Ob es Mike Hadreas wohl zuwider ist, sich in der Rezeption seiner Werke immer mit den Attributen „zerbrechlich“ oder „zerrissen“ konfrontiert zu sehen? Jedes seiner bisherigen Alben schöpfte mal mehr, mal weniger aus dieser Eigenschaftsschublade und auch „No Shape“ macht sich den pastelligen Unterton nicht selten zu Eigen. Doch Perfume Genius setzt dem eine wohldosierte Portion Süße entgegen, der dem variantenreichen Pop seines vierten Albums Kitsch, Kunst und Krempel zugutekommen lässt.

„No Shape“ – aufreizend formlos inszeniert Hadreas seine erneute Tour de Force und fährt gleich zu Beginn den größtmöglichen Zinnober ins Feld. „Otherside“ ist noch von der typischen Zweischneidigkeit des juvenilen Sinnsuchers geprägt, doch schon das darauf folgende „Slip Away“ streckt sich munter nach allen Seiten und lässt im fordernden Schlussteil akustische Silberwölkchen und Goldflitter von einem stolpernden Cembalo einholen. Jedes Stück des Albums ist beseelt und scheint sich seiner Einzigartigkeit bewusst, trotz aller Innigkeit setzt der nach wie vor jungenhafte Mittdreißiger den kleinen und feinen Popsongs allerlei Flöhe ins Ohr und nimmt so immer wieder die Schwere heraus.

„Valley“ ist ein munterer kleiner Walzer, „Wreath“ klingt nach der Sturm- und Drangphase Patrick Wolfs zu Zeiten von „Lupercalia“ und das sympathisch schmierige „Just Like Love“ erscheint wie eine rosarote Liebesschnulze aus den 80ern – Weichzeichner inklusive. Sorgten auf dem Vorgänger Kracher wie das extrovertierte „Grid“ für kurzzeitige und vehemente Brüche, ist das auf „No Shape“ nicht notwendig. Hier geschieht dies in eher stillen Momenten wie dem aus dem Geigenhimmel zur Erde fallenden „Every Night“, das mit seiner Zartheit die besungenen Liebesschwüre und Leiden nur noch unterstützt.

Zur Mitte des Albums hin wird Perfume Genius experimentierfreudiger und lässt im stimmlos gehauchten „Choir“ Geigentremolos in die Nacht entweichen, „Die 4 You“ erinnert stimmlich an die ruhigen Momente Autre Ne Veuts und entwickelt sich nicht nur im Albumkontext zu einer der bislang besten Nummern des Amerikaners. Generell hört man, dass er sich nach wie vor an existenzielle Fragen und Themen heranwagt, denen er sich wie immer von der innerlichsten und damit schmerzhaftesten Seite zu nähern scheint. In all die Suche nach Antworten und Bestandsaufnahmen mischt sich jedoch eine zuvor nicht wahrgenommene Wärme, die vor allem in von Natalie Mehring alias Weyes Blood mitgestalteten „Sides“ zum Ausdruck kommt. Sich stark in Melodiebögen suhlend, bereitet es auf den zittrigen Albumabschluss vor, der mit dem pianodurchwirkten „Braid“, dem deutlich zu langen Future-Soul-Experiment „Run Me Through“ sowie schließlich „Alan“ zurück in die Intimität des heimischen Schlafzimmers drängt.

Nie schien Perfume Genius persönlicher als in diesen letzten knapp drei Minuten, nie brauchte Hadreas weniger Worte für das, nach dem er sich sehnt und nach dem wir uns alle sehnen. Dieses Einanderbrauchen, das Aufeinanderaufpassen, das Sichvertrauen. „You Need Me, Rest Easy, I’m Here, How Weird.“ Am Ende schließt Perfume Genius dann doch versöhnlich und lässt wenig Zweifel aufkommen, dass er trotz aller zuvor besungenen Unwägbarkeiten mehr denn je mit sich und seiner Welt im Reinen ist.

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