Pop + Poesie


Der Liedschatten (XXXVIII): Liebe, Kummer und Psychotest

Letzte Woche ging’s hier noch beschwingt zu, ja, es könnte sogar behauptet werden, es sei zu einem kleinen Ausbruch der Schalkhaftigkeit gekommen. Dafür waren mit Sicherheit die Beatles in der wiederum vorletzten Woche verantwortlich, durchbrachen sie doch die Abfolge der bisher beinahe unangefochten dominierenden Schlager, wie uns nun wieder einer begegnen wird.

Siw Malmkvist “Liebeskummer lohnt sich nicht”, Juni – September 1964

Siw Malmkvist, gebürtige Schwedin und 1964 bereits bekannt durch Film und Schlagerfestspiel, trägt heute eine Melodie Christian Bruhns in die bundesrepublikanische Welt. Anders als in seinem ersten großen Hit, „Zwei kleine Italiener“, geht es dieses Mal nicht um Heimweh, sondern die Liebe, oder eben den Liebeskummer, der sich nicht lohne. Immerhin verliere er „weil schon Morgen dein Herz darüber lacht“ jede Schwere, es gelte daher: „Schade um die Tränen in der Nacht!“.

siw_liebeskummerJetzt ließe sich denken, dieses Lied propagiere höchst unmoralisch das Vorhandensein zahlreicher schöner Söhne, zu finden bei anderen Müttern. Doch keine Sorge, letztendlich gibt’s den “Einen” und schließlich die Ehe, die trotz Streites kraft der Resignation (auch hier lohnt kein Liebekummer) halten wird. Vorher ging die noch nicht als Liebe erkennbare Freundschaft zum Spielkameraden durch höhere Gewalten (elterlicher Umzug) verloren, es folgte die Enttäuschung durch den untreuen Backfischvertilger, danach aber wurde, wie bereits erwähnt, geheiratet, und zwar der “Eine”. Welch Dramaturgie!

Dass sich Liebeskummer nicht “lohnt” ist klar, kein Schmerz lohnt uns das Hegen seiner selbst mit irgendetwas. Dem kann man also zustimmen, sollte aber auch anmerken: Muss er auch gar nicht, er ist ja keine fremde, außenstehende Macht, sondern unserem Dasein wesentlich, und wer ihn nicht zu fliehen braucht, ist gut dran.

Dass er aber deswegen nichts lohne, weil er schnell vergessen sei und am Ende immer wieder alles nicht nur gut, sondern sogar bestens werde, das kann’s nur im Schlager geben. Der darin liegende, stumpfe Optimismus erinnert an die Unzulänglichkeit, die oftmals den tröstenden Worten anhängt, etwas “wird schon wieder”. Geäußert werden sie gerne von Menschen, denen man tagtäglich ausgeliefert ist, ohne eine tiefere Beziehung zu ihnen zu haben. KollegInnen, die gar keine Freunde sein müssen, uns aber stärker in Anspruch nehmen als solche, können so etwas zum Beispiel gut.

Nein, nichts heilt zwangsläufig aus, schon gar nicht wird etwas selbstverständlich zu irgendeinem Ende wieder gut, denn wann uns das Ende ereilt haben wir nicht in der Hand. Und niemand ist verpflichtet, sich einer Zuversicht zu befleißigen, deren Grundlage die Erfahrung anderer Menschen, im Lied die der Mutter, ist. Auch macht so etwas wie das von ihr hinsichtlich der Liebe geäußerte natürlich auch nur dann Sinn, wenn man die romantische Vorstellungen des „Glücks zu zweit“ als Heilslehre akzeptiert und sich im Glauben, so und nicht anders müsse es doch früher oder später kommen (“Topf-Deckel”-These), nicht beirren lässt. Als hätte man ein Anrecht auf das, was gerade für Glück gehalten wird.
Doch Moment, warum sollte ausgerechnet der Autor dieser Kolumne Ahnung von Liebe und all den Gefühlen drum herum haben? Was für ein Typ ist er eigentlich, besser gesagt, was für ein Liebeskummer-Typ, denn darum geht’s hier ja? Zum Glück lässt sich das fix herausfinden, dafür haben wir doch das Internet, und dort gibt es sie, die Tests, die Klarheit schaffen.

