Erinnerung bedingt Vereinfachung. Wir halten Menschen selten mit vielen Aspekten ihres Seins und Schaffens im Gedächtnis, je mehr zeitlichen Abstand wir gewinnen, desto undifferenzierter werden unsere Eindrücke. Nicht anders verhält sich das mit MusikerInnen. Mit wie vielen Namen assoziieren wir spontan nur einen bestimmten Sound, ein Album, einen Song, egal wie vielfältig auch der Rest der Diskographie? Wem kommt z.B. bei Queen statt ihrer großen Pop-Hits als erstes das Stichwort “Prog” in den Sinn?

Nun, einem zumindest: Hans-Peter Lindstrøm. Wie der Norweger unlängst mit einem Medley-Remix bewies, sind ihm die weniger bekannten, abwegigeren Werke der Band die liebsten. Auf nicht minder proggige Abwege begibt sich Lindstrøm mit seinem dritten Solo-Album „Six Cups Of Rebel“, wohl wissend, dass dieses in Zukunft eben als eine solche obskure Phase seines Schaffens nur Hardcore-Fans in Erinnerung bleiben könnte. Denn wenn der elegante Space-Trip „Where You Go I Go Too“ an einem Ende seines musikalischen Spektrums steht, daneben irgendwo diverse Singles und Kollaborationen wie die mit Christabelle, so ist der aggressiv synthetische Disco-Prog von „Six Cups Of Rebel“ dem diametral entgegengesetzt.

Programmatisch für den Schabernack dieses Albums ist sein Titelstück, das gen Ende sogar von einem feixenden Lachen durchzogen wird. Über sechs Minuten elastischen Synth-Waberns und beschäftigter Perkussion scheint sich immer wieder ein verdichteter Beat zu entwickeln, nur um von Breaks aus simultan hämmerndem Schlagzeug und Keyboard wieder untergebuttert zu werden. Kürzer, aber noch nervenstrapazierender ist das Stakkato-Rumgenudel zu Beginn von „Call Me Anytime“ – durchaus mit manch Rumgenudel einer Lindstrøm & Prins Thomas-Zusammenarbeit vergleichbar, doch während letztere stets einen krautig organischen Sound hatte, wird auf „Six Cups Of Rebel“ alles – Synths, Gesang, Drums – gnadenlos glattmoduliert und -gefiltert, bis es wie in „Call Me Anytime“ artifiziell billig klingt.

Das stört im Folgenden allerdings nicht, wenn sich das Stück leicht an Battles erinnernd unter Regenbogen-Gitarrenlauf lokomotivartig in Bewegung setzt. Noch stärkeren strukturellen Halt bietet „Quiet Place To Live“, das tollkühn kombinierte Gitarren- und Synth-Riffs zunächst mit einem kühl gefilterten Vocal-Motiv abwechselt, dann beide heller gestimmt kombiniert und in fast allen denkbaren Zwischenzuständen ausfadet. Doch Lindstrøm überspannt den Bogen immer wieder wie hier, wo der bitone Gesang eine gefühlte Ewigkeit von drei Minuten überm Beat wiederholt und von lauter kleinen Bläser- und Knarzklängen umgeben, aber nicht bereichert wird. Oft hängen die Stücke so in der strukturellen Schwebe, ändern ihre Konsistenz unter einer Fülle an Modifikationen nahezu ununterbrochen und wirken dabei doch etwas planlos. Denn das ist das Problem mit musikalischem Maximalismus: Mehr ist nicht besser, sondern erstmal nur mehr. Zu wenige von Lindstrøms vielen Ideen wirken, als würden sie substantiell etwas zur Musik beitragen, auch wenn sie unüberhörbar präsent sind. Während seine 42-minütige Version von „Little Drummer Boy“ viel aus wenig machte, macht er hier wenig aus viel.

Dass der Norweger auch dieses Album als ein großes Gesamtwerk arrangiert hat, in dem die Stücke oft nahtlos ineinander übergehen (oder zumindest musikalische Motive, Dynamiken oder Energiepegel weiterführen), führt so dazu, dass fast alle Tracks ihre Momente haben, aber auch ihre Durchhänger. Am Stimmigsten wirkt noch das munter bouncende „De Javu“, das besonders wegen der cartoonig schrägen Stimmen stark an Lindstrøms Landsmänner vom Mungolian Jet Set erinnert; hier wirkt fast alles belebend, macht das ganze Stück bunter. Clever gelingt der Vocal-Hook im finalen Spannungsaufbau, ein Mini-Chor intoniert mantra-artig „Can’t get no release“ über improvisatorisch wirkendem Jazz-Funk-Disco-Prog-Gebräu, das hier einmal angemessen ziellos umhertitscht bevor sich die Spannung entlädt. Dass der luftleere 10-minüter „Hina“ fast nur aus einem solchen Gebräu besteht, zieht das Album am Schluss jedoch nochmal enttäuschend runter.

Dass „Six Cups Of Rebel“ gewiss nicht in allen Augen ein erneutes Meisterstück geworden ist, sollte Lindstrøm niemand übel nehmen. Wie sonst kaum jemand gibt er sich Mühe, sich nie zu wiederholen, er fordert es geradezu heraus immer wieder in einem neuen, anderen Rahmen betrachtet zu werden, ob solo oder in seinen Kollaborationen. Er ist so wohl am ehesten wie ein moderner Vangelis, der sich in den Mittsiebzigern bis -achtzigern (u.a.) an Synthpop, Prog, Jazz oder auch Disco versuchte oder mit Demis Roussos, Irene Papas und Yes-Sänger Jon Anderson zusammen arbeitete. Auch, wenn den meisten heute wohl vor allem seine Soundtrack-Arbeiten bekannt sein dürften, die atemberaubende Breite seines Schaffens kann ihm niemand nehmen. So mag auch dieses Werk nicht vielen als Lindstrøms bestes in Erinnerung bleiben, bislang aber zumindest als sein abgefahrenstes.

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Label: Smalltown Supersound

Referenzen: Mungolian Jetset, Todd Rundgren, Vangelis, Yello, Battles, Queen

Links: Homepage | Facebook | Label

VÖ: 03.02.2012

Ein Kommentar zu “Lindstrøm – Six Cups Of Rebel”

  1. […] ist jedoch weniger kulinarische Seelennahrung als musikalische, nach dem wüst experimentellen „Six Cups Of Rebel“ aus dem Frühjahr, das so manche vor den Kopf stieß, gibt der König der Space Disco auf […]

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