Der Liedschatten (55): Alles bestens, auch das Schlechte

The Beatles “Paperback Writer”, Juli 1966

Erst in der letzten Woche begegnete uns der bedenkliche Superlativ. Bedenklich? Ja, bedenklich. „Pet Sounds“? Bestes Album überhaupt. „God Only Knows“? Bester Song aller Zeiten. Was ist daran bedenklich?

Dass es am Ende gar nicht stimmt und „A Day In The Life“ viel besser ist? Vielleicht auch „Like A Rolling Stone“? Oder eher „Bohemian Rapsody“, eventuell noch „What’s Going On“, die Qualität von Kunst schlußendlich eh nicht messbar sei und deshalb  kein Mensch solche Listen bräuchte?

Nein, diese sind als Ergebnis von selten originellen, retrospektiven Fachsimpeleien schon in Ordnung. Außerdem müssen diejenigen, die sie führen, ja nicht gleich zu Autoritäten erklärt werden, dazu ist die Relevanz des Streits um den allerbesten Song zu gering. Es gibt einfach Wichtigeres, als einem Lied eine möglichst niedrige Zahl zuzuordnen, das ist klar.

Das ist an sich auch dann nicht anders, wenn Bands, Künstler oder Interpreten und deren Erzeugnisse vornweg mit und als irgendwelche Superlative beworben werden. Nur schwirren da Zuschreibungen wie „Bester Newcomer“ laut irgendwelchen Medien, zig Branchenpreisen und nicht zuletzt Chartplatzierungen verschiedener Märkte in verwirrender Zahl sinnfrei herum, von den Youtube-Plays, Facebook- und Twitterfollowern einmal ganz abgesehen. Hier unterstützen Superlative das Verschwimmen von Werbung und deren Gegenstand.

Ein zum Beispiel mit Nichtssagendem wie „der am schnellsten verkaufte Nummer Eins Hit aller Zeiten“, „das Video zum Lied erreichte bereits 10 Millionen Views“, „nominiert für drölfzig ABBDW-Awards“ oder auch bloß „die neue Single von blabla“ beworbenes Stück braucht scheinbar nicht mehr zu sein als der Inhalt seiner Reklame, und schon ist das Aufbringen von Aufmerksamkeit gerechtfertigt. Entwickelt sich dadurch ein Hype mit der  Dynamik einer Self-fullfilling prophecy (siehe ein dröges Produkt wie „Lana Del Rey“, die auch nur genau so schlimm ist wie die restliche Bagage), dann ist nicht nur eine Werbekampagne geglückt, sondern das Leben ein wenig öder und austauschbarer geworden. Und das ist doch reichlich blöd.

Sagt da wer „So funktioniert aber das Business, und die Leute haben Spaß.“? Ja? Stimmt. Und das ist doch, ich wiederhole mich, reichlich blöd.

Nicht erstaunlich, nicht faszinierend, nicht erschreckend, nicht dramatisch, nicht überraschend, nicht skandalös, nicht irgendwie „evil“, sondern nur blöd. Und ein bißchen traurig.

Nachdem wir das geklärt haben, können wir nun zur besten Popband aller Zeiten mit ihrer unvergleichlichen Hitsingle „Paperback Writer“ kommen, der zweiten Nummer Eins der Band in den Charts der BRD,. Noch neun weitere würden folgen. Niemand hatte bisher mehr.

Das erfreubeatles_papert die Fanschar sehr und ist schön, wenn auch nicht nur halb so schön wie der Song an sich, in dem es, beinahe gänzlich anders als an dieser Stelle bisher gewohnt, nicht um Liebe geht, ich wiederhole, nicht um Liebe geht. Sondern?

Der Titel sagt es. Jemand möchte „Paperback Writer“ werden, also Autor eines Taschenbuchs. Normalerweise erscheinen erst teurere, fest gebundene Ausgaben, danach dann Taschenbücher. Erscheint aber zuerst ein solches, dann handelt es sich nicht zwangsläufig, aber wahrscheinlich um ein Debüt oder Trivialliteratur. Vielleicht hat der Verlag aber auch nur ein so gutes Programm, dass es kein Geld für eine aufwendige Gestaltung einbringt. Ähem, ja. So etwas könnte zumindest ein Kulturpessimist sagen. Ich nicht, nein. Ich höre ja die Beatles.

