John Congleton gehört zu den meistbeschäftigten Produzenten oder anderweitig hinter den Kulissen arbeitenden Musikern der Gegenwart. Sein Discogs-Eintrag zählt mehrere hundert Arbeitsbeteiligungen auf und mit seiner eigenen Band The Paper Chase schuf er fünf herausragende Alben, von denen das exzellente letzte Werk „Someday This Could All Be Yours (Part 1)“ immer noch auf seinen Nachfolger wartet. Sollte Congleton etwa …?

Der werte Kollege Bastian Heider schloss weiland seine Besprechung zu „Someday This Could All Be Yours (Part 1)“ mit der Frage, inwieweit Musik immer schön sein muss. Nach gut sieben Jahren stellt sich die Frage nach Schönheit erneut, denn auch das erste Album von Congleton, das unter dem Zusatz „& the Nighty Nite“ und unter anderem mit seinem ehemaligen Bandkollegen Jason Garner entstand, definiert „schön“ ein wenig anders. Wieder spielt Congleton damit, der dunklen Seite in seinen kleinen Pophymnen einen angemessenen Raum zu geben und bestäubt das ganze Album mit einer Firnis aus Ruß und Staub. Es britzelt und kratzt an verschiedenen Ecken und Enden und ähnlich wie in den Vorgängerwerken mit The Paper Chase wird mit Dreck und Gewalt ein passender Dekor gefunden.

Ein versuchtes Bangemachen hält Einzug und beginnt gleich mit dem garstig voran springenden „Animal Rites“. Das melodische „Your Temporary Custodian“ klingt zunächst wie ein Schauermärchen, doch öffnet es sich im Refrain zu einem räudigen Popsong mit verwegener Melodie. Nach mehrmaligem Hören stellt sich bei „Until The Horror Goes“ allerdings die Frage, warum Congleton, dieser unruhige Geist und Herr über ein schier unergründliches Musikverständnis, viel zu häufig im Selbstzitat verharrt. Das zugegeben sehr eingängige „Just Lay Still“ fügt sich ohne Umstände in den bisherigen Congleton-Kanon ein, doch ganz besonders deutlich wird es dann am Ende des Albums, wenn Congleton in „You Are Facing The Wrong Way“ den direkten Bezug zum Vergangenen sucht: „Someday this could all be yours/ but you chose to stay on all fours/ […]an existence with no poetry.“

Besonders stark ist „Until The Horror Goes“ vor allem dann, wenn es sich entweder zum unwiderstehlichen Refrain hinwendet und dazu wie in „Canaries In The Coalmine“ ein herumspukendes Klavier und sägende Streicher im Gepäck hat. Ständige Wechselspiele zürnender Gitarren, dazu die schneidende Stimme Congletons, die auch das Tohuwabohu an Instrumenten schadlos übersteht, immer wieder diese Stehhaare verursachenden Klangfarben und Melodiefolgen – doch irgendwie reicht das schlichte Ängsteschüren und Unheilpredigen wohl nicht mehr aus. Vielfach klingt „Until The Horror Goes“ gar wie eine Light-Version von „Someday This Could All Be Yours (Part 1)“, denn selbst die einstmals ausgezeichnete Melodieseligekeit in den kurzen Popschockern haben zuletzt Xiu Xiu deutlich besser im Griff gehabt.

Warum John Congleton für „Until The Horror Goes“ The Paper Chase an den Nagel gehangen hat, bleibt sein Geheimnis, denn insgeheim hätte dieses Album sicherlich auch ein vortrefflicher Nachfolger seines Opus Magnum werden können. Die Zutaten sind ähnlich, doch fehlt das gliedernde Element, vielleicht auch der progressive Überbau, der für die gewisse Würze hätte sorgen können. Mit gemischten Gefühlen entlässt uns Congleton mit „You Are Facing The Wrong Way“, das zu Schiffsglocke und sirrendem Theremin ein letztes Mal das vertraute Gefühl des trügerischen Unbehagens spüren lässt. Doch das könnte schon der Aufbruch in ein neues Kapitel sein.

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