Bob Dylan: It Ain’t Me, Babe

Bob Dylan: It Ain't Me, Babe


Unfassbare 50 Jahre nach seinem Debüt veröffentlicht Bob Dylan dieser Tage sein 35. Studioalbum. Anlass für uns, einen Blick auf das bisherige Schaffen des Mannes zu werfen, der so oft jemand anderer sein wollte und sich letztendlich doch treu geblieben ist.

Bob Dylan (1962)

Dylans erstes Studioalbum erscheint sofort auf einem Label, das man heute als „Major“ bezeichnen würde, nämlich auf Columbia. Zuvor ist er von den meisten der kleinen Folk-Labels abgelehnt worden, die sich in und rund um New York angesiedelt hatten. Abgesehen von zwei selbstkomponierten Songs enthält „Bob Dylan“ hauptsächlich Songs, die Dylan seit seiner Ankunft in New York besonders beeindruckt haben. Typisches amerikanisches Liedgut also, vereint auf einem Album. Nichts Ungewöhnliches für diese Zeit und so lässt das Debüt noch nicht auf die kommende Entwicklung schließen.


The Freewheelin‘ Bob Dylan (1963)

Das ändert sich schlagartig, als ein Jahr später „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ erscheint, das einige seiner bis heute bekanntesten Songs enthält. „Blowin‘ In The Wind“ dürfte sogar der bekannteste Dylan-Song aus seiner akustischen Zeit überhaupt sein, „Masters Of War“ und „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ begründen sein Image als „Protest Singer“ mit. Doch nicht nur bei den politischen Songs überzeugt Dylan mit gestochen scharfen Texten, begleitet von ebenso zielstrebigem Songwriting. Die etwas schwächere zweite Seite wird von „Don’t Think Twice, It’s All Right“, dem besten Song des Albums, angeführt und überstrahlt.


The Times They Are A-Changin‘ (1964)

Der Name ist so stark Programm wie bei keinem anderen Album danach mehr. Bedächtig, aber unglaublich nachdrücklich singt Dylan über Generationenkonflikt, Krieg, Religion und Ausbeutung. Hier steht allein das Wort im Vordergrund, die ohnehin karge Instrumentierung des Vorgängers ist noch einmal reduziert worden. So ist es dann auch nicht verwunderlich, dass das Album abgesehen vom Titelstück keine auffälligen Hits bietet. Doch dieser Schwerpunkt mit der damit verbundenen Dunkelheit macht das Album stark und mehr als jedes andere zu Dylans philosophischem Vermächtnis.


Another Side Of Bob Dylan (1964)

„Another Side Of Bob Dylan“ aus dem gleichen Jahr kann dagegen als direkter Nachfolger zu „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ gesehen werden. Obgleich es immer noch  komplett akustisch ist – und damit das letzte dieser Art -, ist wiederum auf allen Ebenen ein Fortschritt zu bemerken, auch wenn sich dieses Mal einige schwächere Songs (allen voran „Ballad In Plain D“) auf das Album verirrt haben. Mit „Chimes Of Freedom“ befindet sich nur noch ein programmatischer Song auf dem Album, dagegen erleben wird hier so etwas wie die Auferstehung des humorvollen Bob Dylan, wie er vor seinem ersten Album war. Unnachahmlich und für alle Zeiten unvergessen: Das verschmitzte Lachen in „I Don’t Believe You (She Acts Like We Never Have Met)”.


Bringing It All Back Home (1965)

In einer bis dahin schon aufreibenden Karriere stellt „Bringing It All Back Home“ die wohl bis dahin wichtigste Wendung dar. Erstmals hat Dylan auch die Möglichkeit, elektrisch verstärkt aufzunehmen – was er dankend annimmt und sich gleich auf der kompletten Seite austobt. Die Spielfreude zerreißt ihn fast, er scheint sogar etwas überfordert, was der überbordenden Stimmung aber keinen Abbruch tut. Heute kann man sich schwer vorstellen, welche Wirkung „Subterranean Homesick Blues“ auf Dylans Zeitgenossen gehabt haben muss; doch da der Song noch heute in zweieinhalb Minuten alles zum Einsturz bringen kann, muss sie damals überwältigend gewesen sein. Auf der B-Seite besinnt sich Bob Dylan zum vorerst letzten Mal gebündelt auf seine Wurzeln und präsentiert  dabei heutige Klassiker wie „Mr. Tambourine Man“ und „It’s All Over Now, Baby Blue“ gleichsam im Vorbeigehen.


Highway 61 Revisited (1965)

Wo beginnen? „Highway 61 Revisited” wird gemeinhin vollkommen zu Recht als Bob Dylans einflussreichstes Album bezeichnet. Es ist ein Konzeptalbum über Heimkehr und Flucht gleichermaßen, über Dylans Heimat Minnesota, die er früh verließ und über die Wurzeln amerikanischer Musik, die von dort aus über jenen Highway 61 zu erreichen sind. Sämtliche Songs leben auf der einen Seite von dieser Zerrissenheit, auf der anderen von einer unglaublichen Wucht, die mit Worten schwer zu fassen ist. Angeführt vom eröffnenden „Like A Rolling Stone“ begibt sich Dylan auf eine sich an den eigenen Ideen berauschende Reise in die Vergangenheit (mit vielen entlehnten aber komplett verfremdeten Rückgriffen auf die 1950er) und die Zukunft. Dass das ruhige Epos „Desolation Row“ ganz am Ende dieser Reise steht, mag Zufall sein – oder auch der Anfang des Spiels mit seinem Image, das Dylan in Zukunft mit großer Freude vorantreiben wird.


Blonde On Blonde (1966)

„Blonde On Blonde“ ist das letzte Album einer Trilogie, die Bob Dylan innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums zu einem der wichtigsten Künstler überhaupt macht. Mitte der 1960er Jahre gibt es bei Dylan anscheinend kein Loslassen, großartige Ideen in ebenso großartige Songs umgesetzt sprudeln unaufhaltsam aus seiner Feder heraus. Dass es auf einem Doppelalbum keinen Ausfall gibt, ist selten. Dass ein Doppelalbum dabei gleichzeitig so facettenreich, ist noch viel seltener. Obwohl „Blonde On Blonde“ im Gegensatz zu seinem Vorgänger von Anfang an songorientiert ist, fällt es schwer, einzelne Stücke herauszuheben. Ein Vergleich zwischen „Visions Of Johanna“ und „Stuck Inside Of Mobile With The Memphis Blues Again” könnte hier Abhilfe schaffen: Die über sieben Minuten erzählende Melancholie in „Johanna“ gehört hier ebenso zum dylanschen Kosmos wie das heiter dahin polternd „Mobile“, das ebenfalls über sieben Minuten umfasst. „Blonde On Blonde“ vs. „Highway 61 Revisited“? Hier kann es keinen Gewinner geben.


John Wesley Harding (1967)

Ein viertes Album dieser Größenordnung nacheinander ist vermutlich selbst für Dylan zu viel gewesen. Daher besinnt er sich in „JWH“ – die Initialen des Albums werden mitunter als Referenz zu Yaweh interpretiert – auf ruhigere Klänge und schlägt erste Verbindungen zum Country, der zu dieser Zeit in den Großstädten immer noch angefeindet wird. Da Dylan nach wie vor und im Gegensatz zu seinen ersten Alben auf eine Band im Hintergrund setzt, ist „John Wesley Harding“  nicht etwa nur eine Rückbesinnung auf alte Zeiten, sondern gleichsam ein Upgrade. Auch hier überwiegen großartige Songs, auch wenn einer erst durch Jimmy Hendrix so richtig bekannt wird: „All Along The Watchtower“.


Nashville Skyline (1969)

Dieses könnte Dylans am meisten unterschätztes Album sein. Trotz diverser Anleihen auf dem Vorgänger hat Dylan wohl damals so keiner ein lupenreines Country-Album zugetraut. Doch er macht ernst, zieht mit seiner Familie von New York nach Tennessee und saugt alles in sich auf. Cowboyhut auf dem Cover, Johnny Cash beim Eröffnungsstück „Girl From The North Country” dabei – klarer kann man seine Ambitionen nicht unterstreichen. Es sei denn, der ganze Ausflug ist Teil einer weitergetriebenen Maskerade. Vielleicht könnte der vielsagend lachende Mann auf dem Cover etwas dazu sagen. „Nashville Skyline“ jedenfalls ist ein rundum warmherziges Album, das ohne Seitenhiebe oder Ironie auskommt. Zum Weinen schön: „I Threw It All Away“.


Self Portrait (1969)

Während um „Nashville Skyline“ noch gerätselt werden durfte, ist der Fall bei „Self Portrait“ klar: Bob Dylan hat erstmals keine Lust mehr. Keine Lust auf große Konzerte, auf Fans vor seinem Haus, auf sein immer noch nachhallendes Image als Vertreter der jungen Generation. Doch so schlimm wie der kitschige Opener „All The Tired Horses“, der komplett mit Frauen- aber ohne Dylans Gesang daher kommt, ist das Album gar nicht. Vielmehr besteht es hauptsächlich aus Traditionals oder sonstigen Coverversionen in einem countryhaft skizzierten Gewand. Immerhin: Manfred Mann sollen „The Mighty Quinn (Quinn The Eskimo)“ später zu einem Nummer-Eins-Hit machen.


New Morning (1970)
Zu Beginn könnte man fast den Eindruck gewinnen, als könne sich Dylan nicht mehr aus der selbst auferlegten Lethargie des Vorgänger befreien. „New Morning“ entwickelt sich glücklicherweise noch, was nicht zuletzt am lässig gespielten Klavier liegt, auf das Dylan in dieser Häufung zum ersten Mal zurückgreift und so eine Atmosphäre schafft, die hier Premiere auf Albumlänge hat. Doch gerade über jene hinweg bleibt das Songwriting oftmals durchschnittlich, vieles klingt inspirationsarm. So bleibt „New Morning“ maximal der Status eines Übergangswerks.


Pat Garrett & Billy The Kid (1973)

Der Soundtrack verstärkt perfekt die Stimmung des gleichnamigen, äußerst sehenswerten Peckinpah-Films, in dem Dylan auch eine kleinere Rolle zu Teil wird. Irgendwo zwischen heiterer Westernromantik und tragischen Todesfällen pendelt auch dieses fast komplett instrumental gehaltende Album hin und her, die Billy-Songs strahlen sogar eine gewisse Romantik aus, die im Film gar nicht enthalten ist. Leuchtturm des Soundtracks ist natürlich „Knockin‘ On Heaven’s Door“, mit dem nicht nur später Guns N‘ Roses große Erfolge feiern können, sondern auch Dylan persönlich einen veritablen Hit in den Billboard-Charts haben wird.


Dylan (A Fool Such As I) (1973)

„Dylan“ ist das einzige Studioalbum, von dem es heute keine Neuauflagen mehr gibt. Was für Sammler schade ist, wenn sie nicht gerade horrende Preise bezahlen können, ist aus Sicht Bob Dylans sicherlich nachvollziehbar. Das Album besteht hauptsächlich aus Outtakes des ebenfalls schon mäßigen „Self Portrait“ – und damit aus Coverversionen. Das wäre vielleicht nicht so schlimm, doch sind diese Stücke noch schlechter produziert und mitunter falsch ausgewählt. Einzig der Opener „Lily Of The West“ vermag noch einen gewissen Charme zu versprühen, über den Rest legt man am besten den Mantel des Schweigens.


Planet Waves (1974)

Nach mehr als zehn Jahren haben sich die Wege Dylans und seines Labels Columbia getrennt, erstmals veröffentlicht er auf Asylum. Auch wenn er sich noch nicht in alter Form präsentiert, ist der Wille, wieder nach vorne zu schauen und neue Ideen einfließen zu lassen, wieder erkennbar. Auch dass The Band ihm hier erstmals auf einem Soloalbum zur Seite steht, trägt dazu bei, dass Dylan sich hier neu aufstellen kann und somit den Weg zum nächsten Meisterwerk ebnet. Trotz The Band im Hintergrund bleibt „Planet Waves“ bis heute eines seiner intimsten Alben.


Blood On The Tracks (1975)

Ein Live-Album („Before The Flood“) folgt noch auf Asylum, dann zieht es Dylan zurück zu Columbia. Und wie: „Blood On The Tracks“ ist ein Meisterwerk, das es mit der Trilogie aus den 1960er Jahren aufnehmen kann, gleichzeitige aber vollkommen anders konzipiert ist. Es ist das Album eines gerade mal 33-jährigen, der privat und beruflich alles erlebt hat, der in beiden Bereichen ganz oben und ganz unten war und nun auf sein Leben zurückblickt. Wo früher grellbunte Bilder hervorschossen, dominieren nun traurige Parabeln („Simple Twist Of Fate“) und Erzählungen über das eigene Schicksal („If You See Her, Say Hello“, in dem er seine Scheidung verarbeitet). Hier steht ein Mann, der erstmals Schwäche zulässt und seine Songs genau so klingen lässt. Mit Pinks Floyds „Wish You Were Here“ aus dem gleichen Jahr ein unheimlicher Doppelpack zum Thema Angst und Verlust.


The Basement Tapes (1975/1967)

Mit The Band, die ihn auf auf seinen Tourneen Mitte der 1960er Jahre begleitete, nahm Bob Dylan in in der Zeit nach seinem Unfall 1967 unzählige Songs auf, von denen es 16 (und zusätzlich noch acht von The Band ohne Dylan eingespielte) auf dieses Doppelalbum geschafft haben. Dass die Songs ohne jeglichen Druck entstanden sind, wird schnell offensichtlich. Es ist ein grenzenloses, infantiles Drauflospielen mit offenem Ende, dessen Resultate von hoffnungslos bis genial schwanken. Ein großer Spaß für alle Beteiligten und Hörer.


Desire (1976)

„Desire“ ist der Gegenentwurf zum in sich gekehrten „Blood On The Tracks“. Es ist alles, was Dylan damals nicht zulassen konnte oder ganz bewusst aussparen wollte. Es ist laut und opulent, elektrisierend und schwül. Die Eindrücke sind so vielfältig wie impulsiv: Gangsterstories („Hurricane“, „Joey“), Liebesgeschichten („One More Cup Of Coffee“, „Isis“) und nicht zuletzt Fernweh („Mozambique“, „Romance In Durango“) sorgen für eine nahezu kosmopolitische Grundstimmung, die durch die große Band gleich doppelt zum Tragen kommt. Mit Emmylou Harris kommt hier zudem zum ersten Mal eine fast gleichberechtigte Sängerin an Dylans Seite zum Einsatz. Diese Stimmung überträgt sich auch aufs Schlussstück „Sara“, das thematisch eigentlich besser auf „Blood On The Tracks“ gepasst hätte. Doch die Scheidung von Sara verarbeitet Dylan hier nicht durch bittere Melancholie, sondern durch angenehme Erinnerungen.


Street-Legal (1978)

Noch ist nichts offiziell, doch Dylans Christen-Phase deutet sich schon hier an. „Street-Legal“ vereint neben christlichen Motiven („Is Your Love In Vain?“) den für Gospel-Rock typischen weiblichen Background-Gesang – das schreckliche „New Pony“ erinnert gar an „All The Tired Horses“ – mit einem hörbar aufgeräumten Bob Dylan. Im Kern geht es ihm aber ganz in der Tradition des Vorgängers um das Erzählen von Geschichten, die nicht unbedingt einen Bezug zu seinem Leben haben müssen. „Señor (Tales Of Yankee Power)“ ragt hier sicherlich heraus und kann mit den Songs der beiden vorherigen Alben mithalten, doch allein das genügt nicht, um „Street-Legal“ vor der Mittelmäßigkeit zu bewahren.


