Musik aus Strom: Neuneinhalb elektronische Alben im Schnellcheck (II)

Es soll immer noch Musikhörer geben, die sich partout weigern, elektronische Musik als wertig wahrzunehmen. Eine solche Haltung ringt dem AUFTOUREN-Team natürlich nur ein gequältes Stirnrunzeln ab. Denn die aktuellen Veröffentlichungen bieten genauso viel Rasanz und Abwechslung wie die „ehrliche“ und „handgemachte“ Musik. Dass Digitalmusik auch nicht weniger kreativ und spannend ist – ganz im Gegenteil -, davon könnt ihr euch hier überzeugen. Per Klick geht es übrigens noch einmal zu Teil 1 dieses Plattenchecks.

LORN – NOTHING ELSE

Lorn gibt sich erst gar keine Mühe, besonders zuvorkommend und höflich zu erscheinen. Seine Tracks sind Abgründe, in bizarrer Abfolge hintereinander geschaltet, mit Richtungswechseln wie Haarnadelkurven. So heißt es: Erst wild, dann verträumt knatternd. Toll!  „Nothing Else“ ist sein Debütalbum auf Flying Lotus‘ Brainfeeder Label und gibt permanent Vollgas bei angezogener Handbremse. Dass das nicht unbedingt immer hörfreundlich ist – geschenkt. Düster sind seine Visionen und Gedanken, die Beats tragen Stachelhalsbänder und werden massiv getürmt und mit breiten Schultern Gassi geführt. Der Elektropionier Clark wäre sicherlich darauf ebenso stolz, wobei Lorns instrumentale Skizzen deutlich mehr Spaß bieten. Nicht nur, weil hier die physische Kraft der Beats nie vollends ausgeschöpft wird, sondern weil einige Tracks mit Ratatat-Melodien (Ratatats „LP4“ ist übrigens auch just erschienen) und fragmentierten Stimmen den eigenen Charakter superb unterstreichen.

Label: Brainfeeder | Homepage | VÖ 11.06.2010

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TRENTEMØLLER – INTO THE GREAT WIDE YONDER

Neuerdings nimmt der Kopenhagener auch noch das Albumformat ernst und versucht sich an gefühligen Popsongs, die er in Morricone-Manier auffächert oder mit rosaroten Wolken ausstaffiert. So gerät „Into The Great Wide Yonder“ zu einer bauchigen und flauschigen Angelegenheit, die mit ausufernden Arrangements auffängt und warmhält – und ziemlich weit weg ist von den minimaltechnoiden Tracks seiner ersten Schaffensperiode. Das vorsichtige Vermeiden von allzu schmierigem Pathos gelingt zwar nicht immer, aber dafür ist dieses Werk von einer immanenten Schönheit, die besonders in den Vocalsongs zum Tragen kommt. Unterbrochen nur von instrumentalen Wellen Frischluft und beatlastigen Zuckungen, die sich gerne auch zu schnörkellosen Pattern steigern. Hier wohnt die Romantik – und zwar diejenige ohne Türschild aus Salzteig.

Label: My Room| Homepage | VÖ 28.05.2010

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CLUBROOT – II MMX

Clubroot konnte im letzten Jahr mit seinem Werk den Platz 39 unserer Jahrescharts belegen und schon damals überzeugte uns der klassisch atmosphärische Charakter seines Dubstep-Entwurfes. Mit „II MMX“ ist die Stimmung auf dem wankenden Weg zurück durch schemenhafte Gassen nachts um halb fünf erneut prächtig vertont. Entrückt und etwas fahl zwischen Glück und Tristesse musiziert er seine gespenstische, fast spukende Musik, die mit Geradlinigkeit sogar noch gewinnt, aber klangmäßig keine Neuerungen zu bieten hat. Austariert zwischen ambienten und pulsierenden Tracks ist dieses Album nie egal, sondern beunruhigend, mysteriös und folgenschwer. Wer auf die neue Burial wartet, ist hiermit hervorragend bedient.

Label: Lo Dubs |  Homepage | VÖ 28.05.2010

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GUIDO – ANIDEA

Melodiezentrierter, empathischer und zugänglicher kommt „Anidea“ des Bristol-Produzenten Guy Middleton daher, der seine Vorstellungen aktueller und futuristischer Musik zu einem basslastigen Werk formt, das sich keine formalen Grenzen aufzwängt. Naiv-bunte Soundscapes reihen sich an brutal aufgemotzte Vocoder-Batzen bis man nicht mehr so genau weiß, was nun als ironisch, was als hemmungslos ernst zu kennzeichnen ist.  Gefilterte und gegen die Wand geklatschte Vocaltracks finden sich im Mittelteil, grimmige Grime-Songs und grelle Schamlosigkeiten eher in den Randbezirken. Unterhaltung ist dabei garantiert. Gute und grenzwertige, die beide den Spaß maximieren.

Label: Punch Drunk| Homepage | VÖ 04.06.2010

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JAMES BLAKE – CMYK EP

James Blake (also, der Musiker, nicht der Tennisspieler) ist unter Kennern längst schon kein Unbekannter mehr. „CMYK“ (die Abkürzung für die vier Farben, die den modernen Vierfarbdruck ermöglichen) ist eine kleine elektronische Großtat. Seine Musik will nicht mehr Dubstep sein und ist noch nicht House oder IDM – eine echte Hängepartie, der alle Optionen offenstehen: Zerklüftete Elektronik, urbaner Style und verfremdete, fragmentierte Stimmsamples, deren Ursprung und Position im Raum trotz Prägnanz immer ein bisschen unklar bleiben. Gerade dieses Ungewisse, Uneindeutige ist das Wesen der Songs von James Blake, die oft nur Skizzen bleiben und dennoch mit einem enormen Wissen ausgestattet sind. Von den elektronischen Offensichtlichkeiten der 90er, bis zu knisternden, statisch aufgeladenen Experimenten seiner englischen Kollegen und modernen Entwicklungen in Dubstep und Elektronik. Dabei ist dieser Londoner Produzent erst 22 Jahre alt und erweist sich dennoch bereits ein ums andere Mal als erwachsener Musiker.

Label: R&S| Homepage | VÖ 18.05.2010

Ein Kommentar zu “Musik aus Strom: Neuneinhalb elektronische Alben im Schnellcheck (II)”

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