TennisCape Dory

Das schon seit Ewigkeiten grassierende Folk-Revival oder die auch bei uns mit großer Leidenschaft geführte Diskussion um „Chillwave“ liefern nur weitere Anhaltspunkte: Eine vage Sehnsucht nach Vergangenem, Einfachheit und Eskapismus durchweht weite Bereiche aktueller (Indie-)Popmusik des Over- wie Undergrounds. Fortschritt und Aufbegehren waren gestern. Anhand einer Realität, in der Popmusik wohl kaum jemanden mehr auf die Barrikaden treiben wird, falls sie das denn jemals getan haben sollte, ist das so harmlos wie OK. In einigen Fällen jedoch überschreitet dieser neue Simplizismus die Grenze zur Banalität und wird so zum regelrechten Ärgernis.

Womit wir bei Tennis angekommen wären. Das Ehepaar Alaina Moore und Patrick Riley verbindet neben einem Faible fürs Segeln und grobkörnige Urlaubsfotos ganz offensichtlich auch eine Leidenschaft für die Popmusik der frühen 60er Jahre, allen voran jene der Beach Boys. Damit passen die beiden bestens ins immer noch aktuelle Strandmusik-Revival, welches  sie, clever wie sie sind, auch noch mit Preppy-Symbolik und Lo-Fi-Ästhetik, zwei weiteren gerade angesagten Indie-Trends kreuzen. Das klingt alles ausgesprochen vorhersehbar und gibt sich in seiner nicht nur textlichen Einfachheit ziemlich bieder, könnte in seiner Kalkuliertheit aber letztendlich doch aufgehen und den einen oder anderen Hit abwerfen. Das wirklich Ärgerliche an Tennis‘ Debütalbum „Cape Dory“ ist jedoch, dass es in seinen schon reichlich knapp gehaltenen  30 Minuten Spielzeit nicht einen einzigen erinnerungswürdigen Moment bereithalten kann. Wo sich The Drums oder Best Coast wenigstens für die eine oder andere heimliche Mitsumm-Melodie verantwortlich zeigen, bleiben bei Tennis am Ende nur bloße Leere und Belanglosigkeit zurück, die das Album nicht mal als „Guilty Pleasure“ durchgehen lassen.

Wie im letzten Jahr ein im freundlichsten Fall als gerade einmal nett zu umschreibendes Liedchen wie „Marathon“ die Geschmacksgurus von Gorilla vs. Bear bis Pitchfork in tiefe Verzückung versetzen konnte, bleibt beim Hören von „Cape Dory“ umso schleierhafter, so öde, ideen- und substanzlos hier alles den Bach runterplätschert. Sicher, die simplen Sehnsüchte und einfachen Botschaften, die Tennis formulieren, mögen den Zeitgeist treffen und für Menschen mit eher bescheidenem Anspruchsdenken vielleicht auch ihren ganz eigenen Charme entfalten. Ebenso wie Jangle-Gitarren und süßliche Harmoniegesänge natürlich auch noch nie jemandem geschadet haben. Hinter dieser  trendigen und sicherlich auch gefälligen Oberfläche offenbaren Tennis jedoch neben gähnender Langeweile auch eine, vielleicht nicht unbedingt gewollte, aber dennoch geradezu reaktionär anmutende Biederkeit, die sie endgültig als Guttenbergs des Indie-Pop entblößt.

30

Label: Fat Possum

Referenzen: The Beach Boys, Best Coast, The Drums, Vampire Weekend, Real Estate, Beach Fossils

Links: Bandcamp, MySpace

VÖ: 18.01.2011

10 Kommentare zu “Rezension: Tennis – Cape Dory”

  1. Lennart sagt:

    Gut gebrüllt, und „Guttenbergs des Pop“… tihihi…

  2. dominik sagt:

    kann ich nicht nachvollziehen. für mich ein sehr gutes pop album nicht mehr und nicht weniger.

  3. Dr. Borstel sagt:

    Und ich hatte schon einen weiteren Hype vermutet, den ich als Einziger einfach nicht verstehe. „Nett“ ist kaum ein Attribut, das man sich gern auf die Fahnen schreibt, in diesem Fall aber nur zu passend.

  4. Sandfisch sagt:

    Ich muss mich „dominik“ anschließen und finde die Herangehensweise des Autors gänzlich falsch oder besser gesagt penibel/unangemessen. Zu hohe Messlatte oder so. Als ob das eine Oper oder ein Radiohead Album wäre. Zwei Menschen machen eine leichte und unkomplizierte Platte und als Reaktion darauf, werden ihnen jegliche Indie-Attitüden und Pseudointentionen nachgeschrieen?