Slow Train Coming (1979)

Was „John Wesley Harding” für Dylans Einstieg in den Country war, ist „Street-Legal“ für seinen Eintritt in den christlich geprägten Gospel-Rock. Nach anfänglichem Rumexperimentieren widmet er sich mit voller Wucht seinem neuen Stil. Ist die Country-Phase eher als kurzer, künstlerisch motivierter Ausflug zu betrachten, geht er diese neue nun in erster Linie aus religiösen Gründen an. Dass Dylan Späße auf Kosten der Religion macht, ist in dieser Zeit seiner christlichen Neuorientierung schwer vorzustellen und daher meint er wohl alles so, wie er es singt. „Slow Train Coming“ trieft nur so vor Glaubensbekundungen, die aber nicht plump wirken, sondern in überraschend unpeinliche Texte verpackt sind. Die musikalische Untermalung bleibt allerdings bieder.


Saved (1980)

„Saved“ gräbt sich noch tiefer in die christliche Materie ein und versucht diesmal erst gar nicht, mit dogmatischen Verweisen für den richtigen Weg zum Seelenheil hinterm Berg zu halten. Ansonsten behält Dylan den Stil von „Slow Train Coming“ bis auf wenige Tempo-Variationen bei, was die Sache aber auch nicht unbedingt besser macht. Im Gegenteil: Mit jedem Ausbruch von der Gospel-Norm tut sich Dylan hier schwerer, es wird klar, dass er trotz seines Engagements Religion und Musik nicht ansprechend vereinen kann.


Shot Of Love (1981)

Der christliche Grundtenor ist immer noch mit den Händen greifbar, doch so langsam entfernt sich Dylan auf allen Ebenen wieder von seiner Idee. „Shot Of Love“ ist weit entfernt davon, dogmatisch zu sein, eher bewegt es sich vom Bible Belt wieder zurück ins Heartland und schildert – natürlich mit religiösen Motiven – das Leben dort. Auch musikalisch nimmt Dylan etwas mehr Abstand vom Gospel und bringt mit dem Opener „Every Grain Of Sand“ noch einen Song, der von nun an auf der einen oder anderen Best-Of-Compilation zu finden sein wird.


Infidels (1983)

Mit „Infidels“ kehrt Bob Dylan dem Gospel endgültig den Rücken und schlägt die Brücke zu seinen ersten „richtigen“ Rockalben, die ab Mitte der 1980er Jahre folgen sollen. Als Produzent wirkt neben ihm Mark Knopfler mit – eine Entscheidung, die zu dieser Zeit wohl exakt die richtige ist. Schon hier steht Knopfler weniger für gewagte musikalische Ausflüge, sondern für einnehmenden, druckvollen Gitarrensound. Genau das, was Dylan nach seinem Ausflug in den Gospel zu brauchen scheint. Mit „Union Sundown“ enthält das Album zum ersten Mal seit Langem auch wieder einen politischen Protestsong, der inhaltlich an frühere Zeiten anknüpfen kann.


Empire Burlesque (1985)

„Empire Burlesque“ läutet eine Reihe von Alben ein, die mindestens ebenso umstritten sind wie die christlich inspirierten Alben vom Anfang des Jahrzehnts. Bob Dylan zieht das Ausgeh-Hemd an und nähert sich mit einer für die 1980er Jahre typischen Rockproduktion, die der heutigen Vorstellung von Contemporary Rock sehr nahe kommt, Künstlern wie Bruce Springsteen (das Coverfoto wurde sicherlich nicht zufällig ausgewählt), Tom Petty und den Carpenters stark an. Diese Wandlung hin zu mehr Mainstream gelingt erstaunlich gut. Songs wie „When The Night Comes Falling From The Sky“ bewegen sich zwar nicht immer problemlos auf dem Grat zwischen Eingängigkeit und Kitsch, doch sind sie durchweg detailverliebt geschrieben und gut produziert. Eine nicht zu unterschätzende Leistung, produziert der auf diesem Gebiet immer noch unerfahrene Dylan dieses Album doch ganz alleine.


