Miguel: Neonlicht in Tropfsteinhöhlen


Im HipHop ist es für den Nachwuchs schon längst die Regel geworden, sich online über gratis stream- und runterladbare Mixtapes bekannt zu machen. Auch im modernen R&B werden zunehmend Non-Album-Formate als Visitenkarten genutzt, interessant wird es dieser Tage aber vor allem dann, wenn aktuell oder ehemals Majorlabel-Gesignte sie als Experimentierfeld für ihre weitläufigen Klangvisionen nutzen.

Neben den Pop-Injektionen von Dawn Richard und Wynter Gordon hat sich die „Art Dealer Chic“ Trilogie des in L.A. residierenden Sängers Miguel als Ohrenöffner entpuppt, dessen Potential man auf seinem 2010er Debütalbum nur ansatzweise hätte vermuten können. Schon der erste Song der überwiegend selbst produzierten EPs setzt seinen Fuß in die Tür, wuchtet sie sanft aus den Angeln und macht klar, dass hier jemand R&B von innen umkrempeln will.

Zu verschmierten Snaps und angeknarztem Bassantrieb tänzelt Miguel im von ihm selbst produzierten „Adorn“ durch eine feuchte Tropfsteinhöhle, intim und doch weit hallend von Chören seiner eigenen Stimme umschwebt. Dort wie im folgenden, von voluminösem Schmutzrauschen bedräuten und Neon-Litfassäulen illuminierten „That I Do (FTRMX)“ sprenkeln Synthesizer zwar melodische Elemente ein, doch hängt alles allein an Miguels Vocals, die über samtige Eindringlichkeit hinaus Manöver vollziehen, die bei anderen Interpreten unhörbar ausfielen: Nervös gequetschte Anspannung („Ooh Ahh!“), befreites Johlen (im futuristischen „…ALL“), selbst der halbgare Scherz „Broads“ entbehrt nicht seines Charismas.

„Broads“ oder die Lennon-Hommage „Candles In The Sun, Blowing In The Wind“ sind Momente auf den EPs, in denen Miguel sein Ziel überschießt, Ambitionen sich über Songwriter-Instinkte hinwegsetzen – und „Art Dealer Chic“ ein aufregendes Gefühl übermutigen Experimentaldrangs geben. Eine Abwesenheit an Zurückhaltung ist es auch, die „Arch & Point“ so mitreißend macht: Hier ist R&B die Musik der offengestellten Sinnlichkeit, von Emotion und Sex, doch vom intimen Metronom-Anzählen katapultiert Miguel seinen Netzstrumpf-Fetisch über Donnerklatschen, sanft perlende Arpeggi und anschmiegsam ratternde Gitarre vom Schlafzimmer in galaktische Dimensionen und wieder zurück – klar, seinen Prince kennt der Mann.

Doch mit „Art Dealer Chic Vol. 3“ ist das letzte Wort noch nicht gestöhnt: Neben einer höchstwillkommen verlängerten Version von „Adorn“ macht die digitale Vorab-EP „Water Preview“ klar, dass man von Miguels zweitem Longplayer „Kaleidoscope Dream“ eine Fortsetzung dieser Klangvisionen erwarten darf. „Use Me“ enthält genug Klangdetail für ein halbes Album und wirkt dennoch nicht überfrachtet, von den weit peitschenden Drums über euphorisches Synthröhren und natürlich Miguels delikat konstruierte Stimmarchitekturen zelebriert der Song Miguels eigenen Kontrollverlust durch Wollust: „Full collision as our bodies settle / Biting your lip, put me inside / Crucify thoughts till the moment’s on a ricochet / Purging my mind of all the power I own / Falling to forever just to / Danger in your eyes, baby you can devour me“ – weit entfernt von der Misanthropie und Machopose mancher Kollegen. Ob Raumschiff, Schlafzimmer oder Tropfsteinhöhle, die Körperlichkeit von Miguels Musik scheint universell übertragbar.

Die „Art Dealer Chic“-Serie gibt es auf Miguels Soundcloud umsonst, „Kaleidoscope Dream: The Water Preview“ gibt es hier komplett im Stream.

Ein Kommentar zu “Miguel: Neonlicht in Tropfsteinhöhlen”

  1. […] agierende Amerikaner hätte diesen wundervollen Song, der bereits Anfang des Jahres seine „Art Dealer Chic“-EP-Serie eröffnete, bequem als Erfolgsrezept für ein ganzes Album nehmen können. Doch sein […]

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