Witch-House: Die neue Dunkelheit

„There’s always room on the broom“, wussten schon die Liars und auch wenn die Walpurgisnacht schon eine Weile zurückliegt, inhaliert Witch-Hop gerade den Zeitgeist und haucht seinen schaurigen Odem über viele Blogs. Dabei ist das natürlich nur eine allzu bemühte Konstruktion, um die unterschiedlichen Ansätze zu vereinen, die sich aus Chillwave, Beatmaker, Ambient und Experimental gerade in düstere Gefilde vorwagen. Das Hexenemblem scheint jedoch dafür genau das passende und überaus spannende Prädikat zu sein, das auch genug Offenheiten bewahrt, um einen Containerbegriff abzugeben.

Da wäre zunächst die dämonische, verschlingende und bedrohliche Seite, die eine Entsprechung auf musikalischer Ebene bei Salem findet, dieser Dreiercrew, die sich mit ihrem Hexenpogo gleichzeitig auch noch am Christlich-Sakralen abarbeitet (hier „King Night“ und „Asia“ kostenlos runterladen) und so das Paradebeispiel für die Kräfte- und Spannungsverhältnisse abgibt, die den Begriff des „Witch Hop“ oder „Witch House“ ausmachen.

Andere Künstler arbeiten nicht so wuchtig und betonen eher die spirituelle Seite, was das Dilemma der versuchten Schubladisierung veranschaulicht. Pitchfork nannte es bereits im Mai dieses Jahres einfach „Drag„, was vielmehr eine Kontinuität in der Ästhetik dieser Projekte meint als eine Gemeinsamkeit im Genre oder im Sinne einer spezifischen Szenehaftigkeit. Entsprechend tauchen in der Anspielstation ebenso Post-Dubstepper wie Balam Acab auf wie Künstler mit einem erweiterten Weird-Folk-Überbau. How To Dress Well steht dabei eher in der Traditionslinie diverser Ambientkünstler und lotet mit einer Großpackung Hall dunkle Räume aus, wobei Titel wie „Decisions“ auch mit dem Wissen um die Wirkkraft stolpernder Beats nicht geizen. Eiskalter Nebel wabert herauf und ruft Erinnerungen an Urängste wach: Die modrige, schauderhafte, unheimliche und jederzeit diffuse Angst, nachts alleine in stockfinsteren Wäldern herumzuirren. Gerade die Verbindung zu Naturmystik und heidnischen Bräuchen scheint wie gemacht für diesen musikalischen Hexenbegriff und ein Ausdruck einer Zeit, in der auch der Zulauf zu Esoterik und naturheilkundlichen Behandlungsmethoden ungebrochen ist und das menschliche Suchen nach neuen Möglichkeiten und Sinnhaftem beschreibt. Die Zusammenhänge zwischen Mensch, Natur und Glaube werden neu ausgelotet – als rückwärts gewandte Reaktion auf die Krankheiten und Ängste unserer Zivilisation. All das muss nicht unbedingt auch in den Songs und Intentionen der Bands zu finden sein, lässt sich aber oft darauf projizieren. Vermutlich wären Pocahaunted gar überrascht, mit derlei Kontexten konfrontiert zu werden, aber Songs wie „Ashes Is White“ mit seinen ätherisch-indogenen Tribalklängen und zerdehnten Vocals lassen ohne Weiteres diese Assoziationen zu. Und das, ohne die Interpretationsspirale weit zu überdehnen.


Gerade die verhallten und kaum zu dekodierenden Gesänge und brachial übersteuerten Instrumente sind wohl die musikalische Klammer zwischen all den Projekten – ein mysteriöses, beschwörendes Gemurmel – die Zauberformel des Zeitgeistes! Gerade auch die Erfolge der Twilight-Saga scheinen einen Nährboden abzugeben, sich wieder dem Fantastischen, dem Magischen und Übersinnlichen zu widmen – als freudiger Schauer oder als eskapistische Idee mit all ihren Deutungshoheiten zwischen sexueller Macht und emanzipatorischen, etwas eigenbrötlerischen Lebensweise (was ja bei Hexenzuschreibungen ja nicht anders ist). Gerade dieses Subversive und kaum Greifbare macht dabei die Faszination aus und verbindet im Handumdrehen sowohl viele gesellschaftsrelevante Themen und musikalische Evolutionen. Gerade in der undomestizierten und wilden Variante.


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„Witch-Hop“ ist entsprechend entgrenzt und diffus – und wird sich vielleicht nicht einmal kurzzeitig als Schlagwort durchsetzen, was aber nicht die Spannung mindert. Zwar sind weder das überhöhte Dröhnen, noch das Sumpfig-Ambiente oder die verzerrten Vocals eine neue Erfindung, jedoch: In der Kombination dieser Effekte entstehen momentan viele aufregende Musikmomente. Die entmenschlichten Gesänge einer Fever Ray aus dem Jahr 2009 und die schauderhafte Optik ihrer Videos gehören genauso in diese Kontexte wie die hochfliegenden Wolkenklänge von White Ring, die ebenso subtil wie muskulös gebrochen sind wie dringliche Klänge von oOoOO, Zola Jesus oder Soft Moon, die mit ihrem Wave letzlich auch die Brücke zurück in die 80er und zum Gothic schlagen. Und mit Metallic Falcons und Modern Witch gibt es vor allem im amerikanischen Untergrund noch genug Projekte mit geisterhafter Ästhetik, die auf ihre Entdeckung warten. Am besten in Nächten, wenn sich ein pechfinsterer Schleier über den Mond legt, der Würgegriff der Unruhe die Kehlen zuschnürt und eine geheimnisvolle Stimmung heraufbeschwört, die gleichermaßen begeistert wie verstört.

Die Debütalben von Salem, oOoOO und How To Dress Well erscheinen im September

Ein Kommentar zu “Witch-House: Die neue Dunkelheit”

  1. […] aus einer schillernden Zukunft. Problemlos war es diesem jungen Duo aus Montreal gelungen, dem Witch House die Erde aus den verfilzten Haaren zu schütteln. „Shrines“ ist vielleicht kein epochales, aber […]

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