The AcidLiminal

Darf man das vorbehaltlos gut finden? Nein wirklich – darf man? Die eingeimpfte journalistische Distanz sträubt sich, die Sorgfaltspflicht verleitet danach, tiefer zu graben, um endlich den Knackpunkt zu finden, an dem man sagen kann: „Aha! Doch nicht alles ganz rund an dieser Platte, diesem Debüt.“ Schwierig, diesen Punkt zu finden, der das unfassbar stimmige Bild ins Wanken bringen könnte, während sich die Musik von The Acid zum wiederholten Male an diesem Tag sanft an den Gehörgang schmiegt – und man spätestens beim dritten Abspielen von „Liminal“ vollends in den Bann gezogen ist.

Dazu bringen The Acid eine fast schon stereotypisch anmutende Besetzung mit, mitsamt kosmopoliter Protagonisten aus den Epizentren des guten Geschmacks – London, L.A. und Down Under – selbstverständlich teilzeit-wahlbeheimatet in der Kreativkeimzelle Berlin. Womit auch schon abgesteckt ist, in welche Ecke The Acid zu stellen sind, mit ihrer nahezu perfekt produzierten musikalischen Mischung, deren geographische Einordnung hier auch mal der Vollständigkeit halber nicht fehlen sollte.

„Liminal“ kann seine Wurzeln in der Post-Dubstep-Welt des Londoner James Blake ebenso nicht verleugnen wie die R’n’B- und Soul-Referenzen, die man zum Wahlwiener und ursprünglichen Londoner SOHN ziehen kann, der 2014 das Terrain für die gemeinsame musikalische Nische deutlich großzügiger abgesteckt hat, als es die Jahre davor zuließen. Die australische Parallele ist vielleicht der Down-Under-Durchstarter Chet Faker, womit schon mal klar ist, wie sehr The Acid als eine logische Konsequenz des ersten Halbjahres von 2014 gelten kann, in dem sowohl Faker als auch SOHN äußerst ambitionierte und gelungene Debüts an den Start brachten.

Berlin als Stadt nähert man sich bei The Acid am besten über Ry X alias Ry Cuming, der wohl am ehesten mit seinem Song „Berlin“ in den Fokus gerückt sein dürfte – besonders, wo der Australier mit dem bestechenden Falsett mal ganz locker allen noch so gestochen scharfen visuellen Effekten in einem Werbespot für ultrahochauflösende TV-Geräte die Show gestohlen hat. Hinzu kommen bei The Acid der britische Produzent und DJ Adam Freeland, der für einen Remix bereits eine Grammy-Nominierung einfahren konnte und Steve Nalepa aus L.A., ebenfalls Produzent, DJ und Livemusiker, der sich sogar akademisch bewandert Professor für Musiktechnik und Produktion nennen darf.

Diese versammelte Expertise und die Hintergründe der Bandmitglieder lassen erahnen, warum „Liminal“ so klingt, wie es klingt und warum es vor allem so gut klingt. Musikalisch abgeholt werden die Bewunderer von Ry X mit dem Eröffnungsstück „Animal“, dessen hallig-sphärische Instrumentierung an „Berlin“ erinnert, ohne dabei dessen wehleidigen Pathos wiederholen zu müssen und das in leicht rotzigen Downbeat entgleitet. „Creeper“ lädt aufgrund starker stimmlicher Ähnlichkeit mit Thom Yorke zu Gedankenspielen über ein bisher so noch nicht existentes düster-bassiges Radiohead-Album ein, bis die jähen und hochtrabenden Effektgewitter dazwischenfunken.

Unangefochten der Hit der Platte ist „Basic Instinct“ mit einer perfekten Symbiose sommerlich-fruchtiger Beats und zarter Melancholie, geliefert von einer reduzierten Akustikgitarre und einer noch wohliger temperierten Stimmlage von Ry X. The Acid sind sich dabei auch nicht zu schade, in dieses Hörerlebnis das gewisse Etwas, den Überraschungsmoment in Form übersteuerter Verzerrungen einfließen zu lassen und im ersten Eindruck durchaus zu irritieren. Gleichzeitig passt aber noch jeder kleine Soundschnipsel – jedes Knacken, jeder Effekt, jedes laszive Stöhnen („Fame“) – genau an seinen Platz, ohne auch nur in Gefahr zu kommen, zu gewollt zu klingen.

Der Mittelweg zwischen durchaus kühler und dynamischer Electronica und gefühlvoller Stimmgewalt, wie zum Beispiel auf „Ghost“ und „Feed“, wird von The Acid ebenso beschritten wie ein etwas sphärischerer Ansatz auf „Ra“ oder „Clean“, dem man durchaus etwas mehr Optimismus zugesteht. Damit offenbart sich auch schon die Varianz und die Experimentierfreude auf „Liminal“, wie sie generell am Anfang jeder Innovation stehen muss. Anfängliche Hörzweifel sind dadurch so einfach zu relativieren, als wären sie nur ein Konstrukt eines überforderten Ersteindrucks.

Ist die Irritation überwunden, kann man sich langsam mit der außergewöhnlichen, für ein Debüt untypischen Qualität anfreunden – spätestens bis die letzten Töne der Platte dazu verleiten, nach ihrem das einzig Richtige zu tun: von vorne anzufangen. Als Fazit muss man „Liminal“ einfach als das würdigen, was es ist: Kunst, und eine, wenn nicht „die“ Platte des Jahres. Besonders, wenn ein charakteristischer Sound für das Jahr 2014 gesucht wird.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum