Der Liedschatten (56): Crooning ohne Crowning

Frank Sinatra “Strangers In The Night”, Juli – September 1966

Was ist denn hier los? Nichts. Es war nämlich etwas los, damals, 1966. Und das kann ein jeder Mensch mit einem Internetzugang und der richtigen Eingabe in die Suchmaschine seines Vertrauens herausbekommen. Was also war los? Hits, Hits, Hits. In der vorletzten Folge erst die Beach Boys, dann die Beatles, und heute ist nun Frank Sinatra los, soll heißen, es wird über ihn geschrieben, nicht er ist los, ich bin los.

Und dieses Mal wird nicht geschummelt, denn meine Gedanken werden offengelegt. Bevor ich etwas wie diesen Text hier tippe, überlege ich erst einmal, was mir alles einfällt, was davon ich niederschreibe, bei welchen Sachen ich so tue, als ob ich sie wüsste und worüber ich einfach hinweggehe werde.

Bei Tage besehen eher unschön: Strangers in The Night

Gedanke 1:      Mhm… Sinatra … nicht die Beatles. Manno …
Gedanke 2: … ja, nicht die Beatles, nichts Englisches, auch irgendwie nicht Pop, eher …
Gedanke 1: … New York …
Gedanke 2: … ey … das wollte ich gerade sagen … ähem … Rat Pack! The Rat Pack! …
Gedanke 1: … pfffff …. das hast Du von mir geklaut, gestohlen, wollte ich gerade sagen …  hättest mich mal ausgedacht werden lassen können,  äh, sollen. Ja. Weil, wer sagt denn, dass wir das hier abwechselnd machen müssen, mhm?

Gedanke 2.:    Das müssen wir, weil man doch nicht zwei Gedanken gleichzeitig denken kann. Das geht nicht. Das wäre Schmu …
Gedanke 1: … wieso denn nicht? Ich kann doch sehr wohl, während Du geda…
Gedanke 2: … nee, kannst Du nicht, siehste? …
Gedanke 1: … mhm … ja, aber dann klau mir nicht immer alles … ähem … M…
Gedanke 2: …afia! …
Gedanke 1: … afia. Mann! Sei doch mal ruhig! …
Gedanke 2: … wenn ich aber doch eh …
Gedanke 1: … mehr weiß als Du… dann…

Herr Thiem: schaltet sich ein: „Das geht ja gar nicht, ihr Albernen, und schon gar nicht so weiter. Whiskey, Hut und blaue Augen!“

Gedanke 1 und Gedanke 2 : verdrehen die Augen, im übertragenen Sinn. Das heißt, Herr Thiem, Lennart, muss das für sie tun, weshalb er genervt ist von seinen genervten, unsortierten Gedanken. Er beschließt, nichts in den Text aufzunehmen, was sich eh überall, Wiki, allmusic, songfacts etc., lesen lassen könnte. (Und bestimmt ist er am Ende, wie so oft, inkonsequent.)

Denn er hat nicht tatsächlich Ahnung von Frank Sinatra. Dabei scheint es doch immer so, als müsste ein jeder eine Meinung zu und also irgendwie Ahnung von ihm haben. Und zwar bevorzugt eine, die dazu berechtigt, Wohlgefallen zu äußern. Immerhin ist Sinatra nicht nur der Vater von Nancy, sondern auch der Crooner schlechthin, und croonen ist schön. Das weiß doch jeder. Und Frank Sinatra ist ein Crooner. Was aber ist ein Crooner?

Crooning leitet sich von „(to) croon“, in etwa „summen“, ab und zeichnet sich durch einen weichen, sanften, schmeichelnden, gleitenden Gesangsstil in geringer Lautstärke aus. Als ab den 1930ern sanft ins Mikrofon gehaucht werden konnte, wurde der für Massen produzierte Vortrag intimer als je zuvor – andere würden sagen: unnatürlich (weil solches Gesäusel ansonsten niemals hätte gehört werden können) und kitschig. Die meisten Zuhörerinnen mochten es, die Zuhörer auch, zum Teil sicher auch, weil es ja auch irgendwie männlich war, Dinge zu tun, die weibliche Wesen mochten und sexy fanden.

Horkheimer / Adorno hingegen konnten Croonern selbstverständlich wenig abgewinnen. „Crooner […] sind Vorbilder für die Menschen, die sich selbst zu dem machen sollen, wozu das System sie bricht. […] Was Expressionisten und Dadaisten polemisch meinten, die Unwahrheit am Stil als solchen, triumphiert heute im Singjargon des Crooners. […] Der gut Aussehende, der im Smoking, spät abends, allein in seine Junggesellenwohnung kommt, die indirekte Beleuchtung andreht und sich einen Whiskey-Soda mischt: das sorgfältig aufgenommene Zischen des Mineralwassers sagt, was der arrogante Mund verschweigt; daß er verachtet, was nicht nach Rauch, Leder und Rasiercréme riecht, zumal die Frauen, und daß diese eben darum ihm zufliegen.“ (zitiert nach: Roger Behrens: Adorno-ABC, Leipzig 2003.)

