Der Liedschatten (49): Ganz viel Gefühl. Lebensgefühl.


Der Liedschatten wird sich in den  kommenden Folgen teilweise mit Inhalten diverser Ramschcompilations befassen, deren Anpreisung mit dem Versprechen, das „Lebensgefühl einer Generation“ zu präsentieren, gehörig auf die Nerven gehen kann; selbst dann, wenn man gar nicht zur Zielgruppe gehören sollte. „Lebensgefühl“ auf vier CDs, das schaffen sicher nicht mal satanistische Blackmetaller mit gaaaaanz enger Weltsicht. Und überhaupt, da war doch sicher noch mehr in dem Leben des Einzelnen als seine Jugend, die ist kurz, die Reu‘ aber lang … wobei, das wird halt einfach die Nostalgie sein. Kann dagegen nicht mal was getan werden? Nein? Und wenn ich morgen noch mal frage, so in der Art „Ach, wisst ihr noch, wie schön es war, als ich gestern fragte, ob die Nostalgie nicht mal abgeschafft werden könne …“ – auch nicht?

Dann eben weiter im Text. Auf erwähnten Zusammenstellungen befinden sich bevorzugt aufgrund ihres kommerziellen Erfolges erhalten gebliebene, mal mehr, meist minder relevante Stücke, wie sie eh auf Radiosendern, deren Format sich am Begriff „Oldie“ ausrichtet, rotieren. Sei’s drum. Chronologie ist das Gebot, und so geht es dann Schritt für Schritt weiter. Heute schreiten wir vorbei an:

Chris Andrews “Yesterday Man”, Januar – März 1966

Chris Andrews arbeitete vor seinem kurzzeitigen Erfolg als Interpret bereits als Songwriter für Sandie Shaw. Deren Karriere ist übrigens weitaus interessanter, weshalb wir auf sie später noch einmal zurück kommen werden. Naja, nicht so sehr deshalb, sondern weil auch sie einen Nummer-Eins-Hit in den Charts der BRD „für sich verbuchen konnte“, wie wir Freunde der Finanzvorgänge zu sagen pflegen. Das sind wir gar nicht, und „wir“ erst recht nicht? Na, dann kann eben jeder machen, was er will, bitte. Zum Beispiel ein wenig schunkeln, Polka tanzen, vielleicht markant in die Hände klatschen, der Rhythmus legt’s nahe.

Die Rückschau als Teil ihrer selbst: Der Yesterday Man macht’s vor.

andrews_yesterNein, ganz so arg ist das Stück dann doch nicht, es ist ein gelungener Wurf (falls man das so sagen darf, und wenn nicht, dann eben ein „großer Wurf“. Klingt besser. Sollte aber dennoch nicht gesagt werden, ist ebenso Quatsch). Von seiner tölpelhaft watschelnden Wucht hat es auch heute nichts verloren, es poltert, stampft und entpuppt sich trotz übermäßiger und gnadenloser Präsenz immer noch als hirnfressender Ohrwurm. Geradezu raffiniert unterstützt hier die scheinbar ungelenk vor sich her trottende Bläsersektion den Text. Der Protagonist dachte, er hätte einen „Engel“ getroffen, jemanden, der seiner Liebe wert sei. Dem war aber nicht so, und nun ist er eben ihr gestriger Mann. Sie spielte nur mit ihm und ist eine von der schlimmen, schlimmen Sorte. So richtig empört ist er aber nicht, wenn er sie wieder haben könnte, dann würde er nicht nein sagen. Scheint also eine regelrechte Femme fatale zu sein, diese Dame, „well I think you know just what I mean“. Hui! „She is the worst kind“, er aber recht gutgelaunt, resigniert, um seinen Verstand gebracht vermutlich.

Wird so ein „Kult-Star“ geboren, entspringt dem das Lebensgefühl einer Generation? Sicher nicht, es ist ein Song. Drückt er es aber aus? Davon wissen wir Nachgeborenen nichts, da müsste man mal rumfragen. Das „Lebensgefühl“ aber hängt ja nicht nur von der Musik ab. Denn: „Ingenieure sind cool – sie prägen das Lebensgefühl einer Generation“. Und als „Lifestyle“ erobert es mal eben die Welt. Klar, dass es dann zum Star wird. Doch lassen wir uns nicht zu voreiligen Schmälerungen verleiten, auch und vor allem nicht durch Superlative. Ebenso begegnet uns das Lebensgefühl in schlichter Form, unter anderem als Fotografie. Oder lagen wir bisher vollkommen falsch? Ist es am Ende ein Festival? Geht so etwas nicht mal zu Ende? Was dann? Einfach erneuern, in etwa dank neuer Haarschneidetechnik? Sich von einem knuffigen Jungliberalen Rat holen?  Motorroller fahren? Ins Schwimmbad gehen? Nach Köln ziehen? Oder lieber in die Diagonale ?

