Los Campesinos!NO BLUES

Was für eine fleißige Band. Seit der Gründung 2006 wird ein Album nach dem anderen produziert, im achten Jahr ihres Bestehens erscheint bereits das fünfte der Campesinos mit Ausrufezeichen. Die spannende Ausgangsfrage: Ob „NO BLUES“ noch genug Blues besitzt?

Kurz nach ihrer Gründung als Sextett während des Studiums im walisischen Cardiff konnte die Band einen Plattenvertrag ergattern. Doch wie oft bei einer so großen Combo wurden auch Los Campesinos! nicht vor Ausstiegen bewahrt, eben den drei Gründungsmitgliedern Gareth (Gesang und Glockenspiel), Neil und Tom (beide Gitarre) sind aktuell noch Kim (Keyboard, Backing-Vocals), Jason (Schlagzeug) und Multiinstrumentalist Rob mit von der Partie. Einiges hat sich verändert über die Zeit, anderes wiederum nicht. Natürlich sind die ehemaligen musizierenden und studierenden Jünglinge mittlerweile älter geworden – und gleichzeitig erwachsener, wie sie es als „grow up without growing older“ bezeichnend selbst behaupten? Tatsächlich ist bereits der Titel „NO BLUES“ in seiner direkten Ansprache nicht weit weg von Vorgängern wie „Hello Sadness“ (2011) oder „Romance Is Boring“ (2010).

Viele Elemente aus den bisherigen Alben lassen sich auch auf „NO BLUES“ entdecken. Das obligatorische „Oh-ohhhhh“ in „Cemetery Gaits“ etwa, oder die sich zwischenzeitlich hinzugesellenden Bläser und die trotz des Ausstieges der Violinistin Harriet glänzenden Streicher-Arrangements. Und das Glockenspiel – oh ja, das Glockenspiel – natürlich auch. Ohrwurmcharakter? „Avocado, Baby“! Tanzbar? Fast die ganze Zeit. Auch auf der textlichen Ebene lässt sich nichts missen, wenn Gareth mit Selbstironie und witzreichen Wortspielen hantiert: „I’ll be gloomy ‚til they glue me in the arms of she who loves me/ ‚til the rats and worms are all interned at least 5 feet above we”. Manchmal fragt man sich dann allerdings doch, ob die Guten nicht etwas über die metaphorische Zielgerade hinaus geschossen sind. Wer zur Hölle ist Salacia? Wie, ihr kennt etwa die Geschichte des Delphinus nicht? Hier gilt es, so manches Mal zwischen den Songs und Wikipedia hin und her zu wechseln.

Immerhin, auf musikalischer Ebene machen Los Campesinos! es einem dieses Mal leicht. Ob geschichtet-gesungene Akkorde, gemeinsames Musizieren mit allen möglichen Instrumenten im Refrain oder ein zusammengewürfelter Kinderchor, die Melodien sind jederzeit griffig. Das pinke Feuerwerk auf dem CD-Cover ist sozusagen Programm, alles so schön rosa hier. Was hingegen fehlt: „NO BLUES“ lässt viel von der kantigen Haudrauf-Mentalität und der früheren Rohheit vermissen, auch die Produktion ist eher glatt ausgefallen. Profitieren die anderen Alben noch von jugendlicher Wildheit, harmoniert einfach alles auf „NO BLUES“. An den richtigen Stellen kommen die Bombast-Refrains, die passenden Instrumente – man könnte auch sagen: „NO BLUES“ wirkt sortiert. Dabei hätten wir uns doch alle ein wenig mehr Unordnung gewünscht. Auf die rosa Farbexplosion folgt die verblasste Erinnerung an unbeschwerte frühere Feiern: „There’s no ticker-tape, no pearly gates/ No carnival and no parade/ Just one, one for sorrow.”

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