Also, die erste Frage der Analyse Liebeskummer-Typ Test lautet: „Stell dir vor, du bist ein Vogel. Du versuchst zu fliegen, doch plötzlich bemerkst du, dass dir deine Flügel fehlen …“ Mhm … suche ich nach ihnen? Gebe ich gleich auf? Nein, ich wähle „Das ist dir vollkommen egal“. Jetzt will ich wie jeden Nachmittag mit meiner Freundin oder meinem Freund telefonieren, aber sie oder er hat keine Lust … Tja, da interessiert mich, was denn wichtiger wäre. Würde ich aber gar nicht machen wollen, jeden Tag anrufen … Jetzt stirbt mein Haustier, und es wird beerdigt. Jetzt hat wer beim Einkaufen Kartoffelchips vergessen … Tja, ich sag nix und kaufe sie selber, nachdem ich das Tier begraben habe, nur um zurückzukommen, und meineN besteN FreundIn zu verpetzen. So ein Mist, mache ich doch eh nicht, frage mich das aber nun via Test, danach dann, ob ich mich oder andere bevorzuge. Wenn’s um das Beerdigen von Tieren geht, dann gilt: „Ich tue alles für die anderen und denke kaum an mich.“ Beim Kaufen von Chips ist das schon wieder anders, die sollten nämlich vegan sein, und dann werden sie in Balsamico getunkt, also bitte nur Salz dran, nix anderes. Macht mich das beliebt? „Sehr! Ich habe sogar Fans.“ Frage Acht: Ob ich mutig bin? Hej, ich habe gerade mitten in einer Großstadt ein Tier begraben … klar! Nun interessiert, ob ich Respekt vor ranghöheren Personen hätte. Ja, vor toten Tieren. Bin ich verliebt? In mein totes Tier vielleicht …

Das Ergebnis: „Du bist sehr nachtragend und trauerst viel – manchmal sogar zu viel. Da du meist nur an die anderen denkst, solltest du vielleicht dich etwas mehr mit dir selber beschäftigen. Dein Verhalten grenzt schon an extreme Pingeligkeit (…) Rücksichtslos und nahezu Selbstverliebt suchst du dir bloß deine eigenen Vorteile heraus. Andere Personen interessieren dich wenig – du spielst in deinem Leben die Hauptrolle. Niemand stiehlt dir diese Rolle, noch nicht einmal deine große Liebe. Mit Liebeskummer gehst du um wie mit einem Gerücht: kurz interessierst du dich dafür, denkst ein wenig darüber nach, wendest dich jedoch nach sehr kurzer Zeit davon ab, um sich um dich selbst zu kümmern.“

Tja, und das stimmt dann wohl. Erst ließ ich mich über die anderen (Siw Malmkvist und Christian Bruhn) aus, dann äußerte ich mich bezüglich das Liebeskummers in etwa so, dass Trauer ja wohl Teil des Leben sei, ich trauere also viel, und kaum bot sich mir eine Chance, schon wende ich mich aber wieder ab und kümmere mich nur um mich selbst (zum Beispiel einen “Psychotest” machen). Was soll ich da nun tun? Abbitte leisten? Den nächsten Test machen? Lieber nicht. Hingegen Gustav hören, und dann dieses übergroße Lied voller Trauer, Angst und Zweisamkeit, das fetzt, und sollte es ein Schlager sein, so wär’s mein Lieblingsschlager.

Dem entgegen steht allerdings der Text, da hilft auch keine Blasmusik, auch nicht die zweite Stimme.

„Ich habe eine Sehnsucht, nach der nächsten Katastrophe,
denn wenn wir gemeinsam leiden, fällt dieses Unbehagen ab.
Der Zufall ließ uns weiter leben, der Überdruss ging vor der Angst,
ließ uns einander fest umklammern und hoffen, für den nächsten Tag.

Mach aus den Städten Schutt und Asche, ich will nie wieder Sonnenschein,
ein Menschenleben weg genügt nicht, es müssen Gottesleben sein.
Ich will die Kinder weinen hören, die Mütter einsam fleh’n am Grab -
und keine Vögel soll’n mehr singen, nur unsere Melodie erklingen.“

Also doch kein Lieblingsschlager, bisher nicht. Kommt aber noch, Schlager wird’s ja noch genügend geben.

Fotos: Luca Venter, das Portfolio gibt es hier.


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2 Kommentare zu “Der Liedschatten (XXXVIII): Liebe, Kummer und Psychotest”

  1. Liebeskummer ist das Ringen mit einem Scheitern, somit eine Gemütsreinigung. Er lohnt sich, solang er nicht zum Selbstzweck wird, der als Entschuldigung dafür herhalten muss, dass man sich gehen lässt. Der in diesem Lied verbreitete Optimismus ist tatsächlich dumm. Aber er richtet sich ja auch an simpel gestrickte Gemüter.

    Noch schlimmer als der dümmste Schlager sind freilich Psychotests, die in ihrer fachlichen Expertise wohl von Lieschen Müller stammen.

  2. [...] Annabell“), mussten Rügen hinnehmen („The Last Time“), litten still vor sich hin („Liebeskummer Lohnt Sich Nicht“) oder wurden keck erobert („Rote Lippen Soll Man Küssen“). Nur in Ausnahmefällen waren sie [...]

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