Nicht jede naheliegende Idee erweist sich als angemessen. Nachdem dem Synthpop von M83 seit jeher Adjektive wie „cineastisch“ vorstanden, erwiesen sich seine ersten Filmkompositionen als uninspirierter Reinfall – offenbar gelingen Anthony Gonzalez nur Soundtracks zu den Bildern in seinem eigenen Kopf.

Diese erwiesen sich bei seinen neuesten Aufnahmen als besonders ergiebig, und so ist „Shut Up, We’re Dreaming“ zumindest konzeptuell zum Doppelalbum geworden. Eine Verteilung auf zwei CDs wäre mit einer Gesamtspielzeit von unter 74 Minuten – der Kapazität von Audio-Silberscheiben – zwar nicht zwingend gewesen, doch tut beim Hören eine Verschnaufpause durchaus gut. Denn Minimalismus ist auf M83-Longplayer Nr. 6 ein größeres Fremdwort denn je. Zwischen Pathosgranaten und Gefühlspralinen wirft Gonzalez so ziemlich alles an die imaginäre Leinwand, was sein shoegazig texturiertes Schaffenswerk hergibt: Die epischen „Antarctica“-Soundscapes à la „Before The Dawn Heals Us“, den New Wave seines modernisierten Hughes-Teeniefilm-Soundtracks „Saturdays = Youth“, die instrumentalen Zwischenspiele seiner Ambient-Collection – und noch mehr.

So spannt „Soon, My Friend“ Sternenmusik mit Pauken, Trompeten und Streichern auf, „Wait“ wird sanft von unverstärktem Gitarrenklampfen geführt und im futuristisch-bombastischen „Midnight City“ droht ein Saxophonsolo gegen Ende glatt, den Cyber-Falsettgesang-Hook zur Nebengeschichte zu machen. Gerade die Vocals erweisen sich im Folgenden auch als Knackpunkt: Statt der zuletzt noch dezent saccharinen Morgan Kibby steht Gonzalez‘ etwas gequält wirkende Stimme allein im Fokus, was auf Dauer und besonders in den cheesy überzogenen Drama-Momenten durchaus auf die Nerven gehen kann.

Doch die so simple wie effektive Balance aus den verschiedenartigen Stücken ist der Rettungsring von „Hurry Up, We’re Dreaming“: Sprunghaft, aber doch mit der Stimmigkeit einer Traumnarrative folgen auf Breitbildexplosion eine Emeralds-mäßige Synthdrone-Miniatur oder eine Ballade – soweit man bei M83 von „delikat“ reden kann jedenfalls –, woraufhin wiederum die Simple-Minds-Gitarren angeschmissen werden und glamourös 80er-injizierten Popsound servieren.

Die großen Ambitionen, die Meisterwerksansprüche, die man instinktiv mit einem Doppelalbum verbindet, mag das Album nicht erfüllen – das „Mellon Collie And The Infinite Sadness“ des Synthpop ist es gewiss nicht. Gonzalez‘ Konzept von kindlich-naivem Eskapismus wird es aber zur Genüge gerecht, gerade in seiner Masse an überdrehten Ideen lädt es dazu ein, sich mal ganz auszuklinken – und Kopfkino zu spielen. Süßes Popcorn inklusive.

70

Label: Naive

Referenzen: Vangelis, The Pains of Being Pure At Heart, Simple Minds, Ford & Lopatin, New Order, Emeralds

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VÖ: 14.10.2011

2 Kommentare zu “M83 – Hurry Up, We’re Dreaming”

  1. […] It Out“ es anschließend auch mühelos, jede noch so pompös projizierte Gefühligkeit auf M83s „Hurry Up, We’re Dreaming“ klein erscheinen zu lassen. „I am done with my graceless heart / So tonight I’m gonna cut […]

  2. […] Produzent von „Hurry Up, We’re Dreaming“, Ukulele-Zwischenspiele, Breitbild-Posthardcore à la Thursday und Blood Red Shoes, […]

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