Der Liedschatten (33): Züchtig im Park

How fucking romantic: Gitte und Rex, uns allen bereits als Interpreten jeweils eines Nummer-Eins-Hits bekannt, dienten dem am Schlager interessierten Teil der BRD seit 1963 als knuffiges Traumpaar. Und waren sie das nicht auch?

Zweideutiges oder gar offenbar verwerfliches Handeln gab es nur in ihren Liedern, so zum Beispiel in „Speedy Gonzales“, Rex Gildos erstem großen Hit. Auch als die aus Dänemark stammende Gitte Haenning sich gegen die Wünsche ihrer Eltern auflehnte und einen Cowboy als Mann verlangte, wurde nicht einmal kritisiert, dass es doch „zum Mann“ heißen müsste. Einer recht niedlichen jungen Frau verzieh man gerne, vor allem, da man ihre Forderung nicht gänzlich ernst nehmen konnte.

Im Juni ’63 wurde Gitte 17 Jahre alt und damit nach geltendem Recht kein bisschen erwachsen. Sie hätte aber immerhin schon heiraten können. Denn die Ehemündigkeit erlangten Frauen bereits mit Vollendung des 16. Lebensjahres, zu einem Zeitpunkt also, als sie noch nicht geschäftsfähig waren. Anders war das bei Männern, die beides gleichzeitig mit 21 Jahren erlangten. Gleichberechtigung war also nicht im Sinne des Gesetzes. Frauen durften früh heiraten und brauchten nichts lernen, Männer konnten sich hingegen erst ein paar Jahre mit Korkgewinnung, Kortisondosierung, Korbmacherei und gänzlich anderen Dingen befassen, die vermieden, dass sie allzu grünschnäbelig in die Ehe traten.

Und ab dieser galt laut BGB:

§ 1356. [1] Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. [2] Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.

Und so sah’s auch nur von 1958 bis 1977 aus, vorher war’s noch ein wenig ärger, das lässt sich bei der Quelle nachlesen. Eine Frau hätte also nur mit der schriftlichen Erlaubnis ihres Mannes arbeiten können. Das ist hart. Was aber hilft, wenn’s hart wird? Ein Lied.

Gitte & Rex Gildo “Vom Stadtpark die Laternen”, Juli – September – November 1963

Hier haben wir ein wenig fucking Romantik, zumindest dann, wenn man sie mit amourösem Kitsch gleichzusetzen beliebt. Dafür waren diese beiden „jungen Leute / von heute“ wie geschaffen, boten sie doch das idealisiert reine Liebespaar, für das man sie aufgrund gemeinsamer Veröffentlichungen und des Films „Jetzt Dreht Die Welt Sich Nur Um Dich“ von 1964 gerne hielt. Da blüht der Mohn blutrot, Ruinen träumen vor sich hin und die Nacht ist tiefblau. Ja, überhaupt die Nacht und die Sterne, beides ist wichtig für die junge Leidenschaft, wobei, allzu leidenschaftlich darf es natürlich nicht zugehen, auch, wenn der Herr älter und sicher erfahrener ist. Liebe ist ein Hokuspokus, keine Macht, ein kleines Zäuberchen, ein lieblicher Scherz, haha. Und dass sich daran nicht ohne Weiteres etwas ändert, dafür sorgten diejenigen, die es und überhaupt alles aufgrund ihres vorgeschrittenen Alters besser wussten, Eltern und Gesetzgeber.

Beischlaf vor der Heirat, das war kein Thema, dessen man sich wohlwollend annahm. Sei es aus moralischen Erwägungen, die stark vom Christentum geprägt wurden, aus Angst vor Schwangerschaften oder aufgrund der fehlenden Bereitschaft, in Sex etwas anderes als einen Teil der gesellschaftstragenden Ehe zu sehen. Jegliche Praktiken, die wie Homo- und Autosexualität mit dieser nicht im Zusammenhang standen, wurden verpönt bis gefürchtet und verfolgt. Solche Ansichten finden sich heute nur noch in kirchlichen Kreisen und bei sonstigen Konservativen. Wer’s gern polemisch mag, kann einmal hier schauen, die Zitate sind lesenswert, die Kommentare … nun ja, geht so. Oder man schaut einfach, was der Papst so treibt.

