M.I.A./\/\/\Y/\

Ein bisschen Sorgen durfte man sich in den letzten ein bis zwei Jahren um Mathangi Arulpragasam machen. Zuvor war sie immer eine Künstlerin gewesen, die es verstand, die Darstellung ihrer Persönlichkeit und ihre Musik in harmonischem Einklang zu halten und als untrennbare Einheit vorzuführen, authentisch als Entkommene der Dritten Welt, die einer grauen Masse eine (oft kontrovers diskutierbare) Stimme geben konnte und die über eine Fülle an künstlerischem Talent verfügt, sodass die Leute ihr auch zuhören. Mit dem Erfolg ihres Meisterwerks „Kala“, das sie an Chartsspitzen und auf die Bühnen der Grammy- und Oscar-Verleihung brachte, kamen aber auch die ersten Zweifler und Missgünstigen, die nicht zwingend im Recht waren, auf die M.I.A. aber auch nicht immer souverän reagierte, bis plötzlich die öffentliche Person M.I.A. mehr Raum einnahm als ihre Musik. Was tut sie auf ihrem dritten Album „/\/\/\Y/\“ um gegen zu wirken?

„/\/\/\Y/\“ stellt nach ihrem Vater (Arular) und ihrer Mutter (Kala) M.I.A. selbst in den Mittelpunkt, als Versuch Musik und Persönlichkeit wieder zu einer Einheit zu fusionieren, thematisiert sie erneut ihre Vergangenheit und provozierende politische Ansichten, aber auch ihre Gegenwart als omnipräsentes Blogger-Thema und ihr Dasein im Scheinwerferlicht der (Internet-)Welt. Letzterem wird in diesen Tagen logischerweise besonders große Aufmerksamkeit zuteil und dass sich M.I.A. von einem missgünstigen (und falsch zitierenden) New-York-Times-Artikel in die Parade fahren lässt, indem sie kindsköpfig die Handynummer der verfeindeten Journalistin twittert, ist eine Schande, passt aber vortrefflich zum vorliegenden Werk.  „/\/\/\Y/\“ ist das musikgewordene Twitter-Posting – bockig, trotzig und nicht wirklich wohl überlegt -, positioniert sich pauschal im Dagegen und tut genau das nicht, was M.I.A. so dringend gebraucht hätte, um als Künstlerin voran zu kommen und allen Erwartungen und Kritikern souverän die Stirn zu bieten: Drüber stehen und unbeirrt weiter machen.

Miss Arulpragasam hat ein Album für andere gemacht, nicht für sich selbst, ein Album, das sich ganz dringend mitteilen, den Zuhörer gar verärgern möchte, so hinterhältig und gemein ist es mit seinen noisigen Eskapaden, der fragmentarischen Unfertigkeit und der maschinellen Sterilität. Das wirkt nicht selten verkrampft, funktioniert aber immer dann, wenn es so hart gegen die Wand rennt, dass die Mauer einstürzt. Diesen Songs möchte man besser keine Widerrede geben, sondern lässt sich einfach von ihnen überrollen. Der fiebrige Adrenalinrausch „Born Free“ und der unbesiegbare Bewegungsdrang von „Teqkilla“ marschieren als Klassenbeste vorne weg, „Steppin‘ Up“ zerlegt mit Kettensäge und Presslufthammer feinsäuberlich die Inneneinrichtung, „Meds & Feds“ gönnt sich ein Stückchen der furiosen Sleigh-Bells-Energie, die als Kollaborateure mit ins Boot geholt wurden, und auch etwas ruhigere Stücke wie das kühle, klaustrophobische „Lovalot“, das sich in die Gedanken einer Selbstmordattentäterin deliriert, und das Dubstep-infizierte „Story to be told“ sorgen für angenehme Mulmigkeit.

Was „/\/\/\Y/\“ vollständig abgeht, ist freilich Leichtigkeit. Das Album ist ein einziger sperriger und bockiger Kraftakt. Auf „Kala“ und „Arular“ zeichneten sich aber selbst die miesepetrigsten Tracks mit einer bestimmten Beschwingtheit, rhythmischen Verspieltheit und einer hörbaren Freude am Experimentieren aus. Das bekommt M.I.A. diesmal selbst dann nicht hin, wenn sie es darauf anlegt. Der zynische Popsong „XXXO“, der klingt wie Britney Spears in 2 Jahren, und der davon schwebende Abschluss „Space“ retten sich noch auf die Habenseite, doch mit hüftsteifem Reggae-Trash wie „It takes a muscle“ oder dem ziellos umher mäandernden „It iz what it iz“ verbreitet man alles andere als ausgelassene Stimmung.

Der Tiefpunkt „Tell me why“ versucht schließlich eine „Paper Planes“-Fortsetzung herauf zu beschwören, scheitert aber am denkbar stumpfsten Beat und einem vollständigen Mangel an Dynamik – spätestens hier wird deutlich, dass M.I.A. eigentlich gar keine Freude hat, an dem was sie da macht. Spaß am Musikmachen gibt es diesmal nicht; „/\/\/\Y/\“ ist ein Album, das gemacht werden musste und kippt das Gleichgewicht weiter zu Gunsten der Selbstdarstellung, ist mehr ein persönliches als ein künstlerisches Statement und lässt sich nur schwer lieb gewinnen. Man wünscht M.I.A., dass sie damit den Druck loswerden konnte und nun ein wenig Frieden mit sich selbst und der Welt geschlossen hat. Und als nächstes das Album angehen kann, das sie auch tatsächlich machen möchte.

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Label: XL | Beggars |  Indigo

Referenzen: Santigold, Sleigh Bells, Amanda Blank, Rye Rye, Crystal Castles, Rusko, Switch

Links: Homepage | MySpace

VÖ: 09.07.2010

Ein Kommentar zu “Rezension: M.I.A. – /\/\/\Y/\”

  1. […] Trends (man denke bei den vermeintlichen Einflüssen einmal an Death Grips oder das wenig geliebte letzte M.I.A.-Album) in seinen Pop-Rap-Kontext zu integrieren. Man hasst ihn, man liebt ihn, aber eines dürfte […]

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