Mysterium Coolness: Was macht sie aus? Brillen? Frisuren? Unbeteiligtes Rumsitzen, während des Rest der Band Playback spielen muss?

Was fällt, mal abgesehen davon, dass ich mich durch den Hinweis auf mein Beatlesfantum geschickt aus der Affäre gezogen habe, auf? Obiger Film ist kein Fanvideo, kein Fernsehauftritt, nein, es handelt sich hierbei um ein Promovideo für die Single mit Closeups, relativ schnellen Schnitten und cooler Rumsteherei, ein regelrechtes Musikvideo also. Wer möchte, kann also die beginnende Etablierung des Formats mit den Beatles in Zusammenhang bringen. Oder aber den Beach Boys, die brachten in der letzten Woche Ähnliches, waren gewiss aber auch nicht die ersten. Und wer weiß, vielleicht hatten beide Gruppen weder auf cooles Gepose noch Rumhampelei Lust, mussten sich aber den Plänen mittlerweile unbekannter Labelmitarbeiter unterwerfen. Überlassen wir diese Frage aber ruhig Historikern, schauen wir uns lieber noch das hübsche Promovideo zur B-Seite „Rain“ an.

Bei allem Respekt, George, nein, vermutlich habt ihr das nicht.

Durch den gleichermaßen verspielten, dazu aber noch weniger narrativen Text kommt die auch schon bei „Paperback Writer“ vorhandene feine psychedelische Note noch stärker zur Geltung, vor allem, wenn der Gesang am Ende rückwärts läuft und aus einer schwer fassbaren Nuance ein kaum zu überhörendes „Sdaeh rieht edih dna nur yeht semoc niar eht fi“ wird. Dass es sich hierbei um die allererste Verwendung eines rückwärts abgespielten Tonbandes auf einem Tonträger handelt, scheint fragwürdig, man denke nur an den Radiophonic Workshop der BBC.  Für Menschen, die „Paperback Writer“ erwarben, wird es vermutlich aber so gewesen sein, und so drängend ist die Beantwortung der Frage nach dem ersten Mal nun auch wieder nicht, nicht für uns. Wir hatten das ja schon mal bezüglich der Musikvideos.

Wem es nun ernsthaft um Neues zu tun ist, die oder der möge noch einmal mit zur Betrachtung der A-Seite schreiten. Dort ertönt McCartneys Bass so laut wie bei keinem Stück der Beatles zuvor. Auch der gesamte  Sound der Band ist ungewohnt hart, selbst die Stücke auf dem seinerzeit nicht weniger neuartigen „Rubber Soul“ (1965) besaßen nicht diesen in Relation zu anderer chartsrelevanten Musik aggressiven Drive.

Und überhaupt, der Sound ist bei beiden Songs grandios: laut, ohne poltern zu müssen, schmeichelhaft nur durch Melodie und nicht Klangfarbe. Das war, bedenkt man die Texte, vor allen Dingen den des Stückes „Rain“, recht gewagt. Worum geht es dort? Lennon mokiert sich über Menschen, die bei Regen ins Trockene, bei Sonne in den Schatten fliehen, er hingegen steht beidem aufreizend gelassen gegenüber. „Can you hear me, that when it rains and shines / It’s just a state of mind?“, so etwas leuchtet nicht ohne Weiteres ein, dazu muss schon ein wenig beobachtend, vielleicht sogar entrückt sein, „angeturned“ also.

Nicht umsonst stammen beide Stücke aus den Sessions für das einen Monat später erscheinende siebte Album der Beatles namens „Revolver“, auf dem sich beides, McCartneys Rollenspielereien und Lennons introspektive Bestrebungen um Transzendenz, zu einem der, vielleicht sogar dem besten Album britischer Psychedlic verdichten.

3 Kommentare zu “Der Liedschatten (55): Alles bestens, auch das Schlechte”

  1. […] Was also war los? Hits, Hits, Hits. In der vorletzten Folge erst die Beach Boys, dann die Beatles, und heute ist nun Frank Sinatra los, soll heißen, es wird über ihn geschrieben, nicht er ist […]

  2. […] ihr möchtet doch, nicht? Ja, genau, schnell weg hier, da, „I Want To Hold Your Hand“, „Paperback Writer“, „Yellow Submarine“, „Penny Lane / Strawberry Fields“, „Hello Goodbye“ und „Hey […]

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