Chillwave 2.0: Update eines Genres, das gar nicht existiert?

Von der Unfähigkeit von Journalisten ist die Rede, von einer Art Sommerromantik, dem Hype des Hypens oder einer einheitlichen Ästhetik – es wurde eifrig diskutiert in den letzten Tagen in unserem internen Forum. Aber was genau hat es denn nun auf sich mit diesem Chillwave-Gequatsche?

PHILIP: ich würde gerne im laufe des monats noch was zu million young und teen daze bringen. entweder als doppelreview oder als chillwave 2.0 artikel oder so. ich denke, dass da trotz der einen oder anderen großmäuligen ansage ala „chillwave ist tot“ dieses jahr noch einiges gehen wird, das zweite album von toro y moi ist ja zum beispiel auch unterwegs und die beiden oben genannten alben sind auch echt klasse.

ULI: @Philip: Vor allem lustig, dass die ganze Geschichte schon vorbei sein soll noch bevor Washed Out auch nur sein erstes Album rausgebracht hat. Wobei ich gerade sehe, dass Life Of Leisure im Oktober auch hierzulande rausgekommen ist, das könnte man vielleicht noch in nem Nebensatz erwähnen.

PHILIP: @uli: stimmt, das könnte man auf jeden fall auch noch mit einbringen. die neon indian ist hier ja auch noch nicht sooo lange draussen oder? wobei man bei dem thema auch mitdenken muss, dass offizielle vö’s da eher einer nebenrolle spielen, weil ja gerade diese virale verbreitung über blogs charakteristisch für das genre ist.

ULI: @Philip: Stimmt, die kam sogar erst Ende November hier raus. Wobei es eben auch Leute gibt, die erst dann von Neon Indian was mitgekriegt haben, als deutsche Zeitschriften die rezensiert haben. Und ich würde sagen, dass Einzeltracks (eigentlich genau wie bei Witch House) wichtig für den Hype/die schnelle Etablierung der Genreidentität, incl. der verwaschenen Fotos auf visueller Seite, waren, Alben dann halt helfen, die Unterschiede zwischen den Künstlern rauszuarbeiten (Neon Indian etwas käsiger 80s Synthpop, Small Black mehr auf der rockigen Seite, Toro Y Moi funkig, Memory Tapes shoegazig, Ducktails entspannter Gitarrennudler…).

Neon Indian – Deadbeat Summer

Hab übrigens letztens ein altes Bilderalbum mit Fotos gefunden, die ich als Kind gemacht habe und bei denen öfters der Film doppelt belichtet oder anders „versaut“ wurde. Der Scheiß sieht original wie Chillwave-Albumcover aus [:D]

PHILIP: @uli: klar, diese super-8/lomo-ästhetik (stichwort doppel-belichtung) spielt da visuell eine tragende rolle, korrespondiert auch einfach sehr gut mit der musik. durch das oft sehr junge alter der protagonisten lässt das ja auch durchaus auf eine sehnsucht nach dem analogen/organischen in einer digitalen generationen schließen.

ULI: @Philip: Wobei das bei den meisten doch eine recht oberflächliche Faszination für analoge Ästhetik ist, also dass mehr der Anschein des Imperfekten/Analogen ein zeitgeistig-attraktives Novum ist als dass es eine Wertschätzung authentisch analoger Sounds (Stichwort: „vollerer“ Sound von Vinyl..) gäbe. Sonst müsste das ja alles über Vinyl & Cassetten laufen und ergäben Mp3s keinen Sinn. Viel von der Musik wird ja mit analogen Sounds gemacht, die dann in Ableton, Logic o.ä. gesampelt und digital weiterverwendet werden oder durch Filter gejagt, die die Beschränkungen analoger Tonträger imitieren.

PHILIP: ja, aber das finde ich ja gerade das spannende: das mit den zeitgemäßen produktionsmitteln (die ja über das internet auch wirklich für jeden verfügbar sind) diese analoge patina einfach nur emuliert wird, statt wirklich auf die alten klangerzeuger zurück zu greifen.
ist ab dem punkt aber dann wahrscheinlich auch wieder schwer zu pauschalisieren, da man dann ja letztendlich auch nicht immer genau weiß, wer von denen wie produziert. ab nem gewissen grad ist es dann auch so gut wie gar nicht mehr raus zu hören. ich glaube zumindest nicht, dass ich den unterschied zwischen einem echten moog und dem software-plug-in (was ich auch selbst häufig benutze) raushören würde, wenn das digitale pendant einigermaßen geschickt gemischt ist.

