Perfume GeniusToo Bright

Machen wir uns mal nichts vor: Schon die ersten Klänge des Debüts „Learning“ stellten deutlich die etwas andere musikalische Sichtweise des androgynen, blassen Jungen aus Seattle heraus. Auch das Nachfolgealbum „Put Your Back N2 It“ konnte das fragmentarische, skizzenhafte Musikverständnis kaum kaschieren und doch überzeugten beide Alben mit zerbrechlichen Popsongs, die immer entweder kurz vor der Himmelfahrt oder dem Nervenzusammenbruch standen.

„Too Bright“ ist in dieser Hinsicht anders und trotzdem konsequent. Allein schon „Queen“ katapultiert Hadreas musikalisch in völlig andere Sphären und bricht kontemporäre Popvorstellungen auf. Die schimmernde Transparenz weicht einer geschlossenen Melodieführung, die sich zum energischen Refrain hin stetig steigert. Eine Hinwendung zum spontanen Bombast, der jedoch auf dem restlichen Album eher in Einzelteilen zelebriert wird. Hadreas ist wütender als auf den Vorgängern, ist Kläger und Richter zugleich und macht das auch deutlich: „No family is safe, when I sashay“. Noch nie klang Perfume Genius dabei so stark nach Xiu Xiu wie zum Beispiel im zittrigen „I’m A Mother“, in dem er seine brüchige Stimme hinter einem Vorgang aus verwaschenen Elektronikfetzen versteckt.

Generell erinnert vieles auf „Too Bright“ an eine positiver aufgelegte Version Jamie Stewarts. Jetzt darf man dabei sicherlich nicht von allumfassender Glückseligkeit ausgehen, doch bekommen viele Songs durch ihre unfassbare Emotionalität eine tröstliche Note. „I can see for miles“ heißt es zu Beginn in „I Decline“, was Aufbruch, vor allem aber Weitsicht verheißt, dabei öffnen sich Sänger und Komposition nur nach und nach. „Fool“ wiederum richtet den Blick nach hinten und entpuppt sich im Mittelteil als ätherische Deeskalation bar jeder rhythmischer Vernunft.

Hadreas spielt auf „Too Bright“ deutlich häufiger mit Tempo und Rhythmus und lässt auch das noch auf den Vorgängern omnipräsente Klavier in den Hintergrund treten. „No Good“ heißt eine der beiden hinreißenden Klavierballaden, die in waidwunder Elegie badet und vor echtem Herzschmerz tropft, ohne auch nur einen Hauch kitschig zu wirken. Auf der anderen Seite hingegen stehen das unheilvoll dräuende „My Body“, das sich bittere Noisepassagen gefallen lassen muss und das fantastische „Grid“, welches sich irgendwo zwischen pulsierenden Industrialbeats, ausgefranstem Psychobilly und dem wohl ohnmächtigsten Aufschrei der jüngeren Popgeschichte wiederum ganz dicht an die letzten Xiu-Xiu-Werke anlehnt.

Hadreas eckt an und holt einen aus jeglicher Komfortzone. Seine von Haus aus fragile Stimme windet sich um die sorgfältig zerklüfteten Stücke und gedeiht ihnen einen seltsamen Schmelz an, der nicht selten auch schmerzhaft in unfassbare Schemen zerfällt. Trotz allem bleibt aber ein Glanz in ihr erhalten, der vor allem den getrageneren Stücken wie dem Titelsong hervorragend steht. Es gibt keine Schwächen auf „Too Bright“, jedenfalls keine, die Perfume Genius nicht selbst herbeiführen hätte wollen. Sicherlich ist das Album ungeheuer schwer zu fassen, bedarf aufmerksamen Zuhörens und fordert dies auch ein, doch wer sich auf die gute halbe Stunde echten Seelenzerreißens einlässt, wird in keinster Weise enttäuscht.

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