Der Liedschatten (26): Dezentes bisschen Frohsinn

Hieß es in der letzten Woche noch „(…) der Musikmarkt war in erster Linie durch den Rahmen des Nationalen bestimmt, seinen übergreifenden Charakter entwickelte er erst im Laufe der 60er Jahre.“, so war das nur die, oder vielmehr eine, halbe Wahrheit. Es wäre nun interessant zu wissen, woraus eine „halbe Wahrheit“ eigentlich besteht… eine „halbe“ Wahrheit, nun gut, ist sie aber nicht auch „eine ganze halbe Wahrheit“, da immerhin auch eine Hälfte nur ganz aus einem Stoff gemacht sein kann? Ein halber Kuchen ist in erster Linie ja auch nur Kuchen, ob nun halb oder nicht, spielt keine Rolle. Und wenn eine Hälfte der Wahrheit nicht auch nur aus Wahrheit bestehen würde, dann wäre auch eine aus zwei Hälften zusammengesetzte Wahrheit alles andere als wahr, soll heißen, die ganze Wahrheit darf nicht mehr sein als die halbe, sonst ist sie keine Wahrheit mehr.

… Hui, was schwirrt mir nun das Köpfchen, und wo kommt denn der Nebel her, treibt sich hier denn ein Sophist rum? Ist’s in Wahrheit gar der Autor selbst? In Wahrheit? Moment, die Sache mit der…

Keine Angst, das Bewusstsein stellt sich wieder ein, der Entgleisung wird Einhalt geboten, denn Musik will betrachtet werden. Die durch Nationalstaaten bedingte Eingrenzung des Musikmarktes bezieht sich auf den Absatz, dessen Möglichkeiten ohne Rücksicht auf regionale Besonderheiten stark eingeschränkt gewesen wären. Wenn also die gebürtige Engländerin Petula Clark 1957 beschloss, ihren Wohnsitz nach Frankreich zu verlegen, so bedeutete dies auch, dass sie dort in französischer Sprache veröffentlichen musste, in der BRD erschienen ihre Singles auf Deutsch, in Großbritannien schließlich auf Englisch.

Zum Zeitpunkt ihres Umzugs war sie 25 Jahre alt, ihre Karriere begann aber schon eher. Während des Krieges gegen Nazideutschland trug sie im Programm der BBC Lieder für die Alliierten Truppen vor, deren Funktion sich vielleicht am ehesten mit „Erbauung durch Niedlichkeit“ umschreiben lassen könnte.

Seitdem tat sich eine ganze Menge, bevor sie Ende der 60er Jahre den im Rahmen ihres Bed-Ins stattfindenden Aufnahmen zu „Give Peace A Chance“ John Lennons und Yoko Onos neben illustren Menschen wie Timothy Leary, Allen Ginsberg, Derek Taylor und Dick Gregory beiwohnte. Sie konnte sich, und auch das war ein Grund für den Umzug nach Frankreich, ihres Kinderstar-Images entledigen, Clark spielte in mehreren Filmen und veröffentlichte um die hundert Singles in verschiedenen Sprachen, darunter „Downtown“, ihren größten Erfolg. Außerdem war sie als Komponistin für Filmmusik und als Songwriterin tätig und trug in einer amerikanischen Fernsehsendung gemeinsam mit Harry Belafonte das selbstverfasste und simple, doch anrührende „On The Path Of Glory“ vor, wobei sie seinen Arm ergriff, ein zartes Zeichen, das im Rahmen des Civil Right Movements von 1968 dennoch für Aufregung hätte sorgen können, so befürchteten die Sponsoren der Sendung zumindest und verlangten, dass die Szene neu aufgenommen werden sollte. Petula Clark und Harry Belafonte weigerten sich.
Dort aber sind wir noch gar nicht. Widmen wir uns also nun Clarks Single von 1962, „Monsieur“.

Petula Clark “Monsieur”, November – Dezember 1962

Sollte es bisher noch nicht deutlich geworden sein, so sei es dann dieser Stelle noch einmal explizit gesagt: Der Autor hält Petula Clark für eine der weniger schlimmen oder traurigen Erscheinungen des Showbusiness, auch, wenn sie später für Coca Cola warb. Diese positive Einschätzung hat aber, leider, nichts mit dem Stück „Monsieur“ zu tun, da hat sie durchaus bessere Songs vorgetragen, zum Beispiel dieses hier. Nun aber erst einmal der Hit von 1962.

http://www.youtube.com/watch?v=RiGUpRE7oRE

Gewiss, das Lied tut weniger weh als manch anderes, und schön ist auch, dass eine Frau hier einen anklagenden Standpunkt einnimmt. Das ist aber leider nur die halbe Wahrheit. Es wäre nun interessant, zu wissen, woraus eine halbe… oh, Entschuldigung, beinahe wär’s mir wieder passiert.

Jedenfalls ist sie dem Mann aber am Ende dennoch ausgeliefert, da sie liebt, aber nicht weiß, was sie tun soll, „Herz und Verstand“ geben ihr Verschiedenes ein, und der Konflikt wird nicht aufgelöst.

Denn ohne Treue kann sie nicht glücklich sein, so singt, und darin steckt wieder das Bild einer sich nach endloser Liebe, deren Grundbedingung die Ausschließlichkeit zwischen zwei Personen ist, sehnenden, dem Irrationalen ausgelieferten Frau. Petula Clark selbst hingegen führt seit 1961 eine offene Ehe, scheint es also besser zu wissen, doch hat das in einem Schlager nichts verloren. Der richtet sich stets nach den Erfordernissen seiner Zeit, und wenn dabei noch ein Stück wie „Monsieur“ mit seinem sehr dezenten bisschen Charme entsteht, könnte man schon einmal froh sein sollen. Seien wir heute also einmal ein wenig froh.

3 Kommentare zu “Der Liedschatten (26): Dezentes bisschen Frohsinn”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Überragend, Lennart, allein der erste Absatz wieder, hach…

  2. Vielen Dank, Pascal, ein Lob von Deiner Seite ist mir mehr als nur Bauchmiezelei!

  3. […] Küssen“). Nur in Ausnahmefällen waren sie selbst Akteurinnen, zum Beispiel in Petula Clarks „Monsieur“. Doch selbst dort verzehrt sich eine Frau nach dem Untreuen, kommt nicht vom Mann los und kann […]

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