Knocked Out Loaded (1986)

Allein „Brownsville Girl“ wird von diesem insgesamt schwachen Album im Gedächtnis bleiben. Wieder ein Song mit einer Dauer weit über dem Durchschnitt, wieder eine ausladende Erzählung – so etwas scheint Dylan zu jeder Zeit seiner Karriere zimmern zu können und immer wird es faszinierend. Ansonsten irrt er ohne Konzept durch die restlichen sieben Songs. Während er an seiner Ausrichtung zum Mainstream-Rock festhält, experimentiert er nebenher erfolglos mit Synthies („Driftin‘ Too Far From The Shore“), holt den ermüdenden Backgroundgesang zurück und liefert eine grausame Coverversion von Kris Kristofferson „They Killed Him“ ab. Nur wegen „Brownsville Girl“ (nimmt fast ein Drittel der Spielzeit ein) nicht sein schlechtestes Album.


Down In The Groove (1988)

Dylan ist zu jener Zeit kommerziell und kreativ auf dem Tiefpunkt. Während das fast nur aus Coverversionen bestehende „Self Portrait“ noch ein selbst gewähltes Mittel zu mehr Abstand respektive weniger Aufmerksamkeit war, kommen die sechs (von zehn) Covern – eines schlechter als das andere – auf „Down In The Groove“ einer Kapitulation gleich. Wenn man nur noch vier eigene Songs für ein Album schreiben kann, die den eigenen Ansprüchen genügen, kommen schnell Fragen auf, ob die Karriere noch Zukunft hat. Dylan entschließt sich, zu kämpfen und mit vollem Bewusstsein durch das tiefste Tal seiner Karriere zu gehen (besonders erwähenswert: „Let’s Stick Together“).


Oh Mercy (1989)

In seinen Memoiren „Chronicles: Volume One“ beschreibt Dylan eindringlich die Anfangszeit der Aufnahmen zu „Oh Mercy“. Nach einer langen Durststrecke kommt er voller Euphorie mit neuen Songideen ins Studio. Doch sein neuer Produzent Daniel Lanois lehnt eine nach der anderen ab und verhält sich dabei oberlehrerhaft, Dylan überlegt, alles hinzuschmeißen. Doch die Spannungen sind letztlich sehr hilfreich. Lanois‘ hohe Standards – kurz zuvor hatte er noch mit Brian Eno, Peter Gabriel und U2 zusammengearbeitet – verleihen den Songs endlich wieder die typische und lange vermisste Atmosphäre. Dylan ist zurück und schafft mit Lanois‘ Hilfe zeitlose Songs wie „Man In The Long Black Coat“ und „Ring Them Bells“.


Under The Red Sky (1990)

Umso überraschender dann die Wendung beim nächsten Album: „Under The Red Sky“ hat nichts mehr von der atmosphärischen Lanois-Produktion, hier dominieren wieder laute, teilweise unausgesteuerte Klänge aus der Zeit davor. Doch zu einem Rückfall kommt es nicht, dafür ist Dylans Songwriting inzwischen wieder zu gefestigt, so dass „Under The Red Sky“ nach dem wiederkehrenden Erfolg zwar eine kleine Enttäuschung, aber immer noch ein grundsolides Rockalbum ist. Für Dylan, der hier als Produzent erstmals unter dem Namen Jack Frost agiert, besitzt es während der Aufnahmen wahrscheinlich nur untergeordnete Priorität, da er zeitgleich mit der zweiten LP der Traveling Wilburys beschäftigt ist, mit denen er wesentlich mehr Erfolg hat.


Good As I Been To You (1992)

„Good As I Been To You“ soll sich vielerlei Hinsicht als wegweisend herausstellend. Auf Albumlänge ist es Dylans erste Berührung mit dem Blues, es ist nach langer Zeit wieder ein komplett akustisch gehaltenes Werk und erstmals tritt er mit seinem heute charakteristischen nasalen Sprechgesang-Stil auf. Dank der stilistischen Konzentration auf Folk- und vereinzelte Blueselemente ist das Album stark in sich geschlossen, zwischen Dylan und seine wenigen Instrumente passt kaum ein Blatt Papier. Endlich wird sein Jugendtraum erfüllt, ein Album im Stil seines großen Idols Woody Guthrie machen zu dürfen.