PASCAL: Hehe, feine Diskussion, ihr Freaks. Wo bleiben die Kommentare von Lennart und Markus?;)

LENNART: (-: ach, chillwave ist für mich eher ein zeichen der unfähigkeit der „presse“, mit den veränderten produktionsbedingungen umzugehen. bevor ein phänomen da ist, muß es gleich benannt werden. und wenn dann genügend material da ist, mag man sich nicht eingestehen, ein wenig voreilig zu sein und schreibt die sache einfach wieder ab. außerdem lässt sich der erfolg nicht mehr so einfach bemessen, es lässt sich eine relvanz nicht mehr so schnell herbei schreiben, wie man es gerne hätte. da müßte man schon ein wenig geduldiger sein als all die, die a.) erst von chillwave sprechen und / oder es dann ratzfatz b.) für tot erklären, weil es keine industrie mehr gibt, die sagt: „hier, ihr klugen menschen, der erfolg und noch ein wenig neues material, ihr hattet recht, vielen dank!“

ULI: Auch wenn man das nicht ernst nehmen muss – schließlich ist der Begriff „Chillwave“ von einem Satireblog gemünzt worden – find ich’s bis zu einem gewissen Grad schon ganz hilfreich und spaßig, Gemeinsamkeiten so unter einen Hut zu bringen. Mittlerweile gibt’s ja sogar wirklich sowas wie eine einheitliche Ästhetik, mit Stichwörtern wie „Beach“, „Dream“, „Haze“, „Daze“, „Teen“ und „Bliss“ aus denen man locker zwei Dutzend reell existierende Bandnamen zusammensetzen kann und den visuellen Aspekten (Polaroids, gewisse Photoshop-Filter..) wie man sie z.B. auf Chillwaving versammelt findet.

Toro Y Moi – Still Sound

Und irgendwann fangen dann Leute auch an, nachzufragen, wie man Chillwave-Musik macht, die Idee, Musik in ungefähr dieser Richtung zu machen, hat sich also schon so weit etabliert. Wie aktuell das noch ist wird man denk ich eh erst gegen Frühlings-/Sommeranfang sehen, denn auch wenn die meisten die Musik wahrscheinlich drinnen am Computer hören, ist sie doch auch auf Hörerseite soweit mit Sommer und Sonne verbunden, dass sie wetterbedingt derzeit einfach fehl am Platz ist.

PHILIP: @lennart/uli: stimmt, der begriff wurde ja letztendlich von hipster runoff geprägt… auch ganz netter gedankengang in der aktuellen de:bug dazu: vom hype des hypens ist dort die rede und von einer überholung der musik durch die kommunikation. hat auf jeden fall potential, das thema, egal wie man es nun nennt. überschneidet sich vom phänomen her dann ja auch wieder mit wichthouse und so.

CARL: Ist das „wichthouse“ im letzten Satz von Philip eigentlich Absicht oder nur ein sehr fein passender Tippfehler? ;)

(Alle Fotorechte: Neil Krug)

5 Kommentare zu “Chillwave 2.0: Update eines Genres, das gar nicht existiert?”

  1. Sven Riehle sagt:

    Um mal auf Ulis dritten Beitrag einzugehen: Auch ich halte es für einen der wichtigsten Aspekte der Erscheinung Chillwave, dass hier trotz offensichtlicher Sehnsucht nach Rückschrittlichkeit und Organischem, eigentlich eher eine Sehnsucht nach dem Sound, nicht nach der tatsächlichen Machart gegeben ist(auf Künstlerseite). Die Machart jedoch wird von der Anhängerschaft eben ganz anders ausgelesen. Das ist eigentlich, ohne dass ich hier irgendwas verteufeln wollte, so echt wie der Retro bei H&M. Alles, was dieses Genre als Trademark nutzt, drückt eine gewisse Natürlichkeit aus, die in heutigen Zeiten auf fruchbar(st)en Boden trifft. Was toll ist: Man muss hier keineswegs von Kalkül sprechen. Einigkeit sollte darüber herrschen, dass da nur der Weg der MP3 für solche Künstler möglich ist. Das häufig geringe Alter, eine gewisse DIY-Attitüde, eine Zeit, in der auch ohne fettes Budget ein stilechter Sound entsteht, der jetzt nicht einmal mehr nach Konserve klingen muss. Und dann geht das eben auch, dass ein Millionyoung seine Sunndream EP umsonst als Download anbietet und das einzig kaufbare Medium, Kassette, trotzdem innerhalb kürzester Zeit vergriffen ist.

    Solche Erscheinungen fordern mir weitaus mehr Respekt ab, als zehnfaches Verwursten ganzer Jahrzehnte in kühlen Witchhouse-Songs. Chillwave ist winterhart und gibt’s auch noch im Frühling.

  2. […] seit Ewigkeiten grassierende Folk-Revival oder die auch bei uns mit großer Leidenschaft geführte Diskussion um “Chillwave” liefern nur weitere Anhaltspunkte: Eine vage Sehnsucht nach Vergangenem, […]

  3. […] vermutlich auf einen Trend, der im letzten Jahres das nicht unumstrittene Prädikat „Chillwave“ erhielt, ja gar zu einem eigenen Genre erklärt wurde. Anders als mit dessen gegenwärtig […]

  4. […] wirkenden Synthesizern und spärlich eingesetzten Drumbeats eine Stimmung ähnlich der des „Chillwave“ zu generieren. Wenn man dieses Genre nicht als solches ansieht, sondern damit dieses Feeling […]

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