Der Liedschatten (100): Roy Black: 1 - Slime: 0

Roy Black: “Dein schönstes Geschenk”, Januar – März 1970

Ah, die 100. Folge! Kurz hatte ich überlegt, eine Top Ten der bisherigen #1-Hits der BRD zusammenzustellen, aber das hebe ich mir lieber für später auf.

Zusätzlich ist mit der heutigen Folge das erste Jahrzehnt abgeschlossen. Dass es auch ausgiebig abgehandelt wurde, will ich gar nicht erst behaupten. Wie sollte das auch möglich sein? Das hier ist Teil einer Musikseite, mehr nicht. Nur, weil niemand anderes dieser wahnwitzigen Idee erlegen ist, bedeutet das noch lange nicht, ich würde ihr erschöpfend nachkommen. Hin und wieder versuche ich trotzdem, anhand der Lieder Rückschlüsse auf die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse zu ziehen, besonders zu Beginn tat ich das recht gerne. Und warum nicht? Gewiss sagen kommerziell erfolgreiche Stücke etwas über ihre KäuferInnen aus. Wer aber genau erwarb weshalb welche Single? Diese Frage wurde an bereits mehreren Stellen gestellt, eine Antwort war nie möglich. Dadurch werden meine Vermutungen zwar nicht zwangsläufig widerlegt, die Umdeutung zu Erkenntnissen ist aber leider ausgeschlossen. Falls mich jemand von der Lohnarbeit befreit, verspreche ich (Ver-)Besserung und intensives Studium aller mir zugänglichen Quellen.

Bis dahin können wir uns immerhin an das jeweilige Stück halten. Heute ist es mal wieder ein Schlager, nämlich „Dein Schönstes Geschenk“ von Roy Black, das vor allem durch sein Vorkommen im Film „Unser Doktor Ist Der Beste“, einem biederem Lustspiel, äußerst erfolgreich gewesen sein dürfte.

Ach, diese süßen Gören mit ihren falschen Masern! Wie intrigant und dennoch knuffig!

Geschrieben wurde die Musik vom an dieser Stelle bisher noch nicht weiter in Erscheinung getretenen Werner Twardy, der Text stammt von Elisabeth Bertram (entwickelte das deutschsprachige Programm bei Radio Luxemburg, außerdem Texterin der Bearbeitungen „Marina“ von Will Brandes und Bernd Spiers „Memphis Tennessee“), die seit 1959 mit dem Komponisten Hans Bertram verheiratet war. Auch dieser hatte bereits einige Hits verfasst, darunter den „Babysitter Boogie“ von Ralf Bendix, bei dem auch ihre Tochter Elisabeth lallte, wiederum Bernd Spiers „Das Kannst Du Mir Nicht Verbieten“ und Roy Blacks „Das Mädchen Carina“.

anders gehDie Melodie von „Dein Schönstes Geschenk“ ist schlicht und leicht zu erinnern, einen großen Tonumfang braucht man nicht, um mitsingen zu können. Das schwingt so sanft wie eine Schaukel mit Kleinkind drauf, beschaulicher fährt keine Gartenbahn an Zwergen vorbei. Wobei, das erweckt einen falschen Eindruck, es tümelt überhaupt nicht, nicht mal deutsch. Kindlicher Wissensdurst und die christlichen Tugenden fides, spes et caritas, in etwa Glaube, Hoffnung und Liebe, schlagen durch das Mittel der englischen Sprache den Bogen zum nur allzu Menschlichen, das sogar die mit Sicherheit damals nicht sonderlich volkstümlichen Besatzungsmächte, das legt zumindest die englische Sprache nahe, einschließt. Es mag also ungewiss sein, warum ausgerechnet Sonne, Mond und Sterne daran erinnern sollen, dass jemand an „Dich“, also auch mich, denkt. Ebenso ist zweifelhaft, warum das menschliche Glück hier wieder einmal in privaten Sentimentalitäten liegen soll und neue Zähne für meinen Bruder und mich nicht ein schöneres Geschenk sein können als ein paar Stunden, in der jemand, vielleicht eine verschmähte Verehrerin oder der Mitarbeiter einer Leihbücherei, dem ich noch immer ein Bußgeld schuldig sein könnte – wohlgemerkt: könnte! – an mich denken. Aber so ist er halt, der Schlager. Alles in allem ist der Text hier wie beinahe eh und je eine Anhäufung von Reizwörtern, zusammengehalten durch den Interpreten und die Harmonie von Musik und Szenario. Und bei allem Kitsch und geradezu widerwärtiger Süßlichkeit ist mir das lieber als, sagen wir, ein Stück wie „Yankees Raus“ der Deutschpunkband Slime.

