Die Stimme ist ein Merkmal, an dem sich in der Regel das Reifen eines Menschen ganz gut mitverfolgen lässt; auch in der Musik, wo ein Mac McCaughan mit unbelegt spritzigem Kehlton in seinen Vierzigern die klare Ausnahme ist. Und insbesondere bei den EngländerInnen Los Campesinos!, die ihre putzmunteren ersten Songs mit einem halben Dutzend junger Kehlen in Einigkeit ausatmeten.

Doch nicht nur deswegen hat sich über sechs Alben und EPs in den letzten 5 Jahren einiges an der Stimmfärbung ihrer Songs geändert, personell sind sie eine andere Band. Nur vier der anfänglichen sieben Mitglieder sind noch dabei, natürlich weiterhin darunter der primäre Sänger und Texter Gareth. Aber nicht zuletzt weil darauf auch andere Mitglieder ins Scheinwerferlicht gerückt werden, erhält das neue Album „Hello Sadness“ einen reiferen, runderen Anstrich.

Der fängt schon bei Gareths Vocals an, die weiterhin eigenwillig zur Schwere und Kurzsilbigkeit von Sprechgesang statt losgelöstem Singsang tendieren, nur etwas weniger spröde. Nach dem auf allen Ebenen verzerrten Noise-Pop von „Romance Is Boring“ bemüht sich aber vor allem die Produktion John Goodmansons diesmal um mehr Weichheit, nutzt Krachausbrüche eher zur Akzentuierung als sie zum Dauerzustand zu erklären. Sinuskurve statt Sägezahn, sozusagen. Dazu ist „Hello Sadness“ zehn Minuten knapper als der Vorgänger, überhaupt das kürzeste und kompakteste Album der Bandgeschichte: Nur ein Song überschreitet dank Intro so gerade die 5-Minuten-Marke.

Ohne das emotionale Gewicht der Texte könnte die erste Hälfte schon fast zu schnell verfliegen, eröffnet vom gewohnt belebten „By Your Hand“ – mit Vocals von Multiinstrumentalist Rob -, dem so hoffnungslos wie triumphal vorbeistampfenden Titelstück und „Songs About Your Girlfriend“. Gleichermaßen den Neuen der Ehemaligen verhöhnend und sein eigenes Scheitern mit ihr eingestehend, steht es in einer außergewöhnlichen Erzählerposition, doch dank Gareths drakescher Alles-Mitteilungsfreudigkeit, die hier wie auch anderswo mit anatomischer Bestimmtheit Berührungen an Bauchnabel, Ringfinger oder Oberschenkel wohlig rekapituliert, vermeidet es das Abdriften in trostloses Selbstmitleid. Wo die meisten jungen Indie-Bands sich Nostalgie und Retromanie widmen, sind Los Campesinos! lieber sentimental.

Nicht ohne Humor: Genussvoll wie ein Theken-Raconteur setzt „By Your Hand“ die Pointe auf („Cause we were kissing for hours / with her hands in my trousers. / She could not contain herself / suggests we go back to her house / But here it comes, this is the crux / she vomits down my rental tux / I’m not sure if it’s love any more“) während „It’s only hope that springs eternal / And that’s the reason why / this dripping from my broken heart / is never running dry“ eine fintenhaft aufmunternde Eröffnung als Quell allen Übels enthüllt.

Musikalisch stärker und atmosphärischer ist aber die zweite Hälfte, gerade hier lässt die Band neue Freiräume zu, die „Hate For The Island“ auch mal ganz ohne Schlagzeug auskommen und fast wie ominösen Folk vom kanadischen Constellation-Label klingen lassen. Und wo Los Campesinos! auf „The Black Bird, The Dark Slope“ früher zum mehrteiligen Refrain hin immer krachiger geworden wären, öffnen sie hier die Soundwand für die Melodien von Leadgitarre und Gareths Schwester Kim. Ihre Stimme ist kraftvoller als die ihres Bruders, was es umso herrlicher macht, wenn sie im nächsten Takt in samtige Höhen abhebt, den Flugbildern des Textes nachempfunden. Das bedächtige Coda „Light Leaves, Dark Sees Pt. II“ setzt dem gereiften Vocalgebilde schließlich die Krone auf mit drei verschieden hoch bzw. tief abgemischten Gesangsebenen, die alle in verschiedenen Spannungszuständen interagieren – und das völlig stimmig.

74

Label: Cooperative

Referenzen: A Silver Mt. Zion, Xiu Xiu, Drake, The Beautiful South, Blink-182

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VÖ: 11.11.2011

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