    „Cape Dory“ ist sicherlich unbedeutend, aber deswegen auch sagenhaft schlecht (zumindestens impliziert die 30%-Wertung mir das)? Finde ich nicht. Unaufgeregt und zur ersten frühlingsanmutenden Sonne passend. 55%-65%-Wertung meiner Meinung nach.

  5. @Sandfisch: 30% bedeutet gewiss nicht „sagenhaft schlecht“, es gibt ja noch 29 schlechtere mögliche Wertungen. Wie du schon sagst eine unbedeutende Platte, und da es gerade in der Richtung in letzter Zeit nun wirklich einiges an vergleichbarem, deutlich stärkerem Material gab kann ich die Wertung durchaus nachvollziehen.

  6. Pascal Weiß sagt:

    Ist doch noch ganz gut weggekommen.

  7. Bastian sagt:

    Dann meldet sich der Autor mal selbst. Keinesfalls will ich Tennis mit Radiohead oder gar Opern vergleichen (erstere mag ich manchmal ganz gerne, für letztere habe ich eher wenig übrig). Und ich habe auch kein Problem mit leichten, konventionell gemachten Rock/Pop-Alben. Ganz im Gegenteil, ich liebe zum Beispiel Teenage Fanclub, The Pains Of Being Pure At Heart oder aktuell YUCK. Was diese aber meiner Ansicht nach von Tennis unterscheidet, sind zum Beispiel clevere Anspielungen (soviel Nerdtum muss erlaubt sein), charmante Textzeilen oder schlicht und einfach tolle Songs. Von all dem finde ich auf diesem Album genau nichts, womit es eben auch als leichte Kost durchgefallen wäre. Außerdem finde ich, dass die Band in ihrer Naivität und ihrem Eskapismus gerade in Bezugnahme auf den Früh-Sechziger Heileweltpop irgendwie zu weit geht und damit letztendlich soetwas wie seichten Urlaubsschlager im Indiegewand abliefert. Und das sage ich als jemand, der Kitschmomenten in Popsongs nicht unbedingt unaufgeschlossen gegenübersteht.
    Das restliche bisschen an hoffentlich nicht allzu plumper Provokation möge man mir verzeihen. Man wird schließlich auch mal anständig hassen dürfen.

  8. Sascha sagt:

    Mhh, kann die Meinung nicht ganz teilen, auch die schlechten Kritiken bei Tinymixtapes und Pitchfork. und (eben) zuletzt hier – wobei man sogar ganz ketzerisch fragen könnte, wie die Bewertung hier wohl ausgefallen wäre, wenn die anderen beiden genannten Seiten sich besser über das Album ausgelassen hätten… aber gut, das ist jetzt reine Theorie und irgendwie doofe Unterstellung, egal. Ich finde das Album sehr schön, habe allerdings auch eine ausgeprägte Schwäche für so ungefährlichen Pop a la Belle & Sebastian oder zuletzt auch Allo Darlin. Halbwertszeit meist genau einen Sommer, dafür allerdings perfekt. So wie letztes Jahr eben Best Coast, nur das waren sich komischweise alle einig. Egal, ich find’s halt gut und wollte das nur mal in so einer biergetränkten Mitteilerlaune mal jeden wissen lassen.

  9. Markus sagt:

    Glaube, unsere Bewertungen entstehen ziemlich losgelöst von anderen Portalen; Überschneidungen und Tendenzen sind da eher Zufall als Kalkül. Klar, bei uns schnappen die Autoren sich natürlich meist die Platten, mit denen sie was anfangen können (wir haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit), daher ist unser Wertungsniveau relativ hoch.

    Grundsätzlich sollte man sich aber einfach auch von Wertungen frei machen – jeder hat eben andere Zugänge zu Musik. Dazu kommt die Stimmungsabhängigkeit oder vielleicht auch die (momentane) Genreaffinität. Entsprechend sind die Prozentzahlen sogar immer auch nur momentanes Stimmungsbild der Autoren.

    Freut uns aber, dass du Lust auf Feedback hast – und lass dir nicht den Spaß an der Musik vermiesen.

    PS: Es gab letztes Jahr bei uns keine Best-Coast-Rezension, weil fast das komplette AUFTOUREN-Team die platte so unendlich langweilig fand ;)

  10. […] und Garage-Rock einverleibt hat. Das ist mal mehr (Yuck, Smith Westerns), mal wie im Fall von Tennis oder diesem Chicagoer Duo deutlich weniger […]

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