LindstrømSmalhans

Die einfachsten Freuden sind nicht selten die größten. „Comfort Food“, das bezeichnet vor allem in den USA Nahrung aus einer Perspektive, die das eigene Wohlempfinden zur Maxime erhebt: kochtechnisch und geschmacklich wenig originelle Gerichte wie Hühnersuppe, Brathähnchen oder Apfelkuchen, welche mit ihrer wärmenden Behaglichkeit Erinnerungen an die Kindheit wecken.

Genau mit diesem Hintergrund tragen die Stücke auf Hans-Peter Lindstrøms drittem Soloalbum Titel wie „Lāmm-ęl-āār“ und „Ęg-gęd-ōsis“, sind benannt nach dem Lammbraten und der Eier-Zucker-Masse, mit denen der Norweger aufwuchs. Die Musik ist jedoch weniger kulinarische Seelennahrung als musikalische, nach dem wüst experimentellen „Six Cups Of Rebel“ aus dem Frühjahr, das so manche vor den Kopf stieß, gibt der König der Space Disco auf „Smalhans“ ganz den Crowdpleaser. Davon zeugt nicht zuletzt das Cover, dessen Portraitbild einer Unbekannten die Serie aus „Where You Go I Go Too“ und „Real Life Is No Cool“ fortsetzt.

Nach der Rebellion gibt sich der schlanke Hans-Peter also vorerst mit Kontinuität zufrieden. Das könnte einen monotonen Autopilot-Kurs bedeuten, vielmehr aber übt sich Lindstrøm in der Variation des Tonleiterkletterns, kitzelt aus einer simplen Kompositionstechnik immer wieder etwas Neues heraus. Ein ums andere Mal schraubt sich ein Stück ins Weltall, ob munter flummibouncend wie „Vōs-sākō-rv“ oder im knackigen Tanzschritt von „Fāār-i-kāāl“, ohne langes Intro spannen die Stücke die Horizontbreite eines „Where You Go I Go Too“ auf wenige Minuten komprimiert nicht minder atemberaubend auf.

Das wird umso eindrucksvoller, hört man sich im Vergleich einmal „It’s A Feedelity Affair“ an, jene 2006er Compilation, deren Kronjuwel „I Feel Space“ dem norwegischen Dance-Sound erst eine Bezeichnung einhagelte. Lindstrøm hat seine Space Disco über ein halbes Jahrzehnt sowohl expandiert als präzisiert, seine Arrangements sind eleganter, seine Dynamikwechsel flüssiger und seine Melodien komplexer geworden: Meist kreisen mehrere endlose Synthläufe spiralförmig umeinander, überkreuzen sich und distanzieren sich wieder gleichmäßig („Lāmm-ęl-āār“) oder klettern gemeinsam rauf und runter (schier sensationell ab der Mitte von „Vā-flę-r“).

Fast schon akademisches Anschauungsmaterial für Space-Disco-Studierende liefert „Ęg-gęd-ōsis“, wenn es sich Stück für Stück aufbaut, runterschraubt, erwartungsfreudige Spannung schürt und sich unter Sägezahn-Addition wieder aufschwingt und alles emphatisch mitreißt. Dass es dennoch wie eine Fingerübung wirkt, macht deutlich, auf welch einer Sphäre ihr Schöpfer operiert.

79

Label: Smalltown Supersound

Referenzen: Todd Terje, Diskjokke, Prins Thomas, Giorgio Moroder, Chromeo, Mungolian Jetset

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VÖ.: 09.11.2012

3 Kommentare zu “Lindstrøm – Smalhans”

  1. Das lustigste Lindstrom-Album aller Zeiten. Gute Laune garantiert, da ist die recht kurze Spielzeit wirklich kein Manko. Wer das Werk im Frühjahr zu sperrig, verkopft und krautig fand, der wird hiermit absolut glücklich.

  2. Pascal Weiß sagt:

    Noch gar nicht gehört. Klingt aber ganz so als wäre das nach dem in meinen Ohren eher etwas enttäuschenden letzten Werk wieder was für mich.

  3. Lennart sagt:

    Klingt interessant und wird mir sicher viel Freude bereiten.

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