Plattenkritiken


Review: Lindstrom – Where You Go I Go Too

The Worst Is Over

Dass Skandinavien nicht nur ein Hort okkulter Death-Metal Bands und hipper Schweinerocker ist, sondern auch ein bedeutender Exporteur elektronischer Musik, muss wohl nicht mehr erwähnt werden. Der norwegische Labelbetreiber und Produzent Hans-Peter Lindstrom zählt mit Sicherheit zu den wichtigsten Vertretern seines Umfeldes, denn kaum jemand vermag es solch eine emotionale Dichte mit so viel Liebe zum Detail umzusetzen. Die Einteilung in 3-28 Minuten lange Tracks könnte symbolisch für diese Stärke stehen, denn es braucht Zeit all die mikroskopischen Einzelheiten zu erfassen, die den Gesamteindruck des Sounds ausmachen. Wer lieber von Hit zu Hit springt, ist hier definitiv an der falschen Adresse.

Der Auftakt wird in typisch unterkühlter Disco-House-Manier vollzogen. Glasklare Arpeggio-Synths werden in eisige Flächen getaucht und splittern in scharfen Gitarren-Picks über das druckvolle Wechselspiel aus Kick und Snare. Entschlossenheit und Unsicherheit gehen Hand in Hand, doch der entscheidende Schritt ist bereits getan, es gibt kein Zurück mehr. Wolken ziehen am tiefblauen Himmel auf, die Bassline unterliegt sentimentalen Ausschweifungen, während die Destination unbekannt bleibt. Wer glaubt, nach soviel Pathos wird aufgrund drohender Reizüberflutung ein Gang zurück geschaltet, liegt nur bedingt richtig. Der zweite Teil beginnt reduziert, aber dennoch bedrohlich, die eingeschlagene Richtung wird vertieft und sogar um eine zusätzliche Dimension erweitert. Die emotionalen Nuancen sind hier fein austariert, wie in der Realität unterliegt der Mensch nie exakt einer einzigen Gefühlslage, sondern einem ganzen Spektrum von Emotionen. Lindstrom versteht es hervorragend, dies in einen musikalischen Kontext zu setzen. Auch das letzte Kapitel ist dominiert von dieser Zweideutigkeit. Der – von hallenden Chorus-Gitarren umwobene – Beat pulsiert zwar nach wie vor im 4/4-Takt, das Tempo ist jedoch gedrosselt. Die Entschlossenheit des Openers scheint verflogen zu sein. Wieder ist unklar, worauf man sich hier zubewegt, aber es schleicht sich die Gewissheit ein, dass es kein Happy-End sein wird. Kristalline Synth-Glocken, ätherische Keys und ein markanter Slap-Bass, vereint in einem unglaublichen, nie enden wollenden Groove, verkörpern Resignation und Enttäuschung. Nach der poetischen Liebeserklärung “Where You Go I Go Too” heißt es jetzt, den langen, trostlosen Weg nach Hause anzutreten.

Lindstrom erweckt mit seinem Fuhrpark klassischer Klangerzeuger vergangene Zeiten zum Leben und versetzt sie in die Gegenwart, ohne dass sich Begrifflichkeiten wie “Disco-Revival” oder “80ies-Hype” aufdrängen. Er schafft eine zeitlose, digital-analoge Schnittstelle, von der aus er seine Breitwand-Elektronik an die Wand wirft und seine Hörer bis zum bitteren Ende fesselt.

8.7 / 10

Label: Smalltown Supersound

Spieldauer: 55:06 Min.

Referenzen: The Field, Skatebard, Trentemoeller, Prins Thomas, Morgan Geist

Links: MySpace, Feedelity

VÖ: 19.08.2008

2 Kommentare zu “Review: Lindstrom – Where You Go I Go Too”

  1. Pascal sagt:

    Bin jetzt auch reingekommen, großes Werk!!

  2. [...] noch vor seinem fabelhaften Discopop-Werk mit Christabelle bereits letztes Jahr sein erstes Soloalbum veröffentlichte, zieht mit Thomas Moen Hermansen nun die andere Hälfte des norwegischen [...]

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