Der Liedschatten (78): "(...) gas, gas, gas!"

Rolling Stones: “Jumpin‘ Jack Flash”, Juli – August 1968

Dass 1968, vereinfacht gesagt, „einiges los war“ – in etwa der Prager Frühling, Bürgerrechts- und „Black Power“-Bewegung in den USA, in der BRD außerparlamentarische Opposition und Studentenbewegung – das lässt sich recht schnell aus dem Geschichtsunterricht erinnern oder bei Wikipedia auffrischen. Relevant waren die Ereignisse allemal, so, wie Geschichte eben niemals irrelevant sein kann; sie hatten auch Folgen, teils sogar positive, schließlich ist die Gesellschaft tatsächlich liberaler geworden.

Gut, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie gibt es noch immer, die sichtbare gesellschaftliche Akzeptanz dafür aber hat abgenommen. Das soll keinesfalls heißen, sie ließe sich nicht wieder schaffen, das ekelhafte Gegeifer verrohter Menschen bleibt nicht zwangsläufig den Kommentarspalten vorbehalten.

Im Großen und Ganzen ist es aber wie folgt: Küssen Männer Männer, womöglich auf den Mund und mit Zunge, liegt auf dem Grill Seitan. Gibt es Industrial im Theater, dann, dem stimmt ein Großteil der Bevölkerung sicher zu, geht die Welt nicht unter. Das aber dürfte fast immer weniger an Offenheit als Desinteresse im Sinnes eines „Tun die mir nichts, tue ich ihnen auch nichts“ liegen, einer Verwechslung von Ignoranz mit Toleranz. Deren Bedenklichkeit wird dann deutlich, wenn es zu Beispiel möglich wird, dass bei einer Schulfeier das Stück einer Naziband gesungen wird und einige Menschen unter Missachtung aller Zusammenhänge (zum Beispiel der gezielten Verbreitung nazistischer Musik an Schulen) nicht mehr zu sagen haben, als dass (sinngemäß) „der Text des Liedes ja gar nicht rechts“ sei. Hauptsache, Ruhe und Ordnung bleiben erhalten. Wenn sich das seit 1968 nicht geändert hat, ist das gewiss nicht die Schuld derjenigen, die um Änderung bemüht waren, auch dann nicht, wenn sie, je nach Standpunkt, wenig erfolgreich waren.

Darum soll es ja aber nicht gehen. So ein großes Stück Zeitgeschichte kann gewiss nicht im kleinen Rahmen unserer spleenigen Reihe behandelt werden, dazu braucht es andere Formate. Bücher dürften sich am ehesten eignen, andere mögen vielleicht filmische Dokumentationen vorziehen. Diese sind vielleicht nicht eindringlicher, aber eindrucksvoller, schließlich sollen sie gesehen werden. Aufnahmen von zum Beispiel Demonstrationen mit nur mäßiger Tonspur werden deshalb mit passend erscheinender Musik unterlegt, in etwa den damals als wild geltenden Rolling Stones, die 1968 ihr famoses Album „Beggars Banquet“ veröffentlichten. Darauf enthalten waren die gerne als Ausdruck revolutionärer Gesinnung angesehenen Stücke „Sympathy For The Devil“, „Street Fighting Man“ und „Jumpin‘ Jack Flash“. Und schon weiß der Zuschauer: Damals ging’s hoch her!

Der Eindruck jedoch, „Jumpin‘ Jack Flash“ hätte nicht einfach manchen Jugendlichen im Konflikt mit ihren Eltern, sondern wahrhaft Aufbegehrenden als „Soundtrack“ gedient, ist höchst romantisch. Rocksongs als Produkte der Kulturindustrie mögen auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren, rufen sie aber nicht hervor, warum auch? Ihr Ziel ist der Absatz ihrer selbst, danach ist Schluß, es sei denn, die Künstler haben ein Anliegen. Bloß lassen sich Rezeption und Interpretation niemals mitliefern, und das ist kein Fehler der Werkform, sondern eine Qualität.

