Der Liedschatten (65): Dankt dem Playback!

Manfred Mann: „Ha! Ha! Said the Clown“, 1967

Playback ist eine wunderliche Sache. Das Prinzip ist einfach: Es wird performt, aber die Musik, der Gesang oder auch beides werden eingespielt, ein Auftritt wird gemimt und, jetzt wird es seltsam, eine Darbietung dargeboten. Die Darstellenden sind dabei nicht zwangsläufig deckungsgleich mit den an der Aufnahme als Autoren, Instrumentalisten oder Sänger beteiligten Personen.

Dieses Verfahren kann selbst dann sinnvoll erscheinen, wenn alle drei Funktionen von den Auftretenden selbst wahrgenommen wurden. So wäre es zum Beispiel möglich, dass sich ein im Studio erstellter Instrumentalpart oder eine Gesangslinie nicht aufführen lassen. Vielleicht wurde bei der Aufnahme ein Streicherquartett genutzt, dessen Engagement für einen jeden Auftritt zu kostspielig wäre, das womöglich sogar vollkommen deplatziert wirken könnte. Ein Alleinunterhalter, egal, wie bekannt er ist, braucht auf der Bühne womöglich keine Musiker. Auch für die zeit- und damit kostensparende Durchführung einer Fernsehsendung ist es notwendig, lange Soundchecks, Umbaupausen und schlechte Performances von vornherein zu vermeiden, was ohne „Musik vom Band“ nicht möglich wäre. Außerdem ist ein Song aus Sicht vieler Lohnarbeiter der Kulturindustrie ein Produkt, das stets wiedererkannt werden sollte, damit es sich verkauft. Und das erst recht, wenn es im Rahmen eines Formates wie „The Dome“ präsentiert wird.

Hinter Masken ist gut kichern: die Absoluten Beginner treiben unschuldigen Schabernack.

Nicht alle Menschen haben dabei so viel Spaß wie die Absoluten Beginner, nicht aufseiten der Musiker, nicht im Publikum. Die Beschwerde „die singen ja gar nicht selbst / wirklich“ wird dabei oft als Totschlagargument in oberflächlichen Diskussionen über Musik benutzt. Dabei werden zwei Dinge nicht bedacht.

1. Mit diesem Argument erweist man der Musik einen Bärendienst. Singt entgegen der üblichen Gepflogenheit des Playbacks ein schlechter bis mittelmäßiger Sänger schlechte oder mittelmäßige Lieder einmal live selbst, fühlen sich deren Fans in ihrem „Geschmack“ bestätigt und äußern Sachen wie „Ja, aber Jockel Strohbirn hat eine gute Stimme und singt selbst!“, woraufhin der vermeintliche Kritiker schlechter bis mittelmäßiger Musik sagt „Ja, mag ich nicht, aber eine gute Stimme hat er.“ Bäh. Aber so sind sie, die Gegner des Playbacks.

2. Wer austauschbare Interpreten wie unseren imaginären Sänger und Darsteller einer Daily Soap „Jockel Strohbirn“ derart plump kritisiert, mag oft „echte, handgemachte Musik“, z.B. aus den 1960er-Jahren. Wie wenig das aber sinnvoll ist, sahen wir in dieser Reihe schon mehrmals, unter anderem an den Beispielen der Beach Boys und Monkees. Regelmäßige Leser dürften deshalb nun ein wenig gelangweilt abwinken, doch das Steckenpferd muss geritten werden, sein Weg führt heute zu einer neuen Seltsamkeit: Zahlreiche Liebhaber von „Oldies“ sollten dankbar für das Playback sein, ohne dieses würde der Mythos vom „wirklichen Musiker“ nämlich rasch ins Wanken kommen. Hören wir einmal unseren heutigen Hit, „Ha! Ha! Said The Clown“ von Manfred Mann, im Halbplayback.

http://www.youtube.com/watch?v=oaU1EN6gll0

 Für Freunde der Realness: Hier singt jemand selbst.

mann_clownWie rasch ließen sich Manfred Mann angesichts obiger Halbgarheit und nach den unrealistischen Maßstäben von Menschen, die sich auf eine nicht vorhanden gewesene Vergangenheit beziehen, als „unwirkliche“ Musiker bezeichnen. Das aber wäre großer Quatsch. Die Qualität eines jeden Auftritts hängt ab von einer Mischung aus Übung, Tagesform, Interaktion, Technik und Unplanbarem, und das zu immer wieder unterschiedlichen Anteilen. Davor sind auch „wirkliche Musiker“ wie Manfred Mann alias Manfred Sepse Lubowitz aus Johannisburg und seine Band nicht gefeit.

