Was machen Menschen, die keine Ahnung davon haben, wie notwendig es ist, Musik Beachtung zu schenken und dass Musik kontinuierlich Aufmerksamkeit benötigt, sie nicht nur weckt? Hoffentlich viele Dinge, die nichts mit Musik zu tun haben. Ansonsten werden sie bei so ziemlich jeder Konfrontation mit unbekannter, ruhiger Musik eine solche als „depri“ bezeichnen, und das nicht zum Ruhme der guten alten Depression, sondern um einer abschätzigen Meinung Ausdruck zu verleihen, die nicht nur aus mangelnder Kenntnis resultiert, sondern eine Notwendigkeit dieser grundsätzlich in Frage stellt.

Damit kommt man nicht weit, vielleicht in ein paar Clubs, zu ein paar Konzerten, zu heimeligen, traurigen und trauten Momenten „romantischer“ Natur, aber keinesfalls dazu, ein neues Papercuts-Album sehnsüchtig zu erwarten. Vielleicht wird sich das ja dann beim sechsten Album ändern, immerhin wird Longlayer Nummer fünf, „The Fading Parade“, bei Sub Pop veröffentlicht und nach gut 11 Jahren  bei drei kleineren Indies ist es ja auch endlich mal an der Zeit für ein wenig mehr Aufmerksamkeit.

Das Label aus Seattle reagiert mit dem Signing des Projektes von Jason Quever, Produzent, Songwriter, Backingband  seiner selbst und Tonbandliebhaber, vermutlich auf einen Trend, der im letzten Jahres das nicht unumstrittene Prädikat „Chillwave“ erhielt, ja gar zu einem eigenen Genre erklärt wurde. Anders als mit dessen gegenwärtig bekanntesten Protatgonisten Toro Y Moi, Neon Indian und den weniger prominenten, aber nicht minder empfehlenswerten Vertretern Memoryhouse (gerade ebenfalls von Sub Pop gesignt) und White Hinterland hat man es bei Papercuts alias Jason Quever mit einem Verfechter der rein analogen Klangaufzeichnung zu tun. Der Sound alter Mehrspurgeräte stellt hier nicht nur ein ästhetisches Ideal zur Verfügung, sondern erklingt tatsächlich. Das ist „Vintage“, aber nicht revisionistisch, klare Vorbilder aus den 60ern oder 70ern nämlich sind schwer zu erkennen. Höchstens musizierte man um Nico Päffgen ähnlich getragen, deren Düsterkeit und vor allem ihre markante Stimme fehlen Papercuts allerdings, auch war dort nicht ein jeder Sound mit so viel Hall versehen. Dessen Verwendung nimmt ein solches Ausmaß an, dass oftmals weder Hi-Hat noch Becken erkennbar sind, höhere Frequenzen gehen in einem Rauschen unter, dem sich Quever nur zu gern anheimgibt. Man darf sich vom manchmal etwas leidenden Tonfall, einem verzichtenden Unterton, der sich auch in den Titeln widerspiegelt („Do What You Will“, „I’ll See You Later I Guess“) nicht täuschen lassen, der Songwriter ist des Genusses fähig und weiß, dass er hier Schönheit erschafft.

Und dabei kann es manchmal sogar ziemlich (zumindest energischer als auf den bisherigen Veröffentlichungen) „nach vorne gehen“ (siehe der Opener „Do You Really Want To Know“), ein Attribut, dessen beinahe alleiniges Vorkommen im Bereich der Rockmusikhuldigung es notwenig macht, es hier in Anführungszeichen zu setzen. Mit solcher hat man es nämlich nicht zu tun, eher mit 60er Psychedelic Pop ohne dessen extrovertierte Abgehobenheit. Es wird eine Welt vorgestellt, nicht erschaffen, die Songs auf „Fading Parade“ mussten nicht geschrieben, sondern herbeigeholt werden.

Popmusik wird dann am schönsten, wenn sie sich nicht von einer Gegenwart empfehlen lassen muss, die sie morgen schon wieder bloßstellt, missachtet, überhöht, erniedrigt. Es gibt mittlerweile genügend Genres und Stile, um sich ohne Erklärung auf Eigenes konzentrieren zu können und es der Nachwelt zu überlassen, eine Beschreibung vorzunehmen. Genres werden nicht in Echtzeit benannt, da narrt uns das Internet gerade ein wenig. Was aber sein wird und welche Namen einst gefunden werden, das ist eine Frage, der wir uns nicht zu stellen brauchen, wenn uns Papercuts die Zukunft vergessen macht. Chillwave? Lassen wir diese wunderbare Musik mit einem solchen Prädikat in Ruhe, Menschen mit geschmackvoll assemblierter Plattensammlung werden ihren Weg zur „Fading Parade“ auch so finden.

76

Label: Sub Pop

Referenzen: Beach House, The Velvet Underground, The Zombies, Grizzly Bear, Galaxy 500, Je Suis Animal 

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VÖ: 04.03.2011

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