World Gone Wrong (1993)

Der kleine – oder eher große – Bruder von „Good As I Been To You“: „World Gone Wrong“ ist im Prinzip gleich aufgemacht, doch durch eine hier und da nicht so karge Instrumentierung etwas atmosphärischer und zugänglicher. Hierzu trägt auch die Songauswahl bei; viele Texte nehmen sich dunkler und melancholischer Themen an. Wie schon beim Vorgänger hört man zu jeder Zeit das tiefe, erleichterte Durchatmen. Die Krise ist endgültig vorbei, es geht weiter.


Time Out Of Mind (1997)

„I’m sick of love / I wish I’d never met you“ („Love Sick”)

„I can hear the church bells ringing in the yard / I wonder who they’re ringing for” („Standing In The Doorway”)

„Feel like my soul has turned into steel / I’ve still got the scars that the sun didn’t heal” („Not Dark Yet”).

Gegen das, was Dylan im wieder von Daniel Lanios produzierten „Time Out Of Mind” auffährt, ist alles auf dem ohnehin schon bitteren „Blood On The Tracks“ Musik fürs Oktoberfest. Hier passt alles zusammen. Der im Hintergrund leicht verrauschte Sound gibt den depressiven Lyrics den letzten Schub in Richtung eines Manifests zum Ende des Lebens und den Erwartungen darüber hinaus. Es wird nur einmal kurz und wenig hoffnungsvoll ein Lichtschimmer gebrochen („Make You Feel My Love“). Im Finale „Highlands“, seinem längsten Song überhaupt, sinniert Dylan: „Well my heart’s in the Highland. I’m gonna go there when I feel good enough to go“, eine Metapher für den absoluten Rückzug in sich selbst, für das Zurücklassen alles Irdischen. Das gesamte Album ist eigentlich Indiz dafür, dass diese Zeit genau jetzt gekommen ist. Jedoch: 15 Jahre später ist Dylan immer noch dabei.


Love and Theft (2001)

Nach diesem Brocken ließ sich Dylan viel Zeit, ehe ausgerechnet am 11. September 2001 „Love And Theft“ das Licht der Welt erblickte. Mehr als jede andere Veröffentlichung zuvor bündelt dieses Album eine ungeheure Vielfalt an traditioneller amerikanischer Musik. Folk, Blues, Roots, Swing, Americana, Jazz – Dylan jongliert hier mit vielen Spielarten so geschickt, als hätte er nie etwas anderes gemacht. „Love And Theft“ ist in diesem Sinne nicht nur ein Album über die Identität einer Nation, es geht noch viel weiter und zeigt auch allen anderen die großherzige Geborgenheit, die ebenfalls Teil des American Way Of Life ist. Die Antwort auf „Time Out Of Mind“ kann nur exakt so klingen.


Modern Times (2006)

Mit zwei seiner stärksten Alben im Rücken waren die Erwartungshaltungen extrem hoch. Und auch wenn, was eigentlich klar war, „Modern Times“ nicht an die beiden Vorgänger heranreichen kann, hält es Dylans extrem hohen Standard. Das Stilrepertoire aus „Love And Theft“ wird im Wesentlichen beibehalten, wobei der Blues-Anteil etwas reduziert wird und das Album auch dank einiger lustiger Wortspiele noch einmal etwas sonniger wirkt. Auch hier ist der Rückgriff auf die musikalische Vergangenheit eindeutig: Fast alle Songs basieren auf Vorlagen, die mehrheitlich bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhundert erstmals in Erscheinung getreten sind. Die Bewahrung und Fortentwicklung dieser Songs sowie deren Einpassen in ein stimmiges Gesamtwerk sind das eigentliche Verdienst von „Modern Times“.


Together Through Life (2009)

„Together Through Life“ bestätigt die etablierte Meinung, dass Bob Dylan keine schlechten Alben machen kann – eine Aussage freilich, die Anfang der 1990er Jahre noch undenkbar gewesen wäre. Die Stimmung ist aufgekratzt und schwül, ganz ähnlich wie 32 Jahr zuvor bei „Desire“. Dylan singt endlich wieder lustvoll über Frauen und die gesunde Portion Humor hat sich endgültig in seinen Lyrics verfestigt. Dass der eine oder andere Song etwas träge daher kommt, ist da leicht zu verschmerzen. „It’s All Good“, eben.


