Plattenkritiken


Review: The Paper Chase – Someday This Could All Be Yours (Part 1)

<b>Review:</b> The Paper Chase - Someday This Could All Be Yours (Part 1)

Ob das wohl die Wirtschaftskrise ist? Als wolle man dem vorherrschenden, extrem frühsommerlichen Klima in Deutschland etwas entgegensetzen, gestaltet sich die musikalische Veröffentlichungsflut derzeit extrem düster und hoffnungslos und gibt allerlei Anlass, auch bei 25°C und strahlendem Sonnenschein seinen dunklen Keller nicht zu verlassen. Wer also nach Sophias in Schwermut badender Eigentherapie und Crippled Black Phoenix apokalyptischen Rock-Epen immer noch nicht genug hat, dem bieten The Paper Chase jetzt die Möglichkeit zur finalen Selbstzerfleischung. „No one’s gonna save you“, die Männer in den weißen Kitteln warten schon.

Die Songs von „Someday This Could All Be Yours“, dessen zweiter Teil vielleicht noch Ende dieses Jahres erscheinen soll, sind allesamt nach Naturkatastrophen benannt, ein Konzept und eine Geste, der es eigentlich gar nicht benötigt hätte, um klarzumachen wie The Paper Chase ticken. So lassen sich doch, wie schon beim Vorgängeralbum „Now You’re One Of Us“, allein aufgrund des Titels Gedanken an jene traumatischen Erlebnisse typisch provinzieller Adoleszenz herbeiassoziieren, die es jedem aufrechten Teenager kalt den Rücken herunterlaufen lassen. Auch musikalisch wird hier der Weg der vorrangegangen Alben ziemlich konsequent weiterverfolgt, mit dem kleinen Unterschied, dass die bewährte Schlachthausatmosphäre diesmal noch mehr denn je in schmissige Melodien und hymnische Refrains verpackt wird, sodass die Tür zum Pop  endgültig sperrangelweit offen steht. Ein großer Schritt, zu dem man der  Band nur gratulieren kann, denn dort, wo ihre Slasherfilmszenarien früher manchmal noch etwas zu viel forderten und daher eher ein Nischendasein fristen mussten, greift „Someday This Could All Be Yours“ jetzt endgültig  nach Höherem. Schon der Opener „If Nobody Moves Nobody Get Hurt (The Extinction)“ mündet in ganz großem Kino und finalen Paukenschlägen. Ein Muster, das sich bewährt und fast jeden dieser zehn Songs zumindest in einer dunklen Parallelwelt zum echten Hit werden ließe.

Wer jetzt Angst bekommen hat und vor dem geistigen Auge  schon den neuen Supportact von My Chemical Romance befürchtet, kann allerdings auch beruhigt werden, denn der Sarkasmus und die Hinterlistigkeit, die die Band schon immer auszeichneten, sind natürlich auch hier ungebrochen und fühlen sich bisweilen immer noch an wie eine Operation am offenen Herzen ohne Betäubung. Die Produktion ist roh und scharfkantig, wie es neben Steve Albini eben nur Cheffolterknecht und Bandleader John Congleton selbst hinbekommt. Gitarren, Klavier und Schlagzeug stöhnen, ächzen, hämmern und sägen, dass eigentlich nichts mehr an ihren ursprünglichen Klang erinnern sollte und die Samples und Telefongeräusche, die den Songs hier ihren Rahmen geben, wirken als stammten sie direkt aus geheimen C.I.A.-Verliesen. Dazu hetzt Congleton in verzweifelter Isaac Brock-Manier durch Titel wie „This Is A Rape (The Flood)“ oder “We Have Ways To Make You Talk (The Human Condition)”, baut Melodien auf, nur um sie anschließend in grausamer Stakkato-Manier wieder zu zerstören. Die zugehörigen Texte hingegen wimmeln nur so vor zynischen Verweisen, „I’m enjoying a bloodbath with or without you“ heißt es im zweiten, den alten U2-Schlager herrlich verunstaltenden Titel und wenn in „The Small Of Your Back The Nape Of Your Neck (The Blizzard)“ schließlich ein drastisches „He’s got the whole world in his hands“ angestimmt wird, erreicht all die schwarzhumorige Bösartigkeit dieses Albums endgültig ihren Höhepunkt. Wer hat eigentlich gesagt, dass Musik immer schön sein muss?

<b>Review:</b> The Paper Chase - Someday This Could All Be Yours (Part 1)

Label: Southern (Soulfood)

Referenzen: Shellac, The Texas Chainsaw Massacre, Cursive, Takashi Miike’s Audition, Xiu Xiu, John Carpenter’s Halloween, 31 Knots

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 15.05.2009

5 Kommentare zu “Review: The Paper Chase – Someday This Could All Be Yours (Part 1)”

  1. recke sagt:

    was ist denn das für ein langweiliger kram? öde bis zum horizont. und sowas bekommt hier 8 punkte…

  2. Bastian sagt:

    wie du vielleicht sehen kannst sogar fast 9.

  3. Pascal sagt:

    Irgendwann bin ich dann auch auf den Trichter gekommen. Beeindruckendes Werk.