Er selbst konnte als studierter Pianist und Musikjournalist so viel tun, wie er wollte. Hatte der Sänger, hier Mike d’Abo, einen schlechten Tag, konnten auch die durchaus vorhandenen Fähigkeiten der anderen Instrumentalisten daran nichts ändern. Vollplayback aber hätte geholfen.

Nach Meinung mancher Manfred Mann mögender Menschen mindert dieses jedoch den Grad der „Ehrlichkeit“ so sehr wie die Wendung der eher aus Jazz und Blues stammenden Gruppe hin zum Pop. Zustande kam diese erst durch den Plattenvertrag 1963 und die ersten größeren Hits in Großbritannien, der Titelmelodie für die Sendung „Ready Steady Go!“ und das Cover „Do Wah Diddy Diddy“ von 1964, hier in einer hübschen Playbackversion zu sehen. In der Folge erschienen mehrere Fremdkompositionen auf Singles, eigene, weniger poppige Stücke befanden sich bevorzugt auf den Alben. Das Vorgehen war also, und wer möchte es ihnen verdenken, durchaus kommerziell und entsprach eher der Logik des Showbereichs als dem Streben nach Authentizität.

Mit dieser wäre es angesichts zahlreicher Besetzungswechsel bis ins Jahr 1967 sowieso nicht sonderlich weit her gewesen. Hinzu kam noch Erweiterung der Möglichkeiten der Popmusik, von der selbst recht pragmatische Bands wie Manfred Mann profitierten. Ambitionierte Arrangements stellten kein Abweichen von einer Norm dar, die mit Aufkommen der nächsten großen derart gebrandeten Jugendkultur nach Rock’n’Roll und Beat, den Hippies, sowieso zur Frage des Konsums erklärt wurde. Die Nachfrage kaufkräftiger junger Menschen musste bedient werden, merkwürdigerweise mit merkwürdiger Musik. Doch was gekauft wird, gilt im Kapitalismus als achtenswert, und nicht zuletzt die Beatles zeigten bereits seit Jahren, wie weit Songstrukturen und Sounds ausgereizt werden konnten, ohne dass Verkaufszahlen einbrachen.

Eine professionelle, erfolgsorientierte Band wie Manfred Mann war geradezu verpflichtet, wie z.B in „Ha! Ha! Said the Clown“ Spielereien, in etwa Mellotron und Pauken, zu benutzen und einen Text zu singen, der zumindest den Anschein von Hintersinnigeit erweckt. Die Geschichte ist dabei rasch erzählt, „feeling low got to go / see a show in town / hear the jokes have a smoke / and a laugh at the clown“, das tut der Protagonist, wird im Anschluss von einer Frau bezaubert, die aber, wie er erfährt, die Frau des Clowns ist, über den er sich eben noch amüsierte, was ihn, bildlich gesprochen, niederstreckt.

Steckt dahinter womöglich eine Botschaft? Eher nicht, bei Stellen wie „have a smoke“, „in a whirl see a girl“, „wonder why I hit the sky“ und vor allem „ha ha said the clown / as the king lost his crown / he’s the knight being tight on romance“ dürfte es sich vor allem um eine dem Geschmack der Zeit angemessene Wortwahl handeln. So richtig klar ist es nämlich nicht, was der König macht, warum er ein Ritter ist und wieso der Clown und seine Frau denn so gehässig sein müssen. Vage lassen sich Rausch, Liebestollheit und Erniedrigung assoziieren, ohne dass es sich dabei um mehr als eine Anspielung handeln würde. Das Offensive fehlt in diesem Fall nicht nur als Klarheit, sondern auch im Unklaren. Dennoch besitzt das zwischen damals modischer Psychedelic und herkömmlichen Pop angesiedelte Stück zwar keine Meisterschaft, aber immerhin Hitqualitäten. Und auf jeden Fall wenig von dem, was sich als „Authentizität“ bezeichnen ließe, um noch einmal darauf herumzureiten.

Bild: mikoosj

Ein Kommentar zu “Der Liedschatten (65): Dankt dem Playback!”

  1. […] Mann sind den Lesern dieser Serie bereits durch „Ha! Ha! Said The Clown“ bekannt, auch „Do Wah Diddy Diddy“ dürften vielen ein, ähem, Begriff sein. Freuen wir uns […]

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