EMAThe Future's Void
| Tweet |
Label:
City Slang
VÖ:
04.04.2014
Referenzen:
Patti Smith, Jenny Hval, Marilyn Manson, b o l t, M.I.A., Unmap
|
|
Autor: |
| Philipp Kressmann |
Es ist schon seltsam, wie häufig Pop die Realität darstellt, ohne es immer beabsichtigt zu haben. Abhörmachenschaften im NSA-Stil wurde von M.I.A. bereits auf ihrem dritten Album thematisiert, wie die SPEX vor Kurzem aufgriff und was für das Magazin Grund genug war, M.I.A. einmal mehr zu hypen und den Thematisierungsbedarf diesbezüglich zu akzentuieren. Ursprünglich waren ihre Befürchtungen als Verschwörungstheorie abgestempelt worden – mittlerweile weiß man es natürlich besser. Ähnlich interessant ist, dass „Satellites“, das EMAs zweites Soloalbum „The Future´s Void“ eröffnet, von ähnlich besorgniserregenden Transparenzgelüsten handelt.
Denn auch dieser Song entstand vor den Veröffentlichungen von Edward Snowden, wie EMA alias Erika M. Anderson anführt. Ohnehin geht es darin eher um Andeutungen einer früheren Sowjet-Utopie aus der Zeit des Kalten Krieges: die permanente Überwachung von Ländern, die dadurch „satellite countries“ genannt werden könnten. Ein anderes Terrain also, dennoch: „The Future´s Void“ ist in dem Sinne ein Konzeptalbum, als dass das Internet behandelt wird, vor allem hinsichtlich seiner negativen Facetten. EMA geht es dabei nicht nur um die größere politische Dimension der Thematik, sondern auch um das Alltägliche. Dargestellt werden soll hier, wie die sozialen Medien nicht mehr nur positiv als Mittel der menschlichen Kommunikation gelten können, sondern schon längst Macht über den Menschen gewonnen haben. „The Future´s Void“ ist in diesem Sinne auch ein wenig autobiographisch gefärbt, denn das Betrachten des eigenen Ichs, das im Netz eine Art Eigenleben gewinnt, kann vor allem bei Personen in der Öffentlichkeit eine enorme Entfremdungserfahrung sein.
„3Jane“ dreht sich um diese negativen Tendenzen. Der Posting-Zwang, das ständige Kommentieren, das Aufheben von Innen- und Außenwelt, all das sind für Anderson Anzeichen für „a modern disease“, wie sie in einer der wohl ruhigsten Nummern der Platte haucht. Eine repetitive Pianomelodie, stampfende Drums und subtil im Hintergrund das Dial-Up-Fiepen eines Modems, das für den Nebeleffekt sorgt. In „Satellites“ vernimmt man dann ebenfalls Einwahltöne, auf die EMA Claps gelegt hat – hier jedoch im düsteren Klangteppich aus Industrial- und Noiseelementen.
Der Verfolgungswahn geht so weit, dass sie in „Smoulder“ (auch hier wieder das konzeptuelle Rauschen und Fiepen) so verschlüsselt verzerrt singt, dass man ihre Texte kaum mehr versteht – zumindest akustisch, wie ein „Mechanical Animal“, was stimmlich sogar Assoziationen zu Marilyn Manson gestattet. Man spürt eine Aura der Unbehaglichkeit, die Furcht vor den omnipräsenten, aber nicht lokalisierbaren Aufzeichnungszentren. Mal klingt sie ein wenig wie Patti Smith in ihren experimentellsten Stimmphasen, beispielsweise bei der langsamen Steigerung in „Cthulu“, das sich in gruftigen Synthieschwaden präsentiert. Momente wie dieser erinnern an das Debüt „Past Life Martyred Saints“, dazwischen schieben sich aber immer wieder die sensiblen Klaviereinschübe, welche die eigentlich melodielosen Noiseelemente (die ganz in der Dronetradition stehen) verbindet.
„They know more about the things you do“, krächzt Erika in „Neuromancer“ zu scheppernden HipHop-Beats, inszeniert sich mit Rekurs auf „Lucifer“ – sowohl eine mythologische Figur als auch ein Verschlüsselungsverfahren – kämpferisch („I will survive like Lucifer“). Darauf folgt die dezente Akustiknummer „When She Comes“, überhaupt besticht das Album durch dieses Pendeln zwischen bedrohlich anmutenden Experimentalpop-Momenten und balladesken Stücken, die wie etwa „100 Years“ im Kammerpop anzusiedeln wären. Beides steht ihr gut, Stücke wie „Solace“ mit verstörenden Synthieknäueln und Trommelwirbeln zeugen von musikalischer DIY-Experimentierfreude, die jedoch durch ein genaues Konzept ihre Grenzen kennt. Ob es EMA passt oder nicht, diese Platte wird besprochen werden.