Musikalisch gab es bei den Stones des Jahres 1968 nichts, was in irgendeiner Art revolutionär gewesen wäre. Mag sein, dass die Band unwahrscheinlich gut spielte, das jedoch vor allem nur, weil sie sich auf alte Stärken besann. Die dabei entstandene Musik fiel zeitlich mit Protesten zusammen, die insbesondere bei „Street Fighting Man“ vage erwähnt werden, darüber hinaus bestehen keine direkten Bezüge. Revolution mag manchmal Mode sein, Mode aber macht noch lange keine Revolution. Und Rockmusik, in etwa die der Rolling Stones, war eben die Mode der jüngeren Leute.

Kaum ein halbes Jahr vorher, im Dezember 1967, hatten sie mit „Their Satanic Majesties Request“ ein Album veröffentlicht, dessen Güte durch die Unterstellung, die Band hätte nur „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ nachahmen wollen, oft geschmälert wird. Instrumentierung und ein Artwork des gleichen Künstlers legten dies zwar nahe, das Album aber besaß eigene, weitaus fahrigere Qualitäten als das Werk der Beatles. Und wenn sie sich tatsächlich an diesen orientiert haben sollten, so ist darin kein Fehler zu sehen. Warum sollte sich eine Band nicht von aktuellen Strömungen beeinflussen lassen? Obendrein ist das Ergebnis weitestgehend gelungen.

A Day In The Life reichte ihnen nicht: Unter 2000 Lichtjahren ging es bei den psychedelischen Stones nicht.

Erfolg verschafft oft Zustimmung und wer weiß, wie die Rezeption ausgesehen hätte, wenn nicht sämtliche Auskopplungen aus „Their Satanic Majesties Request“ in Großbritannien gefloppt wären. Nicht nur das machte 1967 zu einem aufreibenden Jahr für die Band: Mehrere Mitglieder wurden wegen des Besitzes von Drogen angeklagt, denen sie in unterschiedlichem, aber spürbarem Maße zusprachen, besonders Brian Jones konsumierte viel und vieles. Auch deshalb entfremdete er sich von der Band, deren Gründer und auch Manager er einst war und verlor nicht nur das Interesse am Gitarrenspiel, sondern seine Freundin an Keith Richards. Denkbar schlechte Vorraussetzungen, um gemeinsam in der Rockband zu spielen, zu der die Stones nun wurden.

Auch im Dunkeln hübsch bemalt: Die Stones meinten’s wieder weniger gut und kamen damit besser an.

stones_jack„Jumpin‘ Jack Flash“ ist ein perfekter Rocksong, womögliche sogar eine Vorlage für das, was seitdem als perfekter Rocksong verstanden wird. Sein Riff ist geradezu ikonisch, der Refrain auf rotzige, coole Art hymnisch. Verständlich ist dabei nur, dass alles „all right now“ sei, beste Bedingungen also, um „eine gute Zeit zu haben“, vulgo „abzurocken“. Der leicht sarkastische, nachlässige Tonfall macht es dabei einfach, die Faust zu recken und gleichzeitig mit geschlossenen Augen ironisch, spöttisch, reserviert und überhaupt cool zu schmunzeln, vom Feierweilligen über zornige junge Männer bis hin zum hippen Skeptiker werden alle und noch mehr bedient. Wer will, kann aber auch rufen, nur, was eigentlich? „In fact it’s a gas!“, in etwa: Es ist tatsächlich ein Spaß!

So simpel der Text des Refrains auch erscheinen mag, in Verbindung mit den kryptischen, bildhaften Strophen wird aus dem Lied die Geschichte eines (wir vermuten) Menschen, der zwar eine Menge durchgemacht hat, jetzt aber wieder obenauf ist, deshalb jedoch nicht aufatmet oder irgendwem dankt, sondern lakonisch triumphiert. Der gebesserte Zustand wird zur Kenntnis genommen, abgenickt, die Erleichterung nicht thematisiert, sondern übersprungen. Und das durchstandene Leid? Herrje, ja, das war halt hart, jetzt aber ist der Schwung wieder da, mehr zählt gerade nicht. Jagger äußerte sich 1995 in einem Interview wie folgt über den Song: „It‘ about having a hard time and getting out. Just a metaphor for getting out of all the acid things.“ Mehr braucht man auch nicht zu wissen, es gibt ja genug zu hören.

