
Peter Alexander: “Liebesleid”, April – Mai 1969
Wir brauchen gar nicht so überrascht wie noch bei Peter Alexanders vorheriger #1 („Mein Letzter Walzer“) tun, Schlager waren Ende der 1960er Jahre noch immer kommerziell relevant und sollten es auch bleiben. Sparen wir uns also die Dramatik, mit Besserung ist eh nicht zu rechnen, jedenfalls nicht, was die Vergangenheit anbelangt, die ist nämlich passé.
Und mit dieser Blüte aus dem Binsendickicht wären wir auch schon bei unserem heutigen Hit, „Liebesleid“ geheißen, der bitte nicht mit der gleichnamigen Komposition des Wiener Geigers Fritz Kreisler verwechselt werden sollte.
Hach, hccchächz & schnief: Nhhhaaja… aaacch. Herrjeehhh. Hach…. Mhmnnnjammjahmm. Lecker. Schnief… ccrhhhm. Schnief.
Dort geht es um sehr tief empfundenen, ins Sentimentale idealisierten Liebeskummer, die plötzliche Abfolge von Schmerz, Selbstmitleid, Sehnsucht, Erinnerung und am Ende gar noch Hoffnung. Das ist nicht subtil, hat jedoch Schmelz und reicht für ein beispielhaftes Stück süßlicher, sinnlos virtuoser Salonmusik, zu dem ich mich gerne einmal im passenden Ambiente an Sachertorte überessen möchte. Dazu dann noch ein Marillen-Schnaps, also, einer nach dem anderen, und nur, wenn mich dann kein Fiaker heimfährt, wäre es ein schlechter Nachmittag gewesen. Nachmittag? Klar, Torte esse ich meist tagsüber und so einen Geiger mag ich im Dunkeln nicht neben mir wissen.
Mit Kreislers (laut Wiki tatsächlich entfernt verwandt mit dem großen Georg Kreisler) Stücklein also hat das „Liebesleid“ Alexanders nichts zu tun, überhaupt ist nicht er selbst betroffen. Leider fand ich keine andere Version des Stückes als die im folgenden Medley (bis ca. 1:45) verwendete, für wirklich Interessierte gibt es das Lied auch bei einem Streaminganbieter oder auf erschwinglichen Compilations.
„Traurig und schön sitzt du da,
Und ich weiß, was du fühlst,
Und ich setz’ mich zu dir.
Denk nicht daran, was geschieht,
Komm vergiss, du wirst sehen, es wird schön sein mit mir.
Liebesleid dauert keine Ewigkeit,
Komm und lass dich trösten (…)“
Bereits ein nur wenig größerer Mangel an Taktgefühl wäre Gewalt. „Denk nicht daran, was geschieht“, während er sie tröstet? Wir wollen uns nun bitte nichts vorstellen, was nicht auch einem unbedarften Hörer dieses Schlagers in den Sinn kommen würde, sondern uns nur kurz fragen, was für eine Art von Zuneigung hier angeboten wird. Die eines Marodeurs der Liebe, dem es nur auf verbrannter Erde so richtig behaglich zumute ist? Oder vielleicht doch die eines lebensfrohen Hedonisten, der weiß, wie schnell ein wenig Flirt, ein bisschen Kuscheln und Sex unschöne Gedanken vertreiben können, ganz im Sinne eines „Fuck The Pain Away“?
Wobei, das wird Kurt Feltz, der Dichter des Stücks, sicher nicht gemeint haben. Überhaupt, was für eine Botschaft braucht schon ein Hit? Ob nun Schlager oder Popsong, ein schlüssiger, geistreicher, durchdachter Inhalt mag sich nett machen und hierzulande mittlerweile zumindest das Feuilleton zum beifälligen Kopfnicken bewegen, ihn zu erdenken mochte sicher nicht das Anliegen eines erfolgreichen Schlagerdichters wie Kurt Feltz gewesen sein. Außerdem gibt und gab es ja noch andere Kriterien für den zufriedenstellenden Absatz, in etwa gute Beziehungen.