Einen Kommentar hinterlassen

Kritiken
Kettcar - Zwischen Den Runden

Kettcar - Zwischen Den Runden

Referenzen: Element Of Crime, Tomte, Jupiter Jones, Jochen Distelmeyer, Heinz Rudolf Kunze
Speech Debelle - Freedom Of Speech

Speech Debelle - Freedom Of Speech

Referenzen: Ms Dynamite, DELS, Roots Manuva, Micachu, Brand New Heavies
The Sound Of Arrows / Chairlift - Voyage / Something

The Sound Of Arrows / Chairlift - Voyage / Something

Referenzen: Pet Shop Boys, Vangelis, Goldfrapp / Nite Jewel, A-ha, Class Actress
Sharon Van Etten - Tramp

Sharon Van Etten - Tramp

Referenzen: Daughter, Wye Oak, Alela Diane, Beirut, Anna Ternheim
Lindstrøm - Six Cups Of Rebel

Lindstrøm - Six Cups Of Rebel

Referenzen: Mungolian Jetset, Todd Rundgren, Vangelis, Yello, Battles, Queen
Patten - GLAQJO XAACSSO

Patten - GLAQJO XAACSSO

Referenzen: Autechre, Aphex Twin, Flying Lotus, Boards Of Canada, Caribou
First Aid Kit - The Lion's Roar

First Aid Kit - The Lion's Roar

Referenzen: Emmylou Harris, Townes Van Zandt, Fleet Foxes, Conor Oberst, Gram Parsons
Lana Del Rey - Born To Die

Lana Del Rey - Born To Die

Referenzen: Nancy Sinatra, Madonna, Lady Gaga, Bat For Lashes, Lykke Li, Marina &amp; The Diamonds
John K. Samson - Provincial

John K. Samson - Provincial

Referenzen: Craig Finn, The Weakerthans, Rocky Votolato, Frank Turner, Maritime
Craig Finn - Clear Heart Full Eyes

Craig Finn - Clear Heart Full Eyes

Referenzen: Drive-By Truckers, Bruce Springsteen, The Bottle Rockets, Lambchop, Jason Molina
John Talabot - Fin

John Talabot - Fin

Referenzen: Pional, Delorean, Beautiful Swimmers, Teengirl Fantasy, Ada
Leonard Cohen - Old Ideas

Leonard Cohen - Old Ideas

Referenzen: Bob Dylan, Tom Waits, Scott Walker, Lou Reed, Jeff Buckley
Matt Elliott - The Broken Man

Matt Elliott - The Broken Man

Referenzen: The Third Eye Foundation, DM Stith, Scott Walker, Boduf Songs, Lilium
Gonjasufi - MU.ZZ.LE

Gonjasufi - MU.ZZ.LE

Referenzen: Tricky, Portishead, Flying Lotus, The Gaslamp Killer, DJ Shadow
Die Türen - ABCDEFGHIJKLMNOPQRST UVWXYZ

Die Türen - ABCDEFGHIJKLMNOPQRST UVWXYZ

Referenzen: Die Goldenen Zitronen, Deichkind, Ja, Panik, Mediengruppe Telekommander
Big Deal - Light Out

Big Deal - Light Out

Referenzen: The xx, The Delgados, Mazzy Star, First Aid Kit, High Places
The Big Pink - Future This

The Big Pink - Future This

Referenzen: Primal Scream, U2, Dashboard Confessional, Kasabian, TV On The Radio
The Weeknd - Echoes Of Silence

The Weeknd - Echoes Of Silence

Referenzen: Drake, Terius Nash, How To Dress Well, Miguel, Frank Ocean
Alcest - Les Voyages De L'Âme

Alcest - Les Voyages De L'Âme

Referenzen: Les Discrets, Agalloch, Amesoeurs, Cocteau Twins, Liturgy
Trailer Trash Tracys - Ester

Trailer Trash Tracys - Ester

Referenzen: The Raveonettes, The xx, Cocteau Twins, Angelo Badalamenti, Beach House
Nada Surf - The Stars Are Indifferent To Astronomy

Nada Surf - The Stars Are Indifferent To Astronomy

Referenzen: Maritime, Death Cab For Cutie, The Long Winters, Rogue Wave, R.E.M.
David Lynch - Crazy Clown Time

David Lynch - Crazy Clown Time

Referenzen: Fever Ray, Angelo Badalamenti, Lou Reed, Karen O, Jad Fair
Kate Bush - 50 Words For Snow

Kate Bush - 50 Words For Snow

Referenzen: Talk Talk, Joni Mitchell, David Sylvian, Joanna Newsom, Laurie Anderson
Youth Lagoon - The Year Of Hibernation

Youth Lagoon - The Year Of Hibernation

Referenzen: Beach House, Mazzy Star, Galaxie 500, Wye Oak, Lower Dens
PeterLicht - Das Ende Der Beschwerde

PeterLicht - Das Ende Der Beschwerde

Referenzen: Blumfeld, Die Sterne, Ja, Panik, Jens Friebe, Foyer Des Arts
Los Campesinos! - Hello Sadness

Los Campesinos! - Hello Sadness

Referenzen: A Silver Mt. Zion, Xiu Xiu, Drake, The Beautiful South, Blink-182
Jahrescharts