shaw: “Puppet on a String”, Mai – Juli 1967

The Smiths spielten in den Charts der BRD nie eine bedeutende Rolle. Doch auch im kleinen, laut dem gemeingefährlichen, anscheinend etwas arg dämlichen Xavier Naidoo besetzten Ländlein ist bekannt: Für die intensive Beschäftigung mit Musik der ungefähr letzten dreißig Jahre ist eine zumindest flüchtige Kenntnis des Schaffens der Band unerlässlich.

The Smiths und Morrissey müssen dabei nicht einmal gemocht werden. Dem Autor ist mindestens ein Mensch bekannt, der über Morrissey wider alle Vernunft lästert. Es heißt dann, er habe eine Knödelstimme und trüge schlecht sitzende Anzüge. Soll er doch unken, der Mensch. Gekannt wird die Band, und sogar die Motzerei bezüglich der Konsequenz, mit der verzehrfähiges Fleisch von des Mozzers Gastspielen ferngehalten wird, ändert nichts an der Bedeutung seiner gewesenen Band und seienden Person, im Gegenteil. Eher vernachlässigenswert sind diese jedoch, geht es um die Musik der 1960er Jahre, weshalb er und die Smiths nicht ohne Weiteres in dieser Reihe auftauchen sollten. Weiteres heißt in diesem Fall: Sandie Shaw.

Denn sie wurde, wird vielleicht immer noch von Morrissey und Marr über alle Maßen bewundert, das zumindest lässt sich dem Eintrag aus Simon Goddards „Mozipedia. The encyclopedia of Morrissey and The Smiths“ entnehmen. In diesem empfehlenswerten Buch lernen wir, dass Morrissey von Sängerinnen der 60er, allen voran Sandie Shaw, begeistert ist und 1983 Folgendes zu ihrem Lob sagte: „The most profilic figure in the entire history of British popular music. Without supernatural beauty, Sandie Shaw cut an unusual figure, and would herald a new abandonend casualness for female singers.“ Der Grad der dadurch ausgelösten Verwunderung hängt nun von der den Smiths entgegengebrachten Verehrung sowie der Kenntnis Shaws ab. Rasch einmal bei Wiki nachlesen. Dort lernen wir:

1. Sie trat barfuss auf. Das soll damals für Aufsehen gesorgt haben.
2. Ihr größter Hit war „Puppet On A String“, mit dem sie den Eurovision Song Contest von 1967 gewann.

penny_strawAll das aber macht noch nicht verständlich, weshalb sie von den so sehr Verehrungswürdigen verehrt wird. An „Puppet On A String“, das selbst der Sängerin unlieb ist („I hated it from the very first oompah to the final bang on the big bass drum. I was instinctively repelled by its sexist drivel and cuckoo-clock tune.“) dürfte es jedoch nicht liegen.

Hat auch etwas Bedrohliches: Das Versprechen, sich wie eine Marionette zu gebärden

Den „oompah“-Sound hatte sich bereits beim Lied vom Tirolerhut bewährt, hier aber dürfte der Erfolg im Wettbewerb ausschlaggebend gewesen sein. „Puppet On A String“ nämlich erschien bereits vorher als „Wiedehopf im Mai“, ohne weiter als Platz 36 zu kommen.

Frage: Nennen Sie einen populären Vogel mit charakteristischem Verhalten, z.B. zur Tür springen! Antwort: Der Wiedehopf.

Warum eigentlich? „Wiedehopf im Mai“, ein toller Titel. Was macht der Wiedehopf im Mai?

Der Wiedehopf: Ein populärer Vogel mit charakteristischem Verhalten, z.B. zur Tür springen.

Er posiert und ist, ergänzen wir das gerade Gesehene um das von Shaw Gesungene, allzeit bereit, zur Tür zu springen. Wir wollen ihn also mögen.

Doch obwohl er solch ein fröhliches, posierliches und liebestolles Kerlchen ist, wurde das nicht weniger hanebüchene, musikalisch identische Original bevorzugt, dessen reichlich dümmlicher, ja sogar dummer Text auch nicht mehr besagt als: Wenn Du pfeifst, dann springe ich, hier eben wie eine „Puppet On A String“. Wie viel würdevoller ist da der Wiedehopf, wie wenig passt all das zum Bild der unangepassten weil barfüßigen Shaw!

