Im Schattenreich von How To Dress Well werden die Lichter ausgeblasen. Der Atem erstarrt mitten im Raum, während eine geisterhafte Düsternis sich beklemmend mit ihren eiskalten Fingern um den Hals schlingt. Graues Rauschen dringt aus den Boxen, Stimmen, entstellten Fratzen gleich. Bereits gleich zu Beginn wird eine Atmosphäre des Entmenschlichten heraufbeschworen, die in Distanz zum Gewohnten steht und sich schnell im Nebulösen verliert. Kaum etwas ist hier greifbar, fast alle Songs scheinen von ihrer natürlichen Körperlichkeit befreit. Und eben diese Flüchtigkeit fegt Äußeres und Inneres leer, als gälte es, die Welt zu einem unwirtlicheren Ort zu machen. „Love Remains“ löst nichts von dem Optimismus ein, den der Titel verspricht. Im Gegenteil, hier verschwimmen Gedanken, regiert das Schwarze, verlieren Dinge ihre Konturen. Dieses Album zerfällt in einem vierzigminütigen Auflösungsprozess, der bloß Hall und Rauschen zurücklässt – und gespenstische Ahnungen an Gefühle und Existenzen. Der Wärme ist bloß eine biedere Statistenrolle zugedacht, ein Platz abseits des Geschehens, den es wortlos hinzunehmen gilt. Ohne jegliche Ansprüche, ohne selbst jemals Teil der Erinnerung zu werden.

Und erinnert wird bei How To Dress Well an viel! Zeitliche, räumliche und zwischenmenschliche Distanz – das ist sowohl grundlegendes Konzept als auch Ausgangspunkt für die enorme Wirk- und Gestaltungskraft dieses Debütalbums, das von Überlagerungen, blinden Flecken und übersteuerten Verdichtungen lebt, die stets auch einem Prozess des Verblassens ausgesetzt sind. Da ist es fast kein Wunder, dass auch stilistisch umfassend agiert wird: Zwischen Ambient, Lo-Fi , Beatmaker, Freak Folk und 90er-Jahre-R’n’B wird systematisch geforscht, ohne dass es dort zu aufgesetzten Brechungen kommt. Auch dann nicht, wenn wie bei „My Body“ durch extremes Pitchen der Stimme in gleißende Höhen an die Vokalakrobatik einer Mariah Carey und deren Oberflächenperfektionismus erinnert wird. Was sich anhört, als müsste dies in dieser Umgebung als ironische Brechung gelten, erweist sich jedoch als schlüssig in der Kontinuität der Gefühlsdehydrierung. Jegliche sexuellen Momente, jegliche Körperlichkeit wird ins Dämonische oder Morbide überführt, so dass der Soul bloß als kalte Hülle zurückbleibt.

Tom Krells Stimme bietet dabei jedoch immer wieder Angelpunkte in einer Atmosphäre des Vagen. Eine Stimme, die wie Ostwind um die Ecke pfeift und dauernd vergeblich gegen die Verzerrung und Störfilter ankämpfen muss, mit denen sie nachträglich belegt wird, so dass aller weicher Singsang doch bloß nur als schales Stimmchen und krudes Kratzen im Gedächtnis zurückbleibt. Manchmal so hilflos wimmernd, wie ein kleiner Hund im Angesicht eines übermächtigen Feindes, der hier gänzlich unkonkret und deshalb umso angsteinflößender bleibt. Die Produktion dieses Albums hat daran einen großen Anteil, vermag sie „technischen“ Hörern pures Entsetzen ins Gesicht zu pusten: Die Bässe ein übersteuerter Haufen, die Höhen und Gesänge verraschelt, die Loops aus dem Laptop teils hemmungslos digital übersteuert, die Mitten fehlen fast komplett. Es ist ein Album, das durchaus die Extreme ausreizt, ohne letztlich verstören zu wollen.

Die übersichtlich eingesetzten Mittel sind dabei letztlich ebenso simpel wie effektvoll: Die Beats knistern, Klavier und Konzertgitarren existieren als bloße Skizzen, die Details schillern aus der Tiefe hervor, bis sie wieder in die ungreifbaren Sphären abtauchen, die jeden Song als düstere Ahnung durchwabern, als suchte Philosophiestudent Tom Krell das Verbindliche im Unverbindlichen. Dazwischen: verschlungene Melodien, endlose Feedbackschlaufen, lädierte Fetzen des Griffigen. Gerade die Single „Ready For The World“ und das kongeniale stolpernde „Decisions“ verbinden schräges Experiment und unscharfe Emotion zu einem intensiven Hörvergnügen.

Geisterhaft und bedrohlich bleibt jedoch die Grundstimmung, selbst die Texte sind in triefendes Schwarz getüncht, falls man sie je entziffern kann. Die Titel selbst geben Anhaltspunkte: „Suicide Dream“, „You Don’t Need Me Where I’m Going“, „Can’t See My Own Face“, scheinen die Abgründe der Seelen zu Tage zu fördern. Fast alle Songs sind in ihrem intimen Habitus schutzlos, befeuern aber diverse Assoziationsketten: Ableben und menschlicher Nachhall, Erinnerungen, Spiritualität und modrige Urängste. Entsprechend widerspruchslos kann „Love Remains“ auch unter dem Trendbegriff „Witch House“ subsummiert werden; ein Genre, das sich eher durch eine ästhetische Grundhaltung definiert denn durch stilistische Vergleichbarkeiten.

Allein die Tragik des Menschlichen wird auf „Love Remains“ verhandelt. Manchmal etwas trist, unbarmherzig und entrückt, als seien die Songs direkt einem dramatischen Traum entronnen. In den sensationellsten Momenten sind sie jedoch gleichzeitig von der Art Schönheit geprägt, die der Protagonist in „American Beauty“ empfindet, als er das anmutig tänzelnde Laubblatt filmt. Die Hoffnung blinzelt eben auch im Dunklen. Wenn man ganz genau hinhört.

88

Label: Lefse

Referenzen: Washed Out, Ariel Pink, oOoOO, Balam Acab, Active Child, Toro Y Moi, City Center, Teen Daze, Grimes

Links: Myspace, Label, Interview

VÖ: 21.09.2010 [US] / nur Import

3 Kommentare zu “Rezension: How To Dress Well – Love Remains”

  1. […] – eine Reminiszenz an das Trendthema 2010, Witch House. Parallelen gibt es dort vor allem zu How To Dress Well und Autre Ne Veut, die AUFTOUREN im letzten Jahr begeisterten: Im eigenen Schlafzimmer eingespielt, […]

  2. […] „Love Remains“ überzeugte durch eine oft böse übersteuerte Schlafzimmerklangästhetik, die, obwohl voll synthetisch, eher nach Low-Fi-Tapeloops und 4-Spur-Aufnahme denn nach PowerBook klang und Regionen im Hirn antriggerte, die für verschüttgegangene Erinnerungen zuständig sind. Hypnagogic Pop oder Hauntology dienten als Genrezuschreibungen. Diese Klangwelt verband How To Dress Well z.B. mit Künstlern wie Toro Y Moi (erstes Album), Burial oder Baths. Die Soulassoziationen transportierte Krell fast ausschließlich über seinen Falsettgesang, der zuweilen klang, als hätte er in größter Seelennot mangels Alternativen einfach in einen Kopfhörer gesungen, und dessen Arrangement. […]

  3. […] allen Vergleichen mit R’n'B-Dekonstruierern wie How To Dress Well oder oOoOO die man finden mag, live erinnern Hype Williams besonders in ihren noisig verdichteten […]

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