Der Liedschatten (70): Mal wieder was ganz Schönes

Peter Alexander: “Der letzte Walzer“, Januar 1968

Geschichte bewegt sich nicht von allein stetig hin zum Besseren. Sie läuft weder wie am Schnürchen, noch besteht sie aus einer die Menschheit vereinenden Kraxelei nach oben. Für uns, die Gegenwärtigen, ist das wenig schmeichelhaft. Doch vom Potential des Menschen ausgehend thronen wir wohl kaum über der Vergangenheit. Wodurch diese allerdings kein bisschen besser wird.

Zur Weiterentwicklung kommt es nicht, nur weil es die Notwendigkeit und Möglichkeit dazu gibt. Im Gegenteil, tut sich etwas, dann wird mit Sicherheit auch jemand etwas dagegen tun. Beim richtigen Anlass pflegen viele Menschen zurückzuschrecken, haben sie etwas „gar nicht so gemeint“, noch einmal „durchdacht“ oder „eingesehen“.

Es ist deshalb nicht allzu abwegig, zu Beginn des Jahres 1968 wieder einen Schlager an der Spitze der Charts zu finden, der obendrein noch von Peter Alexander, einem Unterhaltungskünstler der „alten Schule“, vorgetragen wird.

Als solcher war er vieles: Schauspieler in Operetten- und Schlagerfilmen, Moderator und Sänger, und das stets albern, unverbindlich und harmlos wirkend. Sein Charme war der eines gut aufgelegten Jungen, dessen famose Laune ihn bei Gelegenheit zu allerlei Schabernack verleitete, auf den er aufgrund seiner guten Erziehung niemals allein gekommen wäre und der ihm stets ein wenig leid tat. Schließlich war es nie böse gemeint, es ergab sich einfach, eine Verwechslung lag vor, ein Missverständnis, ein unglückliches Zusammentreffen. Etwas Arges hatte er nie im Sinn, im Gegenteil, sein Sehnen galt letztendlich stets dem Guten in Form der wahren, selbstgenügsamen Liebe, für die sein Herz in Wohlwollen schlug.

Beispielhaft für gut 40 Spielfilme, in denen Alexander mitwirkte, können die Wirtshausoperette „Im Weißen Rößl“ (1960) oder „Charleys Tante“ von 1963 stehen, ein alberner Schwank, dessen Witz auf einem Frauenkleider tragenden Mann gründet.

http://www.youtube.com/watch?v=Ydx9_9UyafU

 Eigentlich steht es ihm ja ganz gut: Peter Alexander! Im Kleid! Hihihi!

Der überzogene Humor seiner Filme streicht durch Weltfremdheit den „Ernst des Lebens“ mehr hervor als dass er ihn in Frage stellt und erkennt ihn dadurch als das Wirkliche an. Ihre Schönheit lebt vom „Ach, wäre nur …“, nicht dem, was ist. Es wird keine Welt beobachtet, sondern phantasiert. Dort gibt es das Glück in Reinform und nur im Privaten, den Männerbund des Stammtischs, folkloristische Exotik, saubere Trachten und kesse Kinder, alles apart und stimmig zwischen Wasser, Berg und Blumenwiese arrangiert. Hauptsache, es stört keiner.

Peter Alexander mochte zwar in seinem Repertoire beschränkt gewesen sein, unterhielt aber durchaus und vermag selbst einem dem Genre abgeneigten Menschen wie dem Autoren in seltenen Momenten wider Willen ein Lächeln abzugewinnen, für das er sich dann ordentlich schämt. Alexander ist der Mann für die etwas delikateren guilty pleasures. Jemand, der das, was er tat, auch noch gut fand, zumindest nach dem, was er öffentlich verlauten ließ. Das mochte ihm vor allem deshalb leichtgefallen sein, weil er stets Erfolg hatte.

Der wurde dann auch nie durch Bedrohliches wie Sex oder Politik jenseits als „unpolitisch“ geltender biederer Parolen und Stereotypen gefährdet, auch nicht durch bedenkliche Gags wie „Was will denn eine Wirtin mit einem Doktor?“ „Genau, das wäre direkt wie eine Mischehe.“ (aus „Im Weißen Rößl“). Über so etwas pflegte man ja schon lange zu lachen, und Bewährtes wurde in Ehren gehalten. In dieser Hinsicht war Alexander durchaus integer, eine Konsequenz, die ihn selbst neben Plüschpuppen blass wirken ließ.

Harmoniesucht ist ihnen fremd: die Bewohner der Sesamstrasse. Peter Alexander war nur zu Besuch.

Damit dürfte er Anfang 1968 dem Ideal des „jungen Menschen“ großer Teile des deutschsprachigen Publikums eher entsprochen haben als die wirklichen jungen Menschen mit Veränderungsdrang, die nicht nur das musikalische Geschehen des Jahres 1967 stark geprägt hatten. Die Studentenbewegung zum Beispiel ließ nach beinahe 40 Jahren wieder einmal die Furcht vor dem Feind, der ja wie auch heute noch links steht, aufkommen.

Peter Alexander reagierte als Angestellter der Kulturindustrie darauf loyal und beinahe rührend stur. Selbst Ende der 1960er war er ganz klar im Gestern einer „guten alten Zeit“ verloren. Darin mochten sich auch diejenigen wohlgefühlt haben, die nicht einmal trotz, sondern in Missachtung des kaum zurückliegenden Krieges und des Holocausts einer hellen Zukunft froh entgegeneilen wollten, bestenfalls im Frühtau mit Blick auf Bergeshimmelblau. Alles andere hätte ja auch zu einem Schuldeingeständnis führen müssen.

Nein, da schaute man doch lieber nach vorne und von dort aus zurück auf die Schönheit vergangener Tage, siehe unser heutiger Hit „Der Letzte Walzer“ mit all seiner schlagertypischen Seltsamkeit.

 Selbst die Wahl der Kulisse ist solide: der „große“ Peter Alexander

alexander_walzerMusikalisch wird hier einiges geboten, der Klang wirkt professioneller als der älterer Schlager, das Arrangement scheut nicht vor Effekthascherei zurück. Dazu noch spart Alexander nicht mit dem, was wohl Gefühl sein soll, das aber nur wie das Ergebnis des bedenklichen Ratschlags „Lächeln Sie stets am Telefon“ klingt. Er schwoft und schweift durch Erinnerungen, die sich nicht etwa auf eine glückliche Beziehung, Liebesnacht oder wenigstens einen Kuss, sondern den ersten gemeinsamen Tanz beziehen. „Der letzte Tanz begann, ich wollte gehen. / Da sah ich dich so scheu alleine stehn. / Und dann war dieser Abend doch noch nicht vorbei. / Mit diesem Tanz begann’s mit uns zwei. Der letzte Walzer mit dir, / sagte mir: Die mußt du lieben.“, das ist doch kein Anfang einer erfüllten Beziehung. Was soll schon daraus werden, wenn sich eine „scheue“ Frau einfach abgreifen lässt, weil sich ein Mann vornimmt, sie zu lieben? Überhaupt, sich die Liebe vornehmen? Das mag zwar der Redewendung der „ernsthaften Absichten“ entsprechen, hat aber mit Liebe wenig zu tun, deren Gegenstand erwählt man nicht einfach so. Wer mag es der Frau verdenken, wenn das Lied dann auch mit „Heut bist du fern und mir / ist nur der Walzer geblieben.“ endet?

Nach ungefähr anderthalb Jahren steht Anfang 1968 wieder ein deutschsprachiges Lied auf Platz Eins der Hitparade, das es so auch schon ein paar Jahre eher gegeben haben könnte. Wie bei den meisten älteren Schlagern handelt es sich um die Bearbeitung eines internationalen Hits. „Der letzte Walzer“ ist ein Cover des Hits „The Last Waltz“ von Engelbert Humperdinck, und auch hier kann das Original als das kleinere Übel gelten.

 Kaum zu glauben: Peter Alexander sang noch süßlicher. Aber Humperdinck hatte auch Koteletten.

Eine kurze Anmerkung bezüglich des Liedschattens: Am 31. 05. 2012 findet in der Gesellschaft / Hamburg eine Feier anlässlich des Erscheinens der zweiten Ausgabe des Fanzines Transzendieren Exzess Pop statt. Zu diesem Anlass werden Texte des Liedschattens durch musikalische Darbietungen von Deniz Jaspersen (Herrenmagazin) und Rasmus Engler (auch Herrenmagazin, dazu noch Gary, Das Bierbeben, Dirty Dishes) ergänzt vom Autoren gelesen.

Ebenfalls lesen wird der auftouren.de-Autor Sebastian Schreck, und zwar aus seiner Reihe Vergessene Stile. Es spielen im Anschluss Joachim Franz Büchner (Bessere Zeiten) und Sleeping Policemen kleine Sets.

4 Kommentare zu “Der Liedschatten (70): Mal wieder was ganz Schönes”

  1. […] wir uns, fassen wir uns wieder. Rückfälle in Schlagergefilde wie in der letzten Woche werden uns zwar hin und wieder unterkommen, sich aber niemals so sehr häufen, dass es scheint, die […]

  2. […] Lesung mit Sebastian Schreck: “Vergessene Stile”, eine weitere mit Lennart Thiem: Der Liedschatten, das ganzheitliche musikalische Gefühl liegt in den Fingerspitzen von: Deniz Jaspersen […]

  3. […] John Woodward in Wales geboren, den Künstlernamen verlieh ihm sein Manager Gordon Mills, der auch Engelbert Humperdinck betreute und ihn zu Hits wie obigem, „What’s New Pussycat“ und „Thunderball“ verhalf. […]

  4. […] brauchen gar nicht so überrascht wie noch bei Peter Alexanders vorheriger #1 („Mein letzter Walzer“) tun, Schlager waren Ende der 1960er Jahre noch immer kommerziell relevant und sollten es auch […]

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