Vor der Gründung des NDR und WDR 1956 sendete der NWDR, der Nordwestdeutsche Rundfunk. Bei diesem wurde Feltz, der bereits unter den Nazis Karriere als Texter und Produzent gemacht hatte, Ende der 1940er als Leiter der musikalischen Abteilung eingestellt und ließ in dieser Funktion allzu häufig eigene Stücke spielen – ein Vorgehen, aus dem sogar ein kleiner Skandal wurde, siehe der Artikel des Spiegels aus dem Jahr 1950. Seinem Erfolg tat dies keinen Abbruch, bis in die 1970er hinein war er an folgenden #1-Schlagern beteiligt: Bill Ramseys „Souvenirs“ und „Pigalle“, „Heißer Sand“ von Mina, „Barcarole In Der Nacht“ von Connie Francis, Gitte und Rex mit „Vom Stadtpark Die Laternen“ und eben „Der Letzte Walzer“, vorgetragen vom als groß geltenden Entertainer Peter Alexander.
Mit Vetternwirtschaft allein hätte Feltz nicht dermaßen erfolgreich sein können, denn ohne Handwerk kein Klappern. Schlager sind Produkte eines Kunsthandwerks, als solche können sie gewitzt, ja sogar klug sein, sie müssen es aber nicht, es reicht vollkommen aus, wenn sie gefallen. Das lässt sich durch Professionalität erreichen, hier kann die Musikindustrie eine wirkliche Industrie sein. Es stört niemanden, denselben Song in zig Variationen zu hören, woran auch über Jahre hinweg vorgenommene stilistische Neuerungen nichts ändern. Schaltet nur einmal einen privaten Radiosender mit aktueller Musik ein, die ich, obwohl Widerspruch da sehr wohl möglich ist, größtenteils und ohne Polemik zum Schlager rechnen würde, vor allem die deutschsprachigen Songs. Ihr werdethöchst wahrscheinlich keinem Lied begegnen, das euch unbeabsichtigt aufhorchen ließe.
Das Publikum eines Radiosenders soll möglichst klar umrissen sein, denn sein Kunde ist nicht der Mensch, dessen Arbeitszeit mit ein wenig Wohlklang erträglicher gemacht werden soll. Geldgeber und damit Kunden sind Firmen, die als potentielle Käufer von Werbeblöcken genau zu wissen wünschen, wer wann und bei welcher Arbeit mit welchem Einkommen welchen Sender hört.
Die angestrebte Homogenität der Zielgruppe wird in den meisten Fällen nicht über ein möglichst breites Programm oder das Erfassen musikalischer Trends erreicht, es geht, allen Jingles zum Trotz, nicht um Musik, und schon gar nicht um die beste. Wie bringt man einen Menschen dazu, womöglich acht Stunden lang denselben Sender zu hören? Indem Ausschaltimpulse (das Wort gibt es wirklich), zum Beispiel Tempo- oder Lautstärkeschwankungen, Überlänge und gewisse Worte, vermieden werden. Dann lässt sich sagen: „Unsere Hörer sind jung, haben zwei Kinder, kaufen gerne Limonade, fahren sie mit einem Mittelklassewagen heim und fliegen einmal im Jahr in den Urlaub“. Und Musik hören sie fast ausschließlich im Radio.
Zurück in die 1960er, in denen es ja noch keine privaten Radiosender gab. Ein Hit wie Peter Alexanders „Liebesleid“ funktioniert dennoch ähnlich. Mit Sicherheit kann Musik aufgrund ihrer Einzigartigkeit verkauft werden. Ein anderer Weg, nämlich der, den Feltz ging, ist seit dem Aufkommen von Massenmedien wie Tonträgern und Rundfunk die Vermeidung von erwähnten Ausschaltimpulsen. Allerdings liefern hier nicht nicht Radio, sondern Alltag, Selbstverständnis und Weltbild ein Programm, dessen Irritation weitestgehend zu vermeiden ist. Der Konsument der Musik ist hier gleichzeitig ein Kunde, der nur zahlt, wenn er bekommt, was er will.
Dadurch entstehen seltsame lyrische Konstrukte wie der heutige Liedtext, dessen Absurdität nur dann zutage tritt, wenn er beachtet wird. Warum aber sollte er bei Bekanntheit des Interpreten und einer solchen Instrumentierung beachtet werden, was lässt hier aufhorchen? Schwelgen ist keine kritische Rezeption und wenn Worte wie „traurig“, „schön“, „fühlst“, „vergiss“, „Liebesleid“, „Ewigkeit“, „trösten“, „Glück“ und „uns zwei“, fallen, wird geschwelgt. „Und wo geschwelgt werden kann“, denkt sich der darin irrende Schlagerfan, „hat alles seine Richtigkeit“.
Bild: KayVee.Inc