Der Liedschatten (43): Ein kunterbuntes Niemandsland

Eine kleine Würdigung der britischen Sängerin Petula Clark wurde bereits an anderer Stelle unternommen, das können wir heute also ruhig anderen überlassen, zum Bespiel Glenn Gould („Gould’s fascination with Petula Clark (excerpt)“). Und uns dann einfach über einen guten Song freuen.

Die Botschaft des Liedes „Downtown“ ist in der englischen wie auch deutschen Version dieselbe, es wurde nichts umgeschrieben oder “entschärft”. Der einzige Unterschied besteht im gehäuften Vorkommen des Wortes “Stadt” bei Beibehaltung des Titels und Wortes “Downtown”. Die Stadt brauchte es auch, was hätte man in der BRD mit „Downtown“ anfangen sollen? Der Begriff stammt aus New York City und resultiert aus den geographischen Bedingungen, unter denen sich erst die Ausdehnung, später die Bewegung innerhalb der Stadt vollzog. “Going downtown” bezeichnet eine solche nach Süden, “uptown” nach Norden.

Ins amerikanische Englisch übernommen wurde „Downtown“ jedoch als Bezeichnung für den ursprünglichen Kern einer Stadt, bei dem es sich nach deren Wachstum und dem Wegzug der Einwohner in Randbezirke oftmals um das von Wolkenkratzern dominierte wirtschaftliche Zentrum handelte. Sie waren die Arbeitsstätte der “white-collar workers”, kaufmännischer Angestellter, deren Entsprechung im Deutschen noch am ehesten die Kleinbürger wären. Diese sind keine Arbeiter, aber Lohnabhängige. Sie verfügen über Bildung, aber kein Klassenbewusstsein, orientieren sich an den herrschenden Verhältnissen und eifern dem nach, was ihnen durch ihre Vorgesetzten und der Bewunderung für diese als erstrebenswert empfohlen wird. Man könnte diesen Menschenschlag als bieder bezeichnen, sie Opportunisten titulieren, je nach Stimmung und eigenem Milieu, oder so etwas als gar zu polemisch ablehnen. All das hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, was einem weißbekragten Menschen widerfuhr, als er seiner Nüchternheit verlustig ging.

Doch ist es nicht selbstverständlich, dass es sich bei jedem Träger eines weißen Herrenhemdes um solch einen würdelosen Zeitgenossen handelt. Ebenso wenig trifft man den entsprechenden Typus zwangsläufig in der Stadtmitte, kann sich dort doch genau so gut ein Slum befinden. Jetzt wird’s interessant, doch eine erschöpfende Behandlung des Themas ist aufgrund der Unbildung des Autors auf dem Feld der Stadtentwicklung leider nicht möglich. Da war ja aber noch was mit Musik, nicht?

Petula Clark “Downtown”, März – Mai 1965

clark_downtownDer Autor des Stückes und Petula Clarks Produzent Tony Hatch wollte „Downtown“ anfangs durch die amerikanische Vocalgroup The Drifters vortragen lassen, ließ sich aber trotz Bedenken bezüglich der Missverständlichkeit dazu bewegen, es von einer Britin singen zu lassen: „(…) It’s very, very much an American origin, the word is. It’s been taken up by so many people. It doesn’t always mean the same thing ’cause Downtown New York is not Times Square. I was standing in Times Square when I thought about the song called “Downtown”. I was quite innocent at the time and naively thought that was Downtown. Of course many cities throughout America have a Downtown area where the movie shows are, where the restaurants are, where the bars are, where the action is. That is why the song worked so well, because people don’t relate it to Downtown New York. (…) I mean, you can go to Downtown Los Angeles and it’s hardly the center (…) wrote it very much from an American point of view. I was frankly just a little concerned. “

Am Ende waren sämtliche Ängste unbegründet, es blieb zwar unklar, was genau „Downtown“ sein sollte, das Stück jedoch verkaufte weltweit über drei Millionen Exemplare und funktionierte wunderbar als Loblied auf die große Stadt “mit ihrem Glanz, mit schönen Frauen, mit Musik und Tanz” (Michael Holm). Angenehm ist im Gegensatz dazu aber die Aussage „Downtowns“, man könne dort “somebody kind to help and understand you” finden, nicht die große Liebe also, sondern für das Amüsement zweckdienliche, doch ebenso teilnahmevolle Gesellschaft. Und überhaupt, sich allein und hoffnungsvoll in ein Vergnügungsviertel begeben, der Polyrhythmik aus Lärm und Lichtern ausliefern, das ist doch einmal ein anderes Ideal als die bisher in den Charts beinahe ausschließlich propagierte Zurückgezogenheit des Privaten, ein neugieriger, doch braver Hedonismus. Dazu passend ist die Musik zwar kräftig und voll, ja gewaltig, aber keinesfalls aggressiv oder undurchdringlich. Ihr Aufblühen im Refrain feiert den Triumph des Glamours in Reich der Naivität, und was für einen! Zum Anfertigen der Aufnahme waren zwei Studios notwendig, die Hatch gleichzeitig benutzte, eine Neuerung, deren Ergebnis auch heute noch fasziniert, zumindest dann, wenn man den Song nicht zu oft hören wollte oder musste.

Es ist nicht ohne Weiteres selbstverständlich, die Vereinsamung in der Menge als Abenteuer zu begreifen und das Vorhandensein von Möglichkeiten, die letztendlich auch nur eine Aufforderung zum Konsum sind, als erfüllend zu betrachten. Inhaltlich ist der Song ziemlicher Schmu und könnte bestenfalls Musicaltouristen hier in Hamburg als Hymne dienen. Doch warum nicht einmal dem, wenn auch imaginären, Zauber der bunten Stadt verfallen, wenn er von einer kunstvoll gefertigten, kitschigen, mitreißenden Nummer ausgebreitet wird? Mehr Möglichkeiten als auf dem Land hat man in der Stadt gewiss, und ein groß- und blauäugiges, diffuses Loblied auf sie ist immer noch besser als der Glaube, bei einer jeden Ansiedlung über 50000 Einwohnern handele es sich um einen unsittlichen Moloch. Und spätestens dann, wenn das Geld alle ist oder die nächste Welle der Gentrifikation über einen fancy Stadtteil hinweg schwappt, weiß man, dass es mit all der städtischen Herrlichkeit auch nicht so weit her ist, sitzt daheim, spielt von Melancholie gepackt NES und ist ein wenig selber schuld.

3 Kommentare zu “Der Liedschatten (43): Ein kunterbuntes Niemandsland”

  1. [...] „Kleine Annabell“ folgt Petula Clarks in Relation dazu progressive Hymne auf die Großstadt „Downtown“, danach die erwähnten Rolling Stones mit einem schnellen, für damalige Ohren brutalen Stück [...]

  2. [...] feines Jahr, dieses 1965: erst Petula Clark, dann bisher zweimal die Rolling Stones und nun, ähem, Drafi Deutscher. Nein, ganz im Ernst, der [...]

  3. [...] (Marianne Faithfuls Version von „As Tears Go By“, The Whos „Can’t Explain“, „Downtown“ von Petula Clark, das Album „Sunshine Superman“ von Donovan) lieber war. Dennoch war John [...]

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