Der Liedschatten (35): Quatsch für euch & creepy Zeug

Ei, wie pfiffig! Und genügsam ist es auch noch. Covern und dabei den Text ins Deutsche übersetzen? Hatte sich bewährt, da brauchte man auch 1964 nichts anderes. Warum sich den Kopf über irgendetwas Neues zerbrechen, zum Beispiel diese wilde Beatmusik aus irgendwo in England?

Schließlich besaß die BRD auch 1964 noch einen sehr homogenen Musikmarkt mit recht speziellen Eigenheiten. Und dort konnte sich, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, niemand behaupten, der oder die sich nicht den dortigen Gegebenheiten anpasste. Für Interpreten war es also besser, die Lautschrift zu beherrschen, Autoren und Komponisten hielten sich an lokale Berühmtheiten. Schlagerfilme, Rundfunk und in stärkerem Maße auch das Fernsehen waren die Medien, um solche zu erschaffen.

Nein, die Welt war damals noch in Ordnung, ein Satz, der suggeriert, sie sei es später nicht mehr gewesen, und wer weiß, vielleicht ist dem so, was ja aber Quatsch ist. Quatsch! Und wie Quatsch kommt es dem Autoren heute vor, wieder einmal einen Cover-Schlager anzumoderieren. Viel lieber würde er als großer Beatles-Fan von deren Debüt in den Charts der BRD in diesem Jahr berichten. Doch ach, erst einmal ist heute Bernd Spier dran, der hatte 1964 zwei Nummer-Eins-Hits, und zwar nach der oben erwähnten Methode. Und da die unsere an dieser Stelle eben chronologisch ist, möchte ich Sie nun darum bitten,

Bernd Spier

mit seinem Hit

„Das kannst Du mir nicht verbieten“, Januar – Februar 1964

ganz dolle herzlich zu begrüßen, klatschklatsch.

Und zugegeben: Wäre es nicht ein wenig schade, ihn zu übergehen? Schließlich ist seine Version des Johnny-Tillotson-Songs „You Can Never Stop Me Loving You“  so herrlich creepy.

 

Wäre es eine melancholische Ballade oder enthielte der Song wie im Original einfach die Aussage, der Protagonist würde die betreffende Person immer und ewig lieben, egal, was sie auch tue und wie sehr sie auch darum bemüht sei, jegliche Erinnerung auszulöschen, könnte man es leicht einreihen in die kleinen belanglosen Liedchen, aus denen sich die Charts der BRD bis dahin beinahe ohne Ausnahmen zusammensetzten. Durch einen kleinen Schwenk im Text und sogar über die Glättung des Arrangements aber entsteht eine Spannung und Aussage, die das Original so nicht besaß. Dort war die Verteilung ganz klar: Die besungene Person ist aktiv und handelt in der Absicht, jegliche Erinnerung und Bezüge zu einer aufgelösten Liebschaft zu vernichten, trotzdem wird sie weiter geliebt werden, in Gedanken. So ist das nämlich, alle werden sie immer geliebt werden, wenn sie wen verließen, was für ein Gerangel in Herzen und Gedanken.

spier_verbietenBei Spier aber kommt noch eine neue Ebene des Handelns hinzu.: Zum Einen wird impliziert, die erwähnte Beseitigung aller Dinge und Gedanken habe auch das Ziel, die Liebe gänzlich und an jedem Ort, auch beim Gegenüber, in Vergessenheit zu bringen. Dieser aber singt schalkhaft und ein wenig besessen: „Das kannst Du mir nicht verbie-ie-ten“, rhythmisch unterstützt durch die Schläge auf der Hi-Hat. Das hier besungene, nicht untersagbare Lieben ist eine Handlung, die musikalische Umsetzung diese Statements im Lied nicht nur tänzerisch, es ließe sich dazu sicher auch grinsend und elastischen Schrittes einem Menschen nachschleichen. Stimmt man die hüpfende Nachstellerei dann auch noch auf die kurz gestrichenen Geigen im Kehrreim ab, wird’s letztendlich gruselig. Und dass es ihm leid täte, nein, das glaubt man nicht, er scheint mit seiner Situation recht zufrieden zu sein, kein wenig traurig, eine Art manischer Triumph schwingt mit, und ihr tätet nun wirklich einmal gut daran, euch ordentlich zu gruseln.

Nein? Das wollt ihr nicht? Na wartet…

So.

Jetzt gefürchtet? Falls nicht, tja, dann kann man nichts machen … obwohl … nach seiner Schlagerkarriere wurde Bernd Spier … Immobilienmakler! Nun ein wenig geschaudert? Wenigstens die HamburgerInnen unter Euch? Ach, Euch ist doch wirklich nicht zu helfen … Wartet’s nur ab, der Bernd wird wieder kommen, jawohl, dafür hat die Käuferschaft schon gesorgt, und auch, wenn die Hegemonie des Mittelmaßes von nun an ab und zu durchbrochen werden soll, so wendete sich letztendlich doch nichts zum Guten, nein und niemals.

(Wer sich jetzt ganz gewitzt vorkommen möchte, könnte einfach denken: „Aha! Wird es nicht besser, so wird es schlechter, also war es einmal besser, früher!“. Bitte. Geschenkt. Viel Vergnügen mit diesem Quatsch. Quatsch!)

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