Selbstverständlich ist das arg konstruiert, denn wer würde schon allen Ernstes einen Menschen vor die Wahl zwischen Roy Black und Slime stellen? Und in welcher Situation? Nun, denkbar wäre das im Rahmen einer bereits etwas länger andauernden Diskussion über das aktuelle Album des Schlagersängers Heino, zu fortgeschrittener Stunde, nach dem Genuss zahlreicher aufreizender Tees. In ein paar Wochen mag es anders aussehen, aber gegenwärtig scheint eine solche Debatte nicht unwahrscheinlich und auch nicht gänzlich verfehlt, kann dabei doch deutlich werden, wie wenig sich Schlager und „harte“ oder „ehrliche“ Musik voneinander unterscheiden. Am Ende ist das, was Rockbands oder ein Peter Fox spielen, einfach in einer anderen Tradition verhaftet, die im Gegensatz zum Schlager vor allem darauf basiert, dass hier die Interpreten die Stücke selbst schreiben. Der Rest ist einzig eine Frage von musikalischem Stil und Arrangement. „Haus Am See“ von Fox in etwa ist mit seinen Zeilen „Ich habe 20 Kinder, meine Frau ist schön. (…) Wir grillen, die Mamas kochen und wir saufen Schnaps“ Ausdruck einer persönlichen Wunschvorstellung, die als „natürliche“ Rollenverteilung ebenso zu vielen Schlagern gehört wie Rammsteins „Sonne“ seinem Prinzip der starken Worte bei fehlender Sinnhaftgkeit entspricht.

Erkennbar machen, dass eben nicht nur die Haselnuss, sein Mädel und er selbst schwarzbraun sind, ist vielleicht kein Verdienst Heinos, aber immerhin eine nette Folge dieser mäßig originellen Marketingidee. Selbstverständlich sind Bands wie Die Ärzte deshalb nun nicht politisch diskreditiert. Immerhin sollte aber aufgefallen sein, dass es nicht ausreicht, Fan bestimmter Bands und Lieder zu sein. Die Schlussfolgerung „Ich höre Die Toten Hosen, die machen Punkrock, also bin ich links“ ist fehlerhaft. Ah, und wenn wir gerade beim Punk sind: Das krassere Beispiel für diese unreflektierte Oberflächlichkeit ist eine sich selbst als links verstehende Band wie die weiter oben erwähnten Slime, die am Ende auch nur eine Marktnische und oft genug stumpfe Ressentiments bedient hat. Um keine Misverständnisse aufkommen zu lassen: das tat sie nicht weil, sondern obwohl sie sich als links verstand. Sie wie auch manche andere Deutschpunkband hatte nicht nur teils reaktionäre Inhalte und Anliegen, sondern Provokation mit Kritik verwechselt oder am Ende sogar geglaubt, diese könne jene ersetzen. Bei den Künstlern, deren Lieder Heino nun interpretiert, fehlt Kritik trotz teils widersetzlichem Gestus vollständig, weshalb es nicht weiter schwer für einen Schlagersänger ist, sich der vermeintlichen verlorenen Söhne anzunehmen und auch ihren Fans deutlich zu machen, dass am Ende alle nur dasselbe wollen würden, zum Beispiel ein „Haus Am See“. Und dem wird keiner der gecoverten Gruppen widersprechen wollen, das muss den Menschen überlassen bleiben, die sie genau deshalb ebensowenig wie Heino und Roy Black hören.

Ein Kommentar zu “Der Liedschatten (100): Roy Black: 1 – Slime: 0”

  1. […] auf Englisch gesungen, und alles prickelt. Vielleicht auch, weil es dennoch bis auf den Bart an Roy Black (auch Gérard war einst Rock’n'Roller) und andere Klassiker der handwerklich hochwertigen […]

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