(Jetzt klickt bitte bloß nicht auf jeden Link, ich habe sie nur eingefügt, um zu zeigen, dass ich mir den ganzen Quatsch nicht ausgedacht habe.)

Was ist denn so Euer Lebensgefühl, mhm? Wollt ihr darüber nicht nachdenken, nein? Braucht ihr auch gar nicht, das machen andere für Euch. Vielleicht Büroartikelhersteller, Internisten, Kunstmaler und die Stadtreinigung, wer weiß, ich nicht. Mein Gefühl sagt mir nur, dass ich am Leben bin, das ist so eine Art Grundempfinden. Das Gefühl des Lebens also, das ist Aufstehen müssen, immer wieder, oder aber wissen, dass selbst das nix bringt und liegen zu bleiben. Machen wir eine Generation auf, ihr und ich? Vielleicht geht es Euch ja genauso. Wir hätten dann das Lebensgefühl „Immer wieder wach nach dem Schlaf“, das Pendeln zwischen Müdig-, Munter- und dann eben doch genereller Schläfrigkeit, das haben wir alle gemeinsam, das macht uns aus. Oder aber „Lebensgefühl Lebensgefühl: eine Generation auf der Suche nach dem Lebensgefühl“, das wäre ein guter Titel für ein Buch. Fortgesetzt würde es durch „Lebensgefühl Lebensgefühl II : eine Generation auf der Suche nach dem verlorenen Lebensgefühl“ und „Lebensgefühl Lebensgefühl III: eine Generation und die Rückkehr des Lebensgefühls“.

Falls nun irgendwer genervt ist: Ich bin es auch. Und was hilft dann? Spezialistenwissen, das hilft, dadurch kriegt man ein gutes, also, man fühlt sich, man hat dann vom Feeling her ein gutes Gefühl. Denn: Auch der große Robert Wyatt mag „Yesterday Man“ und adelte es durch ein Cover.

Die ewige Rettung gefälliger Liedchen: eine gute Coverversion.

11 Kommentare zu “Der Liedschatten (49): Ganz viel Gefühl. Lebensgefühl.”

  1. Tölpelhaft, ungelenk… Viel Vorurteil für ein gutes Lied, meine ich. Dass es mal zum Oldie taugen würde und in hunderten Radiosendern überspielt und abgenudelt wird, kann man dem Lied nicht anlasten. Wenn doch, dann müsste man alle heute noch gespielten Songs der Sechziger ganz abscheulich finden.

  2. Rufus sagt:

    Die Tage beim Zombiewalk haben sich die Leute auch so bewegt wie die im Video…

  3. Lennart sagt:

    Na, das ist doch kein Vorurteil, wenn da „scheinbar ungelenk“ steht… das ist ein recht unverwüstlicher Song, angelastet wird ihm sein häufiger Einsatz nicht. Es kommt dabei einfach zu Verschleißerscheinungen, was aber eher an den kleinen Rotationslisten, überhaupt der Programmgestaltung privater Radiosender liegt. Für die kann kein guter Song etwas.

  4. Oh, dann hab ich das falsch interpretiert, sorry. Schön, dann sind wir bezüglich Oldie-Radio einer Meinung.

  5. Lennart sagt:

    Heidewitzka! Wir sind einer Meinung (-: !

  6. Das Positive an Yesterday Man: Der anschwelende Chor am Ende des Refrains und wie er am Ende Überhand nehmen darf.
    Das Negative: Die Kirmes-Direktheit der Strophe, die Penetranz des Refrains, die nervigen Bläser. Und: Ich kann dem guten Chris Andrews seinen Text einfach nicht abnehmen. Er klingt nicht so, als ob er wüsste, was er singt…
    Die zehrende Flagschiffhaftigkeit im Oldie-Radio kann man dem Song keineswegs ankreiden, nur kommt sie ebensowenig von ungefähr. Simplizität verlockt. Direktheit haut auf die Fresse. Da wird schlimmem Gesuhle in triefender Nostalgie Tür und Tor geöffnet. Ich finde: An Yesterday Man ist nicht alles verkehrt, aber ein guter Song ist es noch lange nicht. Eher die dunkle Seite der Ohrwurmerei und unverwüstlich aka penetrant.

  7. Meine Rede seit jeher und drei Tagen, Sebastian. Mit schlichter Musik für schlichte Gemüter argumentiere ich auch, als irgendein Hitradio Yesterday von den Beatles als Song des letzten Jahrhunderts kürte. Aber Experten erklären mir dann immer, dass die goldenen Hits vergangener Tage, man denke an die Beach Boys, gerade deshalb so groß waren, weil sie mit schlichten Mittel Großes schufen.

