Angel OlsenMY WOMAN

Musikalische Werdegänge zu beobachten, ist ein lohnenswertes Unterfangen. Entwickeln sich Künstler aus den einstmals engen Grenzen ihres Schaffens heraus und fügen nach und nach neue Stil- und Klangelemente hinzu? Verändert sich das musikalische Erscheinungsbild nur marginal und die Entwicklung findet nur in der klanglichen oder erzählerischen Reife statt? Erfindet sich der Urheber gar mit jedem Werk neu und lässt Vergangenes hinter sich? Bei Angel Olsen bleiben diese Fragen nach wie vor eher offen.

Sicher, die ätherischen Lo-Fi-Geistergesänge der frühen EP „Strange Cacti“ sowie der kunstvolle Folk von „Half Way Home“ nehmen bereits seit dem Vorgänger „Burn Your Fire For No Witness“ eher untergeordnete Rollen ein. Dass sie dennoch Einflussgeber geblieben sind, merkt man auf „MY WOMAN“ vor allem in der zweiten Hälfte des Albums, die entscheiden ruhiger, gesetzter, in Teilen gar kontemplativ geraten ist. Doch Olsen hat eben auch Gefallen an raueren Tönen gefunden und so eröffnet ihr neues Werk unumwunden energisch. Unverblümt geht es zur Sache, nicht nur die Gitarren haben ein ganzes Quäntchen mehr an Vehemenz im Blut. Die Sprache ist ebenfalls klar, deutlich verständlich: „Shut Up Kiss Me [hold me tight]“. Oder auch „Never Be Mine“. Oder gar „Not Gonna Kill You“.

Das säuselnde „Heart Shaped Face“ leitet die Wende ein, doch vollends in neuen Gefilden schwimmt dann erst das hinreißende „Sister“, dessen eindringliche Melodie sich in unerträglicher Süße schier bis ins Unendliche zu wiederholen scheint und sich erst spät der Erlösung hingibt: „I want to live life I want to die right, next to you/ All my life I thought I’d change“. Nichtsdestotrotz verfügen aber auch die ruhigen und stilleren Momente auf „MY WOMAN“ über Ecken und Kanten. So endet eben erwähntes „Sister“ im Gitarrentaumel, während „Those Were The Days“ flüsterleise die Seele des Songs herausfiltert und Olsen tagträumend Vergangenes und Vergängliches vorüberziehen lässt.

Olsen ist ohnehin viel bei sich selbst auf „MY WOMAN“. Ihre Texte spielen Katz und Maus mit Liebe und Leid, doch sind sie dabei weniger tränenverhangen, selbst in den milden Momenten von „Woman“ strotzt die Musikerin nur so vor Energie und Stärke. Nach wie vor verfügt sie dabei über ein immenses Spektrum in Ausdruck und Wirkung, das vom kräftezehrenden Gift- und Gallespucken à la PJ Harvey bis hin zu den hallenden Momenten des letzten Julia-Holter-Albums reicht. War dabei „Burn Your Fire For No Witness“ deutlich eklektisch, wirkt „MY WOMAN“ trotz seiner Janusköpfigkeit wie aus einem Guss.

So bleibt die Frage schlussendlich offen, welchen Grad an Veränderung Angel Olsen denn nun erreicht hat und an welchem Punkt ihres Schaffens sie aktuell steht. Sicher, ein Wandel ist deutlich erkennbar, die gipfelstürmende Gratwanderung aber eher nicht und von der Neuerfindung ist „MY WOMAN“ weit entfernt. In der Güteklasse allerdings ist fraglos alles beim Alten geblieben, denn daran, dass die AMerikanerin exzellente Werke abliefert, hat sich mal überhaupt nichts geändert.

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