Der Liedschatten (74): Quinn hilf!

Manfred Mann: “Mighty Quinn”, März – April 1968

Heute haben wir eine Premiere beim Liedschatten, und zwar die der, tada!, schwierigen Quellenlage. Denn Grundlage der Charts waren einst die durch den „Musikmarkt“, eine Branchenzeitschrift der Musikindustrie, ermittelten Zahlen. 1968 wurden sie halbmonatlich veröffentlicht, um Händlern und Konsumenten gleichermaßen bestimmte Titel besonders zu empfehlen. So weit, so gut.

Selbstverständlich gab es von jeher noch andere Hitlisten, neben quantitativen wie zum Beispiel denjenigen für Musikautomaten oder Radiosender existierten in etwa vermeintlich „qualitativ“ orientierte wie Hörercharts oder mehr sachlich als romantisch motivierte Zusammenstellungen in Chartsform, wie sie von Händlern zur Bewerbung des eigenen Sortiments vorgenommen wurden. Die damals und heute als für das Gebiet der BRD relevant geltenden Zahlen stammten allerdings bis 1977 vom „Musikmarkt“, ab dann wurden sie vom Unternehmen Media Control erstellt. Selbstverständlich erfassen diese nicht per se jedes Stück, das wäre selbst bei sehr viel gutem Willen kaum zu bewältigen.

Um diesen geht es ja aber auch gar nicht. In den genannten Unternehmen sind ja aller Wahrscheinlichkeit nach keine leidenschaftlichen Statistiker, sondern Kaufleute mit soliden Absichten hinsichtlich der Verwertung des eigenen Tuns durch das Erbringen von Leistungen angestellt. Diese bestanden und bestehen früher wie heute in Marktforschung als Hilfestellung für Reklame, sei es für Händler oder Produzenten. „(…)Weil“, wie es recht hübsch bei Georg Kreisler heißt, „im Kapitali, Kapitali-lismus / jeder immer nur das kauft, was er schon kennt. / Und der Verkauf, das sieht doch jeder ein / muß im Kapitali, Kapi-Kapilismus sein“ („In der Stille“), so schaut’s nämlich aus.

Deshalb gilt für Wikipedia: „Da die Verwendung von Chartauswertungen anderer Personen oder Institutionen ohne deren Genehmigung jedoch gegen das Urheberrecht verstößt, kann hier zurzeit nur eine unvollständige Darstellung bzw. eine Darstellung mit diversen Abweichungen erfolgen.“

Jetzt können sich Menschen beileibe nicht nur aus ökonomischen Gründen für Charts interessieren. Möglich sind auch listenhöriger „Wissensdurst“ respektive Bescheidwisserei oder Nostalgie, womöglich auch der Wunsch, sich auf eine Art mit Musik befassen zu wollen, die über das bloße Hören zeitgenössischen Pops hinausgeht, siehe diese Serie hier. Und was geschieht, wenn man sich dazu entschließt, ein solches Unternehmen neben der Scheußlichkeiten der Lohnarbeit und dem sonstigen Leben zu unternehmen, wenn es ohne Weiteres, sprich zumindest ein Onlineabo des „Musikmarktes“, nicht erlaubt ist, auf dessen Daten zurückzugreifen?

Dann fallen Vertrauen und Hoffnung der flatterhaften Schwarmintelligenz zu, die auf der entsprechenden Seite einen Hinweis obigen Wortlauts mit der schönen Formulierung „(…) kann hier zurzeit nur eine unvollständige Darstellung bzw. eine Darstellung mit diversen Abweichungen erfolgen.“ anbringt. Das klingt, als könnte zu viel Genauigkeit verdächtig sein.

Vielleicht ist das Folgende deshalb nur ein geschicktes Manöver der am Artikel Schreibenden. Laut Wikipedias Auflistung der bisherigen Nummer-Eins-Hits der BRD befindet sich nämlich vom 16. März – 29. März das Stück „Bleib Bei Mir“ von Roy Black an oberster Position, das nach seiner Discographie hingegen nur bis Platz 3 gelangte.