Zum Glück irrten Horkheimer / Adorno hier. Diese Art des Gesangs ist nicht zwangsläufig mit dem Typ des unglaublich virilen, höchst einsamen, aber umworbenen, konsumgeschmückten, asozialen Zerrbild eines Dandys verbunden. Da gibt es zum Beispiel noch den höchst beachtlichen João Gilberto, der zwar Anzug trägt aber sicher kein Playboy ist, sondern eher eine introvertierte, ja verhuschte Erscheinung zu sein scheint.

„Für Verliebte gelten keine Regeln“. Auch nicht für deren Gesang.

Und auch Frauen können wunderhübsch croonen, das darf nicht vergessen werden. Vor allen Dingen dann nicht, wenn es so klingt wie hier.

„I would never do you harm“: Jaja … hach.

Nichtsdestotrotz gilt Sinatra neben Bing Crosby als der Crooner schlechthin. Kein Wunder, ist er doch, so sagen einige, neben Elvis Presly der wohl erfolg- und einflussreichste Solointerpret des 20. Jahrhunderts.

sinatra_nightEin solcher wurde er vor allem als der von einer Big Band (und oft auch Mitgliedern der grandiosen „Wrecking Crew“) begleitete Sänger von Swingstücken, zum Beispiel obiges „Strangers In The Night“, 1966 ein weltweiter Hit und neben „My Way“ und „New York, New York“ wohl seine am häufigsten erinnerte Single. Er selber mochte es, wie auch „My Way“, eher weniger, obwohl oder auch weil er nach elf arbeitsreichen Jahren ausgerechnet mit diesem für ihn weniger anspruchsvollen Song „einen seiner größten Erfolge feierte“, wie man so schön sagt. Nach Feiern klingt das hier allerdings nicht. Dreht man die Boxen ein wenig lauter, hört man nämlich, was er nach der Darbietung des Stückes 1982 sprach.

Frank „Fucking Dooby Doo“ Sinatra singt’s noch einmal.

Na, gut, es wird auch eingeblendet. Frank Sinatra also mochte den Song nicht, sang ihn aber dennoch. Wie nennt man das? Professionalität.

Dabei ist das Stück alles andere als schlecht, zumindest dann, wenn man der Verbindung von übergroßem Arrangement und sentimentaler Liebesplatitüde (nicht einmal eine Geschichte ist es) etwas abzugewinnen vermag. Deren Dürftigkeit steht nämlich im krassen Widerspruch zu dem, was uns das Orchester mit seinen vielen Instrumenten und weitgespannten Melodien glauben machen will, nämlich, dass hier etwas Zauberhaftes  geschehen würde.

Denn da schau her, sie kannten sich nicht, bevor sie sich liebten! Und als sie sich liebten, dann liebten sie sich sofort und ewig. Dabei fängt das Stück doch recht vielversprechend an: „Strangers in the night / exchanging glances / wondering in the night / what were the chances / we’d be sharing love / before the night was through“, das klingt nach flammenden Blicken und plötzlich hereinbrechender Leidenschaft, der sich zwei Menschen nicht zu entziehen wissen, nach spontanen, im nicht institutionalisierten Rahmen ausgetauschten Zärtlichkeiten.

Kann ja alles so gewesen sein, wer weiß. Schade ist nur, dass spätestens nach den Zeilen „Ever since that night / we’ve been together / lovers at first sight / in love forever / It turned out so right…“ nichts mehr davon übrig bleibt. Ein erotisches Klischee wird zum romantischen. Oder hat sich da am Ende gar nichts getan?

Eben. Schlimm genug, dass ausgerechnet an dieser Stelle hier wieder einmal mehr versucht wurde, eine Rechtfertigung für diese unverschämt opulent inszenierte Banalität zu suchen. Und das dann auch noch im machistischen Stereotyp „Playboy“, siehe der oben angedeutete, im Text vermutete Sex im Zusammenspiel mit Sinatras Inszenierung.

Am Ende spricht am Ende außer Sinatra Stimme einzig die seit seinem Erscheinen gewonnene Reputation für „Strangers In The Night“, wobei letztere nicht sonderlich ins Gewicht fällt. Und die Sache mit dem ach so tollen Scatgesang „Dooby Dooby Doo…“ … also wirklich, vergesst es, bitte.

3 Kommentare zu “Der Liedschatten (56): Crooning ohne Crowning”

  1. Wir werden uns in Sachen Musikgeschmack in 100 Jahren nicht zum Bruderkuss aufschwingen. Wie langweilt mich doch Paperback Writer, wie sehr erfreut mich der Schmelz in Sinatras Vortrag. Das ist allerfeinster Wohlklang. Ein klasse, charismatischer Song im besten, elegantesten, nie effektheischenden Kaempfert-Sound. Die Lyrics sind keineswegs trivial. Eine klassische Liebesgeschichte eben, überwältigende Empfindungen ohne Drama oder Tränen. Solche Songs sind schwerer zu erzählen als Tranendrüsendrücker. Prima!

  2. […] ist er nicht. Immerhin spielten ihn Mitglieder der Wrecking Crew (denen wir bei den Beach Boys und Frank Sinatra schon einmal begegnet sind) ein, unter anderem die Bassistin Carol Kaye, die zu „I’m A […]

  3. […] nur die Verfügbarkeit, keine Erzählung wie in „Then He Kissed Me“ von The Crystals oder „Strangers In The Night“, keine persönliche Offenbarung wie bei „I Want To Hold Your Hand“ oder „I’m A […]

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