    Aber ich merke, wenn es aus dem Kanon der angesehenen Musiker stammt, ist ein gutes Lied grandios. Wenn der Musiker im Verruf steht, in seichten Gewässern zu fischen, dann ist das Lied penetrant. Ich persönlich wäre auf meinen Geschmack schlecht zu sprechen, wenn ich ihn immer dahingehend überprüfen müsste, ob er ja das gut findet, was der Connaisseur gut finden darf.

  8. Mmhh. Ich sehe ja, wie der Kampf gegen Kanon-Klüngelei dir am Herzen liegt, werter Trails, und kann deinen Punkt ja auch durchaus nachvollziehen. Allerdings sehe ich da auch die Gefahr, aus übertriebener Geschmacksfreiheit heraus schlechte Musik gutzureden und einen Groll gegen gemeinhin als gut geltende Musik zu entwickeln, der sich z.B. in regelmäßigen Beatles-Bashereien ergeht. Yesterday ist ja zweifelsohne auch sehr penetrant.

    Das Einfache ist nicht per se schlecht. Alles keine Frage der Simplizität, sondern des Kalküls, das man dahinter raushört. Und da höre ich aus Yesterday Man halt sehr viel heraus und es berührt mich unangenehm, auch bedingt durch Oldie-Nostalgismen. Nichtsdestotrotz: Ich halte Yesterday Man für keinen guten Song, weil er kein guter Songs ist und zu präsent ist (kausale Zusammenhänge, aber nicht nur…).
    Das hat doch nichts mit geschmacklichem Elitarismus zu tun, oder? Ich bin doch eine Windmühle, der Herr Ritter! Nicht der Connaiseur, sondern der Musikhörer in mir findet das Lied nicht gut. Weit schlechter als die Stones-Hits der vorherigen Liedschatten, auch Drafi Deutschers Damm Damm ist besser. Nervt dich der Song nicht? Mich schon.

  9. Lennart sagt:

    Na, wenigstens geht’s in den Kommentaren nun um das Lied (-:

  10. Nur weil die Rückschau immer auch von Verklärung lebt, sagt die heutige Rezeption des Gestrigen nichts über die Qualität eines Werks aus. Auf vielen Sixties-Compilations ist In The Year 2525 vertreten, sollte man es deshalb mies finden? Oder Simon & Garfunkel, soll man sie gering schätzen, nur weil die Popularität so ungebrochen? Popularität ist kein Gütesiegel, aber eben auch kein Ausschlußkriterium, wenn es um die Bewertung von Liedern geht. Nehmen wir ein Beispiel der jüngeren Vergangenheit. Seit bald 15 Jahren taucht Blur’s Song 2 in gefühlt jedem 2. Werbespot auf. Viele werden es schon nicht mehr hören können, aber solch subjektives Empfinden würde den Song keine objektive Gerechtigkeit widerfahren lassen.

    Ich finde den Liedschatten spannend, auch weil Blogs wie Online-Magazine sich zu oft auf die Gegenwart, bestenfalls noch die vergangene Dekade, kaprizieren. Beschäftigung mit Musik muss aber nicht an Aktualität gekoppelt sein. Zugleich verlangt ein Rückblick aber auch eine stärkere Differenzierung. Schlager gut, British Invasion schlecht – das wäre mir ein wenig zu simpel. Weil die Grenzen zwischen Schlager und Chanson mitunter verschwimmen, man hier also nicht generell die Sense schwingen sollte. Und nicht jeder Pop-Hit der Sechziger vom Feinsten war.

    Es muss niemand Yesterday Man lieben. Ein durchdacht arrangiertes Lied mit dem Vokabular penetrant oder nervig zu versehen oder dem Sänger zu attestieren, er wisse nicht, wovon er singe, das darf man ruhig so sehen. Muss man aber nicht.

  11. Lennart sagt:

    Es wird ja gar nicht gesagt, Schlager wären per se schlechte Musik, meist geht es ja um die vermutete Rezeption und Wirkung.
    Dalias „Am Tag als der Regen kam“ mochte ich sogar sehr gerne, „Marina“ ist auch nicht verkehrt, Piafs „Mylord“ ebenso fein.
    Dummerweise waren die meisten Schlager an dieser Stelle hier aber m. E. nach schlecht. Würde ich gute suchen, könnte ich sie finden, nur suche ich ja gar nicht, ich klappere die Charts ab.
    Und „Yesterday Man“ mit seinem „Humpa“ Sound + hohe Präsenz geht mir einfach auf die Nerven. Ansonsten befinden sich auf 60s-Compilations ja auch gerne Songs wie „She’s Not There“ von den Zombies oder etwas von Leonard Cohen, und natürlich werden die dadurch nicht schlecht, ganz klar. Ich störe mich eher an der Oberflächlichkeit solcher Compilations, wobei natürlich niemanden vorgeschrieben werden sollte, wie er Musik zu konsumieren habe. Wenn ich’s trotzdem mach‘, dann nur, weil ja gerne widersprochen werden kann und ich Beliebigkeit nichtz mag.

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