Ist das eine der im Zitat angedeuteten Quotenabweichungen vom damaligen Monopolhalter? Womöglich. Wie lautet jedoch nun die statistische Wahrheit? Nehmen wir an, dass die Fans eines Schlagerinterpreten diesem eher einen Hit mehr zuschreiben würden und im Guten wie auch Schlechten große Stücke auf, so seltsam, ja wider- bis unsinnig das in Bezug auf Schlager auch scheinen mag, Ehrlichkeit halten. Hier überwiegt dann das Dasein als Fan sicherlich über den genreeigenen Irrwitz. Es lässt sich also davon ausgehen, dass „Bleib Bei Mir“ bloß den dritten Rang einnahm. Hören wir aber dennoch einmal das Lied.

 Liebe ohne Unterleib: Blacky im Niemandsland von gleichzeitiger Sehnsucht und Erfüllung

Das Schlagzeug mag etwas mehr grooven als vor zwei Jahren, die Streicher gar deuten in den Strophen, zumindest verglichen mit „Ganz In Weiss“, eine Art schüchternen Wagemut an, nur hat sich in der Sache nichts geändert. So wartet der Text noch immer mit allerlei liebreizenden Ungereimtheiten auf, wie sie schon Jahrzehnte vorher denkbar gewesen wären.

„Wohin meine Wege auch gehen / du bist ja doch immer bei mir (…)“, gut und schön. „Ich hab Sehnsucht nur nach dir / und meine Seele, die weint“, da wird es schon schwieriger. Entweder, besungene Person ist immer da, dann ist kein Platz für Sehnsucht, oder aber nicht. Doch wer weiß, auch das Sehnen nach ihrer Anwesenheit vermag sie ihm nahe zu bringen, lassen wir es einfach gelten. Doch dann zu bedauern „was auch war / das vergeht“, nein, da endet das Verständnis. Er liebt sie, sie ist nämlich „die Sonne, die scheint“, klar, und wenn sie weg ist, sehnt er sich nach der ewig Anwesenden. Doch war sie nicht immer bei ihm? Und verging das nicht? Wie kann sie dann immer bei ihm sein? Und was hat die Vergänglichkeit dann in diesem Schwall irrsinniger Plattitüden verloren? Besingt er nicht seine große, größte, unvergängliche Liebe, seine Sonne? Je mehr man darüber nachdenkt, um so mehr verliert man sich in den nur textähnlichen angeordneten Silbenfolgen dieses Schlagers. Platz 3 ist also mehr oder weniger als angebracht, entscheidet selbst, aber bitte später. Jetzt lassen wir erst einmal die Tauben rennen.

Flöten sind sein cup of meat: Manfred Mann mit gleichnamiger Band

Manfred Mann sind den Lesern dieser Serie bereits durch „Ha! Ha! Said The Clown“ bekannt, auch „Do Wah Diddy Diddy“ dürften vielen ein, ähem, Begriff sein. Freuen wir uns nun über ihren nächsten großen Hit, den zweiten an der Spitze der Charts, nämlich „Mighty Quinn“.

Ach, das Video war ja bereits oben zu sehen. Entschuldigung.

man_quinnWie auch immer: wodurch kommt die Freude auf? Durch die feine Flöte kurz vor dem direkten Einstieg in den Refrain gleich zu Beginn des Liedes oder den „Ahhh“-Chor im kurzen Break? Gut möglich, auch das laszive Rumpeln des Schlagzeugs gefällt. Und doch treibt oberhalb der kunstvollen Plätscherei ein Ärgernis, nämlich das Rufen von „Everybody!“ oder auch „Sing Along Now!“, gefolgt vom dusseligen „Just sing a song!“. Hier lenkt der Interpret vom Stück ab, während man ihm lauscht. Kann er wirklich so entrückt sein, um uns davon durch die Aufforderung, selbst zu singen, abhalten zu wollen?

So etwas nervt, allein schon, weil eine Aufnahme ja stets nur eine Aufnahme sein kann und nicht einmal beim ersten Hören so spontan zu wirken vermag, wie es eventuell beabsichtigt wurde. Darin besteht wiederum ein Widerspruch, absichtliche Spontanität, wie sollte das gehen? So wird nicht nur erstes, sondern auch erneutes Hören vergällt, denn absichtlich Unbeabsichtigtes tun, nein danke. Am besten noch singt der Mensch obendrein mit sich selbst im Duett, so wird der künstliche, nicht künstlerische Charakter eines Stückes noch einmal fein unter die Nase gerieben. Künstler nämlich machen so etwas nicht, zumindest sollten sie es nicht tun. Davon ausgenommen sind jedoch Zwischenrufe, die sich an Bandmitglieder, die sogleich zum Solo anheben werden, richten. Auch vor einem Übergang in einen anderen Part mag gerufen werden.

Sei es, wie es sei: War oben nicht von Freude die Rede? Eben.

Also, wie viele Hits hatte Bob Dylan in der BRD? Von den Alben ausgehend recht wenige, mit dem empfehlenswerten „Time Out Of Mind“ kam er 1997 erstmalig in die Top Ten. Seine Singles schafften es nie dorthin, selbst nicht „Like A Rolling Stone“ (Platz 13). Andere Interpreten hatten da oft mehr Erfolg, zum Beispiel The Byrds („Mr. Tambourine Man“, Platz 2 BRD) oder Guns’n’Roses („Knockin‘ On Heavens Door“, Platz 5 BRD), noch mehr versuchten es immerhin (siehe diese Liste), wobei das Motiv meist eher die Bezeugung von Respekt denn Ehrgeiz gewesen sein dürfte. Immerhin ist Dylan der wichtigste Solokünstler der Popmusik der 1960er, allein sein Einfluss auf die Beatles würde ausreichen, um diese Behauptung zu rechtfertigen.

„Mighty Quinn“ schließlich stammte als „Quinn The Eskimo (Mighty Quinn“) von Bob Dylan und wurde im Rahmen der Basement Sessions 1967 aufgenommen, seine erste reguläre Veröffentlichung erfuhr es jedoch durch Manfred Mann. Die früheste Version Dylans findet sich auf dem legendären Bootleg „Great White Wonder“ von 1969, 1970 folgte die Veröffentlichung auf dem seltsamen Doppelalbum „Self Portrait“. Nicht weniger rätselhaft, wenn auch weitaus erfreulicher als dieses ist der Song, er handelt nämlich von einem Menschen, der alles und jeden durch bloße Anwesenheit ins Reine zu bringen vermag. Auch das Füttern von Tauben scheint ihm ein Bedürfnis zu sein.

„(…)Ev’rybody’s in despair, ev’ry girl and boy.

But when Quinn the Eskimo gets here

Ev’rybody’s gonna jump for joy.(…)“

(…) ev’rybody’s neath the trees.

Feeding pigeons on a limb.

But when Quinn the Eskimo gets here

all the pigeons gonna run to him.(…)

(…)nobody can get no sleep,

there’s someone on ev’ryone’s toes.

But when Quinn the Eskimo gets here

ev’rybody’s gonna wanna doze. (…)“

Was das bedeuten soll, bleibt ungewiss. Deutlich wird hier immerhin Dylans Sinn für Humor, der allein schon ausreichen sollte, um Menschen, die es mit Autoritäten und historischen Superlativen nicht so haben, einmal dazu zu bringen, sich mit seinem Werk zu befassen. Und das ist doch ein Grund zur Freude.

5 Kommentare zu “Der Liedschatten (74): Quinn hilf!”

  1. Hmm…aber Manfred Mann kommuniziert beim Appell doch gar nicht mit den empirischen Hörern, die kennt er ja auch gar nicht alle. Ist es nicht vielmehr eine Instanz innerhalb des Textes, mit der er spricht? Nennen wir es “lyrisches ‚Du’… Die Ausrufe scheinen sich schon vom Rest des Textes zu unterscheiden, das streite ich ja gar nicht ab. Aber gleich, welche Instanz angesprochen sein mag, wir wissen nicht, um welche es sich handelt. Manfred Mann hat ja niemand gefragt. Und wenn doch, kann die Antwort ja auch gelogen sein.

    Und Live-Atmosphäre zu simulieren finde ich auch nicht grundsätzlich verwerflich. Warum auch…die Beatles haben es getan, die Beach Boys haben es getan, Hip-Hop-Tracks tun das ganz gerne usw.

    Und Brüche, Brüche finden wir ja gut. Gerade zwischen den Erzählebenen oder auch nonverbalen Strukturelementen. Das war ja nun auch jüngst dreißig Jahre lang in Mode. Und oft nicht zuunrecht.

    Scheußlich bleibt die Aufnahme sicher. Weil sie zu blöd-bierseligem Mitsingen Vorschub leistet. Aber schlecht geheuchelte Authentizität und herausgestellte Künstlichkeit sind nicht unbedingt die besten Vorwürfe, die man dem Song oder dessen Aufnahme machen kann, finde ich. Ersterer geht da besser an Jack White, den amerikanischen, dessen Authentizitätsbegriff saemtliche Rockismen verinnerlicht hat. Letzteren macht man besser, hmm…mir faellt gerade niemand ein, aber zu plumpe Illusionsbrechung kann sicher nerven.

  2. Besten Dank!

    Was mich stört, ist nicht fehlende Authentizität.
    Vielleicht hab’s ich dann schlecht ausgedrückt. Den Unterschied zum restlichen Text werfe ich nicht vor, es lenkt einfach nur ab, und das stört mich. Klar kann eine Störung gut sein, aber hier mag ich sie nicht. Und hier wirkt sie eben falsch künstlich, eben aufgesetzt, wobei es ja auch toll sein kann, wenn ich mich daran störe, und irgendwie auch total reizvoll. Ist es aber nicht. Mich nervt es nur. Künstlichkeit aber ist der Popmusik ja eh zu eigen, klar, über die wollte ich mich nicht aufregen. Kam dann falsch rüber. Es ist hier einfach so, dass ich dieses Lied mögen könnte, und die Zwischenrufe mich davon abhalten, da ich sie für widerlich erachte. Das war’s dann. Nicht das „was“, sondern das „wie“.

    Die Instanz bleibt unbekannt, die wird durch mich dreist vermutet und mit jeglichem Publikum und jeglichen Konsumenten gleichgesetzt.

    Beach Boys Party kenne und mag ich ja auch.

    Und Jack White kritisieren… da für war ja nun leider gar kein Platz. Außerdem habe ich sämtliche seiner Werke bisher unbeabsichtigt missachtet.

    Ansonsten: das Thema kommt sicher mal wieder, eindeutig habe ich mich leider nicht augedrückt. Hier geht’s nur um schlechte Performance, nicht das Performte.

  3. Na wenn gute Laune ansteckend sein soll, dann kann man dieser Infektion doch mit Aufforderung Vorschub leisten. Ich sehe da das Problem nicht. Auch nicht darin, dass man dies auf Platte presst. Sonst würde ja sämtliche Live-Alben dem Hörer sauer aufstoßen müssen.

    Und Manfred Mann ist doch eigentlich der Schlechteste nicht. Auch wenn dieser Track hoffnungslos angestaubt wirkt.

  4. Wenn gute Laune ansteckend wäre, dann würde so etwas womöglich sogar funktionieren, ja. Gute Laune… naja, es gibt ja nicht nur die eine „gute Laune“, und die meisten Arten dieser oder was, was als solche bezeichnet wird, behagen mir nicht, nein. Weshalb sie dann zum Glück nicht ansteckend ist.

    Und Livealben sind tatsächlich nicht so mein Ding. Manfred Man hingegen ist ganz okay, das stimmt.

  5. […] Gewand. Immerhin: Manfred Mann sollen „The Mighty Quinn (Quinn The Eskimo)“ später zu einem Nummer-Eins-Hit […]

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