Vor gut acht Jahren war es eine erste Single, die sich völlig unbeschwert an dem Aufzählen von angesagten Bands und Örtlichkeiten aus der Pophistorie ergötzte, gleichzeitig in unbeschreiblicher Manier Killing Jokes „Change“ in eine andere Zeit, ja, auf eine andere Ebene projizierte und als Tanz-Wüterich bis heute kraftstrotzend mitreißt. Auch für das inzwischen dritte und vermutlich letzte Album von LCD Soundsystem musste die DIN-geprüfte Plattenkiste wieder herhalten, jedoch skizziert „This Is Happening“ trotz entschlossen fordernder Beinfreiheit einen zweifelnden, reflektierenden James Murphy, inzwischen jenseits der 40, der sich vor allem nach Geborgenheit sehnt.

Nachdem das gleichnamige Debüt aus 2005 noch einer Compilation mit herausragenden Einzelsongs glich, sympathisierte „Sound Of Silver“ trotz singletauglichen 4-Minütern wie „Time To Get Away“ oder „Watch The Tapes“ zusehends mit dem Albumformat als solchem und präsentierte sich als homogene Grundgesamtheit – mit dem unnachahmlichen Centerpiece „All My Friends“ als Turm in der Schlacht. Auf „This Is Happening“ versucht sich lediglich noch der reichlich angeschickerte In-Your-Face-Punch „Drunk Girls“ auf direktem Wege; der eingeschlagene Pfad wird also konsequent fortgesetzt, das Gesamtkunstwerk steht im Vordergrund, auch Start und Ziel sind dabei klar festgelegt.

So täuscht „Dance Yrself Clean” zu Beginn drei Minuten lang verhalten an, mimt das zahme Intro. Bis Murphy das „Go“ gibt, die Boxen mit Freuden zerschießt und dem Verstärker jede Überlebenschance nimmt: “Don’t you want me to wake up? / Then give me just a bit of your time”, eine Forderung, der man nur allzu gern nachkommt. Dass dieser Bastard von Song wenig später in oben genanntes “Drunk Girls” mündet, liegt auf der Hand. Doch erste Bedenken schleichen sich ein (“Oh I believe in waking up together […] But still be honest with me / Honestly! / Unless it hurts my feelings”), und zeichnen einen zweifelnden Kauz auf dem Sprung vom tobenden Entertainer zum nach Geborgenheit lechzenden, Bindung suchenden Liebhaber – “Daft Punk Is Playing At My House” ist halt auch schon etwas her. Noch deutlicher wird dies in dem Über-Hit „All I Want“, der sich zudem David Bowies „Heroes“-Gitarre leiht und voller Respekt auf das typische LCD-Soundsystem-Gewand maßschneidert: “Wait for the day you come home from the lonely part / And look for the girl who has put up with all of your shit / You never have needed anyone for so long […] Now all I want is your pity, or all I want is your bitter tears” – zum Ende hin quietschen und schluchzen die Synthesizer, geraten vollends aus den Fugen; dazu immer wieder ein verzweifeltes Flehen: “Take me home.”

Dass „This Is Happening“ trotzdem alles andere als Wehmut verbreitet, liegt an Murphys Gespür für Details, dieser allen Trends trotzenden Melange aus Glam Rock, (Post-)Punk und Disco. Und an seiner beißenden Ironie. So etwa protestiert der DFA-Mitgründer (“You wanted a hit / But maybe we don’t do hits / I try and try…/ It ends up feeling kind of wrong”) ausgerechnet in der Grauzone (na, wer erinnert sich?) über falsche Erwartungen oder erzählt, jault und nölt im unverschämt gleichmäßig groovenden „Pow Pow“ wie Stephen Malkmus zu seinen besten Zeiten. Natürlich nicht, ohne den Kids noch schnell ihren Stoff abzuziehen („Your time will come / But tonite is our night / So you should give us all your drugs”), so viel Spaß muss schließlich noch sein. Das anschließende “Somebody’s Calling Me” verneigt sich zwar vor Iggy Pops “Nichtclubbing”, zieht sich aber bereits voller Sehnsucht zurück, nach Hause.

Wenn es denn tatsächlich das letzte Kapitel von LCD Soundsystem gewesen sein soll, hat James Murphy mit einem famosen letzten Album eine Trilogie hinterlassen, die in ihrer Stringenz wahrhaft imponiert. Vieles spricht dafür, nicht zuletzt die verabschiedenden, letzten Worte im melancholisch-pushenden, wundervollen Schlussstück (wie hätte es anders kommen können?) „Home“: „If you’re afraid of what you need / Look around you, you’re surrounded / It won’t get any better / So good night.“

88

Label: DFA | Parlophone (EMI)

Referenzen: Roxy Music, Talking Heads, !!!, David Bowie, Can, The Juan MacLean, Brian Eno, Modern Lovers, NEU!, Caribou, Hot Chip, Public Image Limited, Gang Of Four, The Rapture

Links: Homepage | MySpace

VÖ: 14.05.2010

4 Kommentare zu “Rezension: LCD Soundsystem – This Is Happening”

  1. Lena sagt:

    Das Album ist diese Woche unter den Items of the week auf http://www.sounds-like-me.com/news/items-of-the-week-2/
    Checkt sie mal aus, sind immer coole Sachen dabei!

  2. […] Broken Social Scene – Forgiveness Rock Record Future Islands – In Evening Air Baths – Cerulean The National – High Violet LCD Soundsystem – This Is Happening […]

  3. […] Ausnahme eines einzigen Songs komplett auf Singles oder 3-, 4-, ja gar 5-Minüter verzichtende „This Is Happening“ von LCD Soundsystem konnte einen Einstieg in die Top 10 (31000) der US-Charts verbuchen. Diese […]

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