Sich kalte Füße holen, das ist gewiss keine Handlung, die das Establishment purzeln macht, war aber im Großbritannien der mittleren 1960er, als die Beatles noch Anzüge trugen und die Stones eine Gefahr für die Sittlichkeit darstellten, nichts was von einer Sängerin mit drei Nummer-Eins-Hits erwartet wurde. Vergleichbare Frauen wie Petula Clark, Cilla Black und Lulu ließen sich solche Verrücktheiten nicht nachsagen, höchstens Dusty Springfield versprühte mit ihrem übermäßigen Kajalverbrauch ein wenig niederschwellige Exotik.

Es könnte jedoch auch sein, dass die kleine Verrücktheit des schuhlosen Auftretens vor allem deshalb entzückte, weil Shaw eine so schlichte, alltägliche Person zu sein schien. Als Fabrikarbeiterin namens Sandra Ann Goodrich nahm sie an einem lokalen Talentwettbewerb teil, als Folge dessen sie von einem Produzenten entdeckt wurde, fortan den Künstlernamen Sandie Shaw trug und zum Star wurde. So schöne Geschichten schrieb der olle Kapitalismus im Fordismus, da wurde aus dem Gewöhnlichen plötzlich das Besondere. Heute gilt alles Gewöhnliche so lange als das Besondere, bis ihm seine Gewöhnlichkeit nachgewiesen wird. Da dies den Interessen der meisten Menschen zugegen läuft, gelten der Allgemeinheit bis auf Widerrede zum Beispiel Berufe wie “irgendwas mit Texten”, “irgendwas mit Design” und “irgendwas mit Medien” als “kreativ” und “interessant”.

Wie auch immer. Auf Sandie Shaws “Entdeckung” folgten vor allem in Zusammenarbeit mit dem Songwriter Chris Andrews zahlreiche Hits wie „(There’s) Always Something There To Remind Me“, „Voice In The Crowd“, „Long Live Love“ oder „You’ve Not Changed“, solide Popsongs für den einträchtigen Fernsehabend mit der ganzen Familie, zum Beispiel den Familien Morrissey und Maher.

Auf solche Stücke und nicht etwa das schlagerhafte, opportunistisch sexistische „Puppet On A String“ begründet sich eine in zahlreichen Fanbriefen ausgedrückte Liebe des Steven Patrick Morrissey zu Shaw. Und diese Liebe muss sehr groß sein, führte sie doch nicht nur zur für Außenstehende eher kryptischen Erklärung „It is an absolute fact that your influence more than any other permeates all our music.“, auch jene Coverversion aus dem Jahr 1984 entstand durch sie.

Entdecke die fünf Unterschiede: Shaw mit 3/4 Smiths.

„The Sandie Shaw legend cannot be over yet — there is more to be done.“ Das ist kein Zitat aus irgendeiner Anzeige, der Satz stammt aus einem Brief der beiden songschreibenden Smiths, die Shaw zur Aufnahme ihrer ersten Single, dem obigen „Hand In Glove“, überreden wollten, was Shaw akzeptierte. Marr und Morrissey erfüllten sich damit den in der Folge nie ernsthaft verfolgten Wunsch, als Songwriter für andere zu wirken, Shaw ermöglichte die Interpretation ein zeitgemäßes Comeback. Das traf sich gut, zwar hatte sie die 1970er sehr emsig verbracht, leider nur eben bloß nicht nur als Songwriterin, Schauspielerin und Autorin, sondern auch Kellnerin. Wie viel schöner muss es da gewesen sein, Songs von Jesus And The Mary Chain oder auch Patti Smith zu singen und 1988 ein Album mit neuem Material zu veröffentlichen. Der Erfolg blieb trotz respektvoller Rezeption aus, Shaw lernte daraus, machte noch einmal etwas Vernünftiges und studierte Psychotherapie. Seit 1997 betreibt sie „The Arts Clinic“ für Menschen aus der Entertainmentbranche.

Der “Liedschatten” pausiert am kommenden Wochenende aufgrund der Osterei mit den Ostereiern.

Bild: sassymonkeymedia.

Ein Kommentar zu “Der Liedschatten (64): The Smiths! The Smiths?”

  1. […] weitaus geringer als im deutschsprachigen Raum, man denke nur an Morrisseys Bewunderung für Sandie Shaw oder auch die Vorliebe der Beatles für die Sängerinnen der 1960er. Und so ist es dann nicht […]

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