Bis zur Strafrechtsreform von 1969 jedoch stellten Handlungen, die in diesem Sinne als „unmoralisch“ gelten konnten, sogar eine Straftat dar. Dazu zählten nicht nur homosexuelle Handlungen unter Männern, sondern auch die sogenannte „Kuppelei“.

rex_gitte_parkGehen wir davon aus, dass es sich bei beiden Protagonisten des Liedes um Personen handelt, die noch bei den jeweiligen Eltern wohnten, was bei einem Großteil der jugendlichen Zielgruppe mit Sicherheit der Fall gewesen sein dürfte. Daraus wird ersichtlich, weshalb Gitte und Rex nicht nur hier, sondern auch in ihrer anderen erfolgreichen Single aus dem Januar 1964, „Zwei Auf Einer Bank“, Händchen haltend durch städtische Parkanlagen streunen mussten. Bei ihren Eltern hätten sie nicht einkehren können, diese würden sich nämlich, falls es dabei zu sexuellen Handlungen gekommen wäre, eines strafbaren Vergehens schuldig gemacht haben.

Die Duldung zweier junger Leute unterschiedlichen Geschlechts des Abends in einem Raum, so etwas hätte durchaus als die Schaffung einer Gelegenheit zu vorehelichem Geschlechtsverkehr gelten können, Unzucht eben, und darauf stand eine Gefängnisstrafe von einem Tag bis zu 5 Jahren. Zusätzlich verlor man die „bürgerlichen Ehrenrechte“, was laut Wikipedia „[…] den dauernden Verlust der aus öffentlichen Wahlen hervorgegangenen Ämter, sowie aller sonstigen öffentlichen Ämter, Würden, Titel, Orden und Ehrenzeichen (bewirkte). […] Ferner bewirkte die Aberkennung den Verlust der Fähigkeit in öffentlichen Angelegenheiten zu stimmen, zu wählen oder gewählt zu werden und andere politische Rechte auszuüben; Zeuge bei Aufnahme von Urkunden zu sein; Vormund, Nebenvormund, Kurator, gerichtlicher Beistand oder Mitglied eines Familienrats zu sein, es sei denn, dass es sich um Verwandte absteigender Linie handelte und die obervormundschaftliche Behörde oder der Familienrat die Genehmigung erteilte.“

Das ist allerhand, von dem, was die Leute dazu sagen würden, ganz zu schweigen. Wenn sich der Schlager mittlerweile also nun auch explizit den „jungen Leuten / von heute“ widmete, so wurde darin gemäß den moralischen und gesetzlichen Bestimmungen stets Gebührliches gesungen. Und gebührlich ist in diesem Sinne ein naives, schlichtes, asexuelles Bild der Adoleszenz, es wird spaziert, nicht verkehrt. Dabei hätte man sich in diesem Fall eh keine Sorgen machen müssen.

4 Kommentare zu “Der Liedschatten (33): Züchtig im Park”

  1. 87654 sagt:

    großartig, die schlusssätze sind legendär in diese irgendwie komischen rubrik, deren konzept ich nicht wirklich verstehe.

  2. Lennart sagt:

    Besten Dank! Es werden an dieser Stelle sämtliche Songs, die es jeh auf den ersten Platz der Charts der BRD, einzeln und chronologisch besprochen. Sollte man vielleicht hin und wieder einflechten… hier mal die erste Folge zum rein lesen. http://www.auftouren.de/2011/01/02/der-liedschatten-folge-1/

  3. […] man noch bei den Eltern zu leben. Dorthin aber durfte per Gesetz niemand mitgenommen werden, da so Unzucht ermöglicht worden wäre, für die Eltern haftbar gemacht werden konnten. Und auch außer Haus […]

  4. […] „Heißer Sand“ von Mina, „Barcarole In Der Nacht“ von Connie Francis, Gitte und Rex mit „Vom Stadtpark Die Laternen“ und eben „Der Letzte Walzer“, vorgetragen vom als groß geltenden Entertainer Peter […]

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