Die Rauheit des Sounds war das Ergebnis einer bewussten Entscheidung, es eben nicht wie auf dem letzten Album zu machen. Orchestrale Arrangements und unübliche Instrumente gibt es nicht mehr, dafür aber eine offen gestimmte Gitarre, gespielt mit Kapodaster und über einen Kassettenrekorder aufgenommen. Dadurch klingt das essentielle Riff fokussiert und prägnant, keinesfalls aber aufgeblasen. Ein es durch Dopplung betonendes Piano, der beide umspielende Bass mit eigener Hookline im Instrumentalpart, tänzelnde Gitarren im Refrain und die wohlig rauschhafte Orgel am Ende, all das wurde stringent um das Riff gruppiert. So wird der Rahmen des Formats Rocksong nicht gesprengt, sondern komplett ausgefüllt, was den Stones nicht immer, aber oft genug gelang. Und auch, wenn man ihrem Gesamtwerk damit Unrecht tun würde: Für den funktionalen Hausgebrauch und Ticketverkauf lassen sie sich auf die Energie solcher Riffs und die kraftvolle, auskostende, stenzige Koketterie (und die ist beachtlich, nicht vorzuwerfen) in Jaggers Stimme, seine latent lachhaften, meist aber beeindruckenden Machismen, ein paar Balladen und eben das olle Dreigespann Sex, Drugs & Rock’n’Roll herunterbrechen.

Das war zu Beginn ihrer Karriere anders. Die Band erfand nicht nur sich selbst neu, indem sie zwischen 1968 und 1972 mit „Beggars Banquet“, „Let It Bleed“, „Sticky Fingers“ und „Exile On Main St.“ vier überragende Studioalben in Folge veröffentlichte, sie bewirkte außerdem noch eine Neudefinition der Rockband als Showact gewaltigen Ausmaßes, dessen bevorzugtes Medium nicht mehr Tonträger, sondern Stadionkonzerte waren.

„Jumpin‘ Jack Flash“ sollte dennoch ihre letzte Nr. 1 in der BRD bleiben, nur drei weitere Singles („Street Fighting Man“, „Honky Tonk Woman“, „Angie“) schafften es in die Top Ten. Aber da wurde das Geld ja auch längst an anderer Stelle verdient.

Zum Schluss darf ein quotenmäßiger Anlass zu „Rolling Stones doof finden“ bei allem Lob selbstverständlich nicht fehlen.

5 Kommentare zu “Der Liedschatten (78): „(…) gas, gas, gas!“”

  1. Ich glaube mittlerweile, du verkennst die Sechziger. Wieviel Glaubwürdigkeit hat eine Band wie die Beatles, die lange mit Love Me Do und I Want To Hold Your Hand und ähnlich harmlosen Songs auch den biedere Jugendliche zur Verzückung brachte? Die Rolling Stones hingegen waren stets Bürgerschreck und haben mit dieser Authentizität sicher die Umbrüche weitaus besser abgebildet und begleitet. Und auch dein Argument, dass Alben als Güter der Kulturindustrie hauptsächlich auf den Absatz schielen, wird in den Sechzigern ja grandios widerlegt. Joplin, The Kinks, The Doors – alle haben auf ihre Weise Attitüden transportiert, die nicht einfach auf Absatzmaximierung abzielten. Indem du die Rolling Stones auf schieres Kalkül zurechtstutzt, verkennst du die penetrante und konsequente Selbstverständlichkeit ihrer Provokation. Das ist unzweifelhaftes Merkmal revolutionären Handelns.

  2. Mhm, ob ich sie verkenne oder nicht, vermag ich nicht zu sagen. Ich glaube, das lässt sich auch gar nicht feststellen, kann aber damit leben, wenn’s mir nachgesagt wird.

    Und nein, ich meine nicht, dass die Themen nur auf Absatzmaximierung abzielen, ergo nicht ernst gemeint wurden, werfe also keinesfalls mangelnde Authentizität vor.

    „Rocksongs als Produkte der Kulturindustrie mögen auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren, rufen sie aber nicht hervor, warum auch? Ihr Ziel ist der Absatz ihrer selbst“, das schließt ja nicht aus, dass provoziert wurde, auch nicht, dass Künstler etwas ganz anderes wollten als Platten zu verkaufen (was ich aber tatsächlich für unwahrscheinlich halte. Ist ja aber nicht weiter schlimm).
    Mir geht es aber gar nicht um die Absicht, sondern die Form, das Produkt.

