Das Musikorakel: Neue Bands für 2012

Die Königin ist tot, es lebe der König! Nach dem Schlussstand „Schnaps vs. Amy Winehouse“ 1:0, bringt Universal mit Michael Kiwanuka den nächsten Retrosoul-Künstler an den Start. Der 24-jährige betört mit einer erwachsenen Stimme, klassischen Songs im alten Motown-Stil und einer spröden Produktion. Fast schon zu viel Authentizität umgibt den Shootingstar, Michael Kiwanuka – Tell Me A Taleder zudem noch, ganz gospel-like, spirituelle Themen besingt.

Wer wie Kiwanuka aus der Masse heraussticht, gewinnt meist – das ist eine der unumstößlichen Regeln des Musikbusiness’: Peaking Lights (neu auf Domino Records) peaking spielen versumpft-groovigen Psychedelic und werden mit ihrem neuen Album im Mai sicherlich lieblingsbandfähig, Sampha hat mit seiner sanftwarmen Soulstimme und einem Netzwerk zwischen Jamie xx und SBTRKT gute Chancen auf viele neue Facebookfreund(inn)e(n). King Krule (ehemals Zoo Kid) hat Lakonie, eigenwillige Melodien und spröden Rock parat – die größte Hoffnung auf True Panther! Auch der übernächtigte R’n’B von The Weeknd schickt sich an, 2012 zu prägen: Mit drei umjubelten Gratis-Alben im letzten Jahr, Gagengeboten von bis zu 25.000 Euro pro Auftritt und einer Klangästhetik, die Peaking Lights – Amazing And Wonderfuler für sich ganz alleine hat, liegt er wie seine Kollegen Frank Ocean und ASAP Rocky in der Kategorie „contemporary urban“ ganz weit vorne. Kein Zweifel, diese drei Herren werden das Jahr zu ihrem machen und R’n’B und Internet-HipHop zum großen Durchbruch verhelfen.

Nach Autotune, Eurodisco und schelmischem Unisex-R’n’B müsste im großen Stil eigentlich das genaue Gegenteil zunehmend gefragt sein – das alte Spiel von gesättigten Ohren und Lust auf Abwechslung. Bloß: Was ist das Gegenteil von David Guetta? Erdige Rockmusik ohne Schnörkel und bloß nichts mit Beats und derlei Schnickschnack? Eine schwierige Frage! Wer hätte denn Pop. 1280 – Bodies In The Dunesceremonybeispielsweise gedacht, dass vor vielen Jahren der androgyne finnische Bleichling von HIM als Gegenkonzept zu Rammstein (!) gescoutet würde? Da ging die Rechnung gewiss auf. Aber tut sie das auch 2012? Um den Gesundheitszustand der Rockmusik taxieren zu können, lohnt ein Blick in das Fachmagazin VISIONS. Da tummeln sich wunderbare Hardcore-Bands auf den vorderen Plätzen der Jahrescharts, aber wenn es selbst Trail Of Dead, Foo Fighters, Beatsteaks und Rise Against mangels wirklicher Konkurrenz mit recht mediokren Alben in die Top 20 schaffen, dann ist es ein Indiz, dass die es um die Trendfähigkeit von Rockmusik nicht allzu gut bestellt ist. Wir hoffen auf Wunder und viele Überraschungen!

Die Abteilung Attacke mögen dabei noch Ceremony oder Merchandise (auf Katorga Works, einem Angelpunkt der vitalen Noiserock/Punk-Szene der Ostküste) anführen, wer es
Pujol – Mayday
waviger mag, ist bei Pop. 1280 gut aufgehoben, deren Industrial-Punk nicht nur vor gut 800 Jahren der neueste Schrei gewesen wäre, sondern klingt, als labe er sich an den musikalischen Quellen der 80er-Jahre. Ihr Debütalbum erscheint noch im Januar via Sacred Bones.

Gerade im Indiebereich schafft fast jede Band ein Minimalmaß an Aufmerksamkeit zu erhaschen – veröffentlichen sie auf einem der knapp 30 Labels und Labelvereinigungen, die den Markt ein wenig unter sich aufteilen. Nach bloß wenigen Hörproben ist es da umso schwieriger zu prognostizieren, wie erfolgreich nun folgende Bands wirklich werden: Milk grimes Music lassen es etwas krachiger angehen und haben bereits die Gunst der Kollegen von Pitchfork sicher, die High Highs gelten Dry The River – New CeremonyAUFTOUREN-intern etwas verächtlich als Fleet Föxchen, Grimes‘ grandios unentschlossener Beat-Indie-Mix ist neu auf 4AD, Hospitality machen Gitarrenpopfreunde glücklich und Pujol verstärkt das zuletzt etwas schwächelnde Team von Saddle Creek. White Sea gewann erste Erfahrungen als Sängerin von M83, The New Regime genießt Wunderkind-Status bei Trent Reznor (Nine Inch Nails) und Dry The River werden mit ihrem Indie/Folkrock gern gesehene und –gehörte Festivalgäste sein. Mina Tindle kennt auch noch kaum jemand, aber mit ihrem zuckersüßen Indiepop und Mädchenhand an Gitarre sollte sich das doch leicht ändern lassen. Nach den Überraschungserfolgen von Veronica Falls und auch Pains At Being Pure At Heart darf man zudem 
Mina Tindle – To Carry Small Things
auf den Waschmaschinen-Melancholica-Shoegaze von Big Deal und die freundlichen Poliça Acht geben, die Zweitband des Gayngs-Mitglieds Channy. Noch schwerelosere Nebelsongs schreiben bloß Vondelpark, die ein untrügerisches Gespür für Melancholie und fantastische Melodien besitzen.

Nahtlos kann man dieses Kompliment auch auf folgende Elektronik-Künstler anwenden: Eliphino, Kwes, Radiohead-Liebling Jacques Greene und Blawan verbinden Beats, Pop und R’n’B zu ganz eigenen Kompositionen. Tanzbar, knöchern, cool und dank oftmals hohem Vocal-Anteil auch ital xxxy – Ordinary Thingsgeeignet, entsprechendes Publikum zu ködern. Hoffen wir, dass den wahrhaft überragenden Singles aus 2011 noch weitere Knaller dieser Neukommer folgen werden. Gerade im Elektro/Techno/House/Dubstep-Bereich sind es einzelne Tracks und nicht so sehr ganze Alben, die Karrieren begründen: Bei Ital (neu auf Planet Mu, störrischer Edit und House), xxxy (eleganter House mit unterschiedlichen Einflüssen) und Koreless (vaporisierter Post-Dubstep) kann man sich vorstellen, dass sie 2012 zu ihrem Jahr machen. Gleiches gilt