Christmas In The Heart (2009)

Dass man das noch erleben darf: Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft 2009 veröffentlicht Bob Dylan tatsächlich ein Album mit bekannten Weihnachtshits, natürlich formschön im Boxset verpackt und mit einer Hand voll Karten zum Verschicken an die Liebsten. Was für viele Fans verstörend sein muss, hat unbestritten seinen Charme. Schon allein durch Dylans Stimme, die von Santa persönlich sein könnte, kommt unweigerlich die richtige Stimmung auf. Hierbei hängen die schnellen, verrückten Interpretationen die konventionell umgesetzten schnell ab. Zu „Must Be Santa“ gibt es gar ein herrliches Video, das bei Youtube sogleich zum Hit wurde.


Tempest (2012)

Auf „Tempest“ konzentriert sich Dylan auf eine seiner stärksten Disziplinen: Das Erzählen von Geschichten, an deren Spitze der Titeltrack steht, ein 14-minüter über den Untergang der Titanic. In Seelenruhe und mit einem amüsierten Zungenschlang erzählt Dylan vom Untergang ders Luxusdampfers und ist dabei in der ihm eigenen Art nicht immer ganz geschichtsgetreu. Es ist ein verdammt dickes Buch, das er hier aufschlägt. Die Schlüsselstücke „Narrow Way“, „Scarlett Town“ und „Tin Angel“ sind ebenfalls jeweils über sieben Minuten lang. Was zuvor nur angedeutet wurde, meißelt  „Tempest“ in Stein: Bob Dylan ist inzwischen ein großartiger Geschichtenerzähler, der sich nicht mehr nur wie früher über die Form definiert, sondern sich von den ganz großen Autoren des Kontinents wie Twain, Melville und Hemingway hat inspirieren lassen und durch die Beigabe der musikalischen Untermalung – die hier in der Tat oftmals nicht mehr als Beiwerk ist – nun mit ihnen auf Augenhöhe steht.


Bob Dylan live (Auswahl)

Auch viele Liveaufnahmen, allen voran die legendäre „Bootleg Series“, hätten eine genauere Betrachtung verdient. Da dies aber den Rahmen sprengen würde, folgt hier lediglich eine Auflistung der berühmtesten offiziellen Veröffentlichungen:

Before the Flood (1974, mit The Band) 72%
Hard Rain (1976) 59%
Bob Dylan at Budokan (1979) 54%
Real Live (1984) 48%
Dylan & The Dead (1989, mit The Grateful Dead) 40%
MTV Unplugged (1995) 63%
The Bootleg Series Vol. 4: Bob Dylan Live 1966, The Royal Albert Hall Concert (1998) 100%
The Bootleg Series Vol. 5: Bob Dylan Live 1975, The Rolling Thunder Revue (2002) 90%
The Bootleg Series Vol. 6: Bob Dylan Live 1964, Concert at Philharmonic Hall (2004) 84%

8 Kommentare zu “Bob Dylan: It Ain’t Me, Babe”

  1. Carl Ackfeld sagt:

    Spitzenrundumschlag Felix und sehr sehr fein zu lesen. Vor allem auch mal Raum für den gewöhnungsbedürftigen Dylan der späten 70er und 80er-Jahre.

  2. Krass. Zeigt mir mal wieder einige Lücken auf. Und die Bewertungen wirken stets griffig und auch schlüssig. Auf, zu den Grabbelkisten!

  3. Pascal Weiß sagt:

    Felix, ganz groß!

  4. Rinko sagt:

    hut ab vor der retrospektive! ich mag dylan zwar nicht sooo,aber bei „blood on the tracks“ gehe ich mit.

  5. frango sagt:

    bin seit „oh mercy“ dylan fan. deine beurteilungen teile ich fast durchgängig. respekt!

  6. Stereotyp sagt:

    Chapeau!
    Sehr feiner Beitrag.

  7. Edgar sagt:

    Sehr schöne Rückschau, bei der ich viele Bewertungen teilen kann.

  8. Pascal Weiß sagt:

    Wie oft ich hier schon wieder rein geschaut habe, Felix. Da stoße ich gerne wieder und wieder auf Dich an!

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