    Jemand wollte über Amphetamine, Sex und die Ablehnung eines bürgerlichen Lebenswandels singen? Dann taten sie es, und dann schockierten sie sicher so einige.
    „Die Rolling Stones hingegen waren stets Bürgerschreck und haben mit dieser Authentizität sicher die Umbrüche weitaus besser abgebildet und begleitet.“, eben.

    Worauf ich aber hinaus will, ist das Format der Single, des Albums, die Notwendigkeit der Reklame dafür und der Verwertung. Und wenn es möglich ist, Lieder wie die der Stones zu verkaufen, dann zeigen sich da auf jeden Fall gesellschaftliche Umbrüche. Sie haben sie aber, und da können wir durchaus anderer Meinung sein, nicht selbst herbeigeführt. Darum ging’s mir, und auch hier mag mir widersprochen werden, ich will ja überhaupt nicht Recht behalten.

    Die Stones lesen Bulgakow und schreiben im Anschluss ein Lied mit Teufel drin? Top! Jagger tanzt „obszön“? Hübsch! Die Beatles lassen Tonbänder rückwärts laufen und sagen, man solle seinen Verstand ausschalten, Liebe auf der Straße machen? Yeah! Aber am Ende eben nur Business as usual, kleine Sensationen machen sich immer gut. Und ästhetisch und kulturell tat sich dadurch sicher einiges, aber eben nicht sozial. Und da unterscheiden sich Beatles und Stones gar nicht so sehr. Ihre Plattenfirmen stellten in erster Linie Platten her, der Inhalt sollte sich verkaufen, danach wurden Künstler ausgewählt.

    Das mag bei den Doors und ihrem Label Elektra anders gewesen sein, aber um die ging es nicht, und ich kam auch nicht auf die Idee, hier, in diesem Zusammenhand, darüber zu schreiben. Wenn mir eines auf jeden Fall fehlt, dann der generelle Überblick und der Glaube an den Kanon einer die Welt verändernden Rockmusik.

  3. Kunst beeinflusst die Gesellschaft, kanalisiert Umbrüche. Das unterscheidet sie von der Unterhaltung, die nur auf Bestehendes setzt. Wenn niemand Hesse gelesen hätte, wäre irgendwann auch Suhrkamp des Verlegens müde gewesen. Wenn die Theaterstücke Oscar Wildes keine Besucher gefunden hätten, wäre sein Schicksal viel viel früher besiegelt gewesen. Indem man glaubt, dass Kunst nur durch Mäzenatentum gedeiht, früher durch Fürsten, heute durch Förderpreise, verkennt man die lange Tradition der Verbrüderung von Kunst und Kommerz. Kunst darf sich nicht völlig vom Kommerz korrumpieren lassen, dann ist alles gut. Und natürlich sind auch Rock und Pop Kunstformen.

  4. Klar beeinflusst Kunst die Gesellschaft, Ich finde bloß, man sollte ihren Einfluss nicht überhöhen. Und in den 1960ern waren Pille, civil rights movement und Vietnamproteste ausschlaggebender als Popmusik, so sehr ich sie auch liebe.

    Und das Rock und Pop Kunst sind, sein können, sollen: jepp. Auf jeden Fall.

    Und noch einmal bezüglich des Einflusses der Musik: der mag vorhanden sein, solange sie nicht einfach nur oberflächlich konsumiert wird. Dazu ist sie aber als Produkt da, und etwas anderes tun die meisten Menschen auch nicht, obwohl es möglich wäre. Hits werden und wurden sicher oft gehört, weil sie eben Hits sind, nicht wegen ihrer Güte oder Botschaft. Das heißt noch lange nicht, dass der Song deshalb schlecht sei oder kein Anliegen transportieren würde, es interessiert womöglich nur niemanden, obwohl das Lied sich millionenfach verkauft. Das halte ich zumindest für möglich.

    Und mal wieder: Danke für die Anmerkungen!

  5. […] einem plötzlichen Niedergang kann aber keinsfalls die Rede sein. Ähnlich wie die Rolling Stones, jedoch ohne deren Konsequenz, wandten sich die Beatles nun erneut an Rock’n'Roll und Blues […]

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