
The Beatles: “Ob-La-Di-Ob-La-Da”, März 1969
Ich vermag nicht zu sagen, wann genau sich das Wort „Prokrastination“ in meinen Wortschatz einschlich, länger als ein oder zwei Jahre kann es nicht her sein. Gänzlich unbekannt hingegen war mir bis vor kurzem das wenig klangvolle Verb „prokrastinieren“.
Fragt einmal jemanden, ob er denn den ganzen Tag prokrastinieren wolle. Ihr werdet merken, wie garstig die Abfolge pr-kr-st-n-r-n den Gaumen kratzbürstet. Fragt es einmal, und ja, fragt es ruhig mich, immerhin versuche ich ja das Notwendige aufzuschieben.
Tatsächlich klappt es dieses Mal nicht so ganz, ich schreibe bereits. Meist suche ich mir ein schickes Blog wie jenes hier oder lese die Biografien von Comicgestalten und Figuren aus dem Star-Wars-Universum, natürlich nicht im Original oder schicken Bänden, sondern auf Wikis. Probiert es aus, ihr werdet sehen, wie famos das funktioniert. Auch gut sind Mythologien, wobei diese weniger umfangreich und konfus als die gerne in mehrere Leben geteilte Geschichte irgendeines beliebigen Vigilanten sind. Wie auch immer, ich schweife ja wohl ab.
Nur wovon schweife ich ab? Ein richtiges Thema gab es bisher nicht, einzig leidlich gelungene Ausflüchte durch das Schwadronieren über Ausflüchte … Immerhin kam so schon ein ganz schönes Stück Text zustande, um die, na, sagen wir, 200 Wörter sind das bestimmt, und ihr lest noch immer. Oder Du. Vielleicht, weil Du, werte Leserin, werter Leser, ein wenig prokrastinieren (was übrigens nicht tatsächlich, aber zumindest ein klein wenig nach „Knastbruder“ klingt) magst, wozu Dich diese Serie nun noch einmal herzlich einladen möchte. Lies, lies vom Schlimmen und Schönen, Peinigenden und Peinlichen, Verkrampften und Erhabenen, lies doch, was Du willst (unterhalb des Textes befinden sich Links), nur nicht, wie ich „Ob-La-Di-Ob-La-Da“ vorstellen muss.
Schließlich liefert dieser Song McCartneys keine Belege für die Behauptung, die Beatles seien das beste je existierende Ensemble der recht jungen und nichtsdestotrotz bereits mumifizierten Kunstform Popmusik gewesen, nicht einmal dafür, warum es sich bei ihnen überhaupt um eine gute Popgruppe gehandelt haben sollte. Zugegeben, auch die Aussage von Lennons „Run For Your Life“ ist dumm, Starrs „Don’t Pass My By“ ungelenk, wenn auch knuffig und Harrisons „Taxman“ zumindest textlich missraten. Ein reicher Mensch möchte keine Steuern zahlen, gut, aber muss er denn davon singen? Das Schröpfen der Reichen ist in erster Linie für diese problematisch, natürlich spielt die Verwendung des eingezogenen Geldes noch eine Rolle und … ach. Ihr merkt es ja, ich tändle schon wieder herum.
Denn leider ist mein Verhältnis zu „Ob-La-Di-Ob-La-Da“ von tiefstem Missbehagen geprägt, und das schmerzt mich als Fan doch sehr. Bisher war das bei den Beatles stets anders, lest nur einmal die restlichen Folgen über die Beatles … ihr möchtet doch, nicht? Ja, genau, schnell weg hier, da, „I Want To Hold Your Hand“, „Paperback Writer“, „Yellow Submarine“, „Penny Lane / Strawberry Fields“, „Hello Goodbye“ und „Hey Jude“, rasch, nur lasst mich bitte mit dem heutigen Song allein.
Wenn das die Beatles wären … nicht auszudenken.
Nun ist das Stück natürlich beileibe nicht so furchtbar wie andere Hits des Jahres 1969, und überhaupt, so richtig furchtbar ist es ganz und gar nicht, nur eben weniger gut als fast alle anderen über 200 Lieder der Band, und das, sagt der Fan, ist ein Sakrileg der Beatles am eigenen Werk. Nichtsdestotrotz besitzt „Ob-La-Di-Ob-La-Da“ große Hitqualitäten, wobei diese sich am besten durch den Hinweis auf die Form der Veröffentlichung beschreiben lassen. Einzig in der BRD erschien er als Single, für Großbritannien brauchte es die Strohmänner von The Marmalade mit ihrer originalgetreuen Nachbildung.
Danach suchen braucht niemand, zu offensichtlich ist die Beschwingtheit, zu hopsig das Piano, von dem es heisst, Lennon habe es, obwohl er das Lied nicht mochte, eines Tages beigesteuert. Wer weiß, womöglich nahm er das kommerzielle Potential des Songs wahr, hatte einfach nur gute Laune oder war am Ende bis zum Aktionismus genervt. Jedenfalls ist er nun für die Mutmaßung verantwortlich, es handele sich hierbei um ein bewusst an Ska angelehntes Stück, eine Interpretation, die möglich, aber nicht zwingend notwendig ist. „Ob-La-Di-Ob-La-Da“ wirkt eher wie ein Rückgriff auf die Tradition der britischen Music Halls als eine Adapation des 1969 in den kommerziell relevanten Bereich durchbrechenden Ska, dessen damals bekanntester Künstler Desmond Dekker dennoch womöglich namentlich erwähnt wird. Nur wäre die bewusste Adaption eines Stils durch die Beatles nichts Neues, keinesfalls ließe sich ein einzig darauf basierender Song mit den von neuartiger Ästhetik durchdrungenen „Tomorrow Never News“, „Strawberry Fields Forever“ oder „A Day In The Life“ messen.
Wenn Popmusik Kunst sein kann, dann ist McCartneys konfliktferne Liebesgeschichte Kunsthandwerk, sehr solide und gut gelungen, aber nichts, was im Gesamtwerk der Beatles unverzichtbar wäre. Ein „Weißes Album“ ohne Ob-La-Di-Ob-La-Da ist denkbar. Das Lied dient mangels Inhalt einzig als Vehikel für die Verspieltheit und das Können McCartneys, der in Zusammenarbeit mit Lennon Großartiges wie „She’s Leaving Home“ hervorbrachte, hier aber einfach nur eine mögliche Nr. 1 schrieb.
Vorher waren Songs der Beatles erfolgreich, ohne es auf Gefälligkeit anzulegen, ganz im Gegenteil. Die Band definierte, was ein Hit sein konnte, indem sie Lieder veröffentlichte. Leider schien das verständlicherweise einen Glauben an die eigene Unfehlbarkeit hervorgebracht zu haben, der erst während der Session zu „Get Back“ ernstlich erschüttert wurde und vorher zur praktizierten Narrenfreiheit auf hohem Niveau führte. Wir können froh sein, dass diese so glimpfliche Folgen wie ein Doppelalbum mit einigen nur sehr guten, ansonsten aber absolut überragenden Stücken hatte. Man stelle sich nur einmal eine „Rockoper“ der Beatles des Jahres 1969 vor, am Ende gar unter Federführung McCartneys.
Wie unschön. Reden wir doch lieber noch einmal von etwas Schönem, nämlich der B-Seite, Harrisons „While My Guitar Gently Weeps“ mit Eric Clapton an der Sologitarre. Die Verbindung aus Clapton und Harrison macht es zu einer Art Götzen derjenigen, die glauben, die seltsame Floskel „handgemachte Musik“ würde irgendetwas besagen. Sehr erheiternd im Zusammenhang damit ist, dass er als einer der ersten Songs der Beatles mit einem Achtspurgerät aufgenommen und obendrein in um die 37 Stunden Studiozeit erarbeitet wurde. Es sollte deshalb hier wie auch generell darauf geachtet werden, gute Musik nicht von oberflächlichen Kulturpessimisten vereinnahmen zu lassen, die so tun, als seien die Beatles Mucker gewesen. „While My Guitar Gently Weeps“ ist vor allem durch McCartneys Bass und Piano, Starrs Schlagzeug und den plötzlich luftigen Refrain reizvoll, auch Harrisons Vortrag ist viel hübscher als Claptons zugegeben lautmalerisch treffend heulende Gitarre.
Beeindruckender als das „wie“ der Aufnahmen ist sind jedoch die von den Beatles innerhalb kurzer Zeit durchlaufenen Veränderungen. „The Beatles“, das sogenannte „Weiße Album“, von dem auch „While My Guitar Gently Weeps“ stammte, erschien anderthalb Jahre Jahre nach „Sgt. Peppers Lonely Heartsclub Band“ und ein Jahr nach „Magical Mystery Tour“. Die psychedelische Herrlichkeit war vorbei, die Beatles wollten wieder eine Rock’n’Roll-Band sein.