Electric YouthInnerworld
| Tweet |
Label:
Secretly Canadian
VÖ:
26.09.2014
Referenzen:
The Naked And Famous, Berlin, Zola Jesus, Desire, Soft Cell, M83, Ladytron, Washed Out, College, Kavinsky, London Grammar
|
|
Autor: |
| Philipp Kressmann |
Das Auge hört mit. Nicolas Winding Refns „Drive“ konnte sowohl Ryan Gosling als Publikumsliebling etablieren wie auch beweisen, dass anspruchsvolle Filme Erfolg nicht zwangsläufig ausschließen müssen. Der Film wurde nicht nur in Cannes ausgezeichnet, sondern auch für seinen Soundtrack des Öfteren gelobt. Nicht allein der damalige Senkrechtstarter Kavinsky katapultierte sich mit „Nightcall“ ins allgemeine Popbewusstsein, auch das samtseidene „A Real Hero“ der noch unbekannten Synthpop-Formation Electric Youth stach heraus.
Und wie Gosling gar nicht viele Sprecheinsätze benötigte, um in seiner Rolle zu überzeugen (viele schwärmen ja: es ist dieser Blick!), reichten im Fall des Duos aus Kanada ein repetitiver Synthie-Part, ganz dezente Beats und ein minimalistisches Narrativ (dem Refrain genügte eine einzige Zeile) aus, um einen bleibenden, ähnlich auratischen Eindruck wie der Filmprotagonist zu hinterlassen. Die wichtigste popkulturelle Lektion seit The xx: Weniger ist mehr und lässt vor allem Raum für das Geheimnisvolle. Auch wenn die Hauptkonstanten vom jetzt erschienenen Debütalbum „Innerworld“ gar nicht so mystisch sind: Zuckrige Synthiebögen wechseln sich mit wabernden ab und sorgen für Popkomposita, die in vielen Fällen an den natürlich schon oft rezitierten Synthpop der 80er-Jahre erinnern.
Das Intro „Before Life“ klingt etwa wie die Einführung zur letzten M83-Platte, auf der Zola Jesus verpflichtet wurde. Das süßlich elektrifizierte „Runaway“ erinnert dank smarter E-Gitarren-Einsätze stark an The Naked And Famous, während das Duo bei reduktiver ausgefallenen Tracks, die ganz im Zeichen des „Drive“-Vorboten stehen, lediglich auf sakral anmutende Synthies setzt (identisches Prinzip im Zwischenspiel „She´s Sleeping“). Und siehe da: Bronwyn Griffin sah sich zu Jugendzeiten mit Kirchenmusik (ihrem engelsgleich soften, aber präsenten Gesangstil hört man diesen Hintergrund durchaus an) konfrontiert, während bei Austin Garrac permanent die 80er liefen. Genauso gut stehen Electric Youth aber Tracks, die in Richtung Dreampop schielen oder ein wenig mehr BPM wagen, wie etwa beim Flanger-vernebelten, kompositorisch einwandfreien Indietronic von „Tomorrow“. Das Albumhighlight bleibt aber dennoch der Beitrag zum Refn-Streifen.
Da kann man sogar (fast) eskapistische Floskelrefrains wie „And you and you are the best thing that ever happened to me“ verzeihen. Die romantische Einkehr in die Innenwelt ist auf dem Album natürlich wegweisend, wenn auch durch cineastische Referenzen noch mit der Außenwelt verknüpft: Das verspielte „Runaway“ etwa verweist nach Aussage der bekennenden David-Lynch-Fans auf Peter Jacksons „Heavenly Creatures“, in dem die Aufwachsenden der Realität durch eine Fantasiewelt entgehen. Trotz des Hangs zum Kitsch ist „Innerworld“ noch unaufdringlich und damit auch elegant genug geraten, um sich als überdurchschnittliches Synthpop-Debüt hervorstellen zu können. Chapeau!


