How To Dress WellTotal Loss

Bevor „Love Remains” , das Debüt von Tom Krell aka How To Dress Well 2009 veröffentlicht wurde, irrlichterten schon einige Songs durch die Blogosphäre und sorgten für vermehrte Aufregung. Hier wurde eine Selbstbemächtigung innerhalb des Genres R’n’B/Soul inszeniert, die weit jenseits von Robo-Gloss a la Beyoncé und Retro-Kitsch à la Duffy einen eigenen Ansatz offenbarte.

Love Remains“ überzeugte durch eine oft böse übersteuerte Schlafzimmerklangästhetik, die, obwohl voll synthetisch, eher nach Low-Fi-Tapeloops und 4-Spur-Aufnahme denn nach PowerBook klang und Regionen im Hirn antriggerte, die für verschüttgegangene Erinnerungen zuständig sind. Hypnagogic Pop oder Hauntology dienten als Genrezuschreibungen. Diese Klangwelt verband How To Dress Well z.B. mit Künstlern wie Toro Y Moi (erstes Album), Burial oder Baths. Die Soulassoziationen transportierte Krell fast ausschließlich über seinen Falsettgesang, der zuweilen klang, als hätte er in größter Seelennot mangels Alternativen einfach in einen Kopfhörer gesungen, und dessen Arrangement.

„When I Was In Trouble“, der erste Song auf „Total Loss“, scheint direkt am Vorgänger anzuschließen – ein verrauschtes Déjà Vu. Der Hall, das Rauschen, die Piano-Loops, die „unsauberen“ Samples, die Nähe zu Ambient – alles ist noch da. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, obwohl sich die Themen auf „Total Loss“ wieder aus größter Seelenpein speisen, dass musikalisch ein ganz anderer Masterplan verfolgt wird. So reißt „Total Loss“ teilweise Leerstellen in die Musik, wie sie Nicolas Jaar populär gemacht hat. Die gesamte Produktion ist im direkten Vergleich zum Vorgänger Hi-Fi, besonders deutlich wird dies jedoch an Krells Gesang. Ging dieser auf „Love Remains“ fast in der Musik unter, erklingt er auf „Total Loss“ stellenweise so klar und glockenhell wie noch nie oder durchläuft innerhalb eines Songs verschiedene Transformationen. Nachhören lässt sich das beispielsweise auf „When I Was In Trouble“, „Running Back“ oder „& It Was U“, wobei Letzteres fast als chartstauglicher R’n’B, geerdet im How-To-Dress-Well-Universum durchgehen könnte. Oder in „Talking To You“ wo Krell ein Duett mit sich selbst bestreitet, welches wie er sagt die emotionale Ambivalenz beschreibt, wenn konkurrierende Begierden aufeinander treffen. Gefühle und Emotionen, die in zwischenmenschlichen Beziehungen nicht gerade selten auftreten.

Man darf sich von eventuellen anfänglichen Frustrationen auf gar keinen Fall ausbremsen lassen, denn dieses Album entpuppt sich als klassischer „Grower“. Emotionale Wucht und Tragödie sind der Treibstoff, mit dem „Total Loss“ befeuert wird. Diesen Umstand verdeutlicht Krell noch einmal im vorletzten Song „Set It Right“, wenn er sich von geliebten Personen verabschiedet. Trotzdem, das ist vielleicht das große Paradox von „Total Loss“, strahlt das ganze Album unterschwellig Positivität und Lebensbejahung aus. Und das muss irgendwer How To Dress Well bei der Schwere des Sujets erst einmal nachmachen.

76

Label: Weird World / Domino

Referenzen: Holy Other, Nicolas Jaar, Grouper, Baths, Toro Y Moi

Links: Homepage | Facebook | Soundcloud

VÖ: 14.09.2012

Ein Kommentar zu “How To Dress Well – Total Loss”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Kann Deine Gedanken absolut teilen. Finde den neuen Ansatz ebenfalls durchaus reizvoll, ertappe mich aber immer wieder dabei, dann doch das Kaputte des Vorgängers noch mehr zu mögen. Eine satte obere 7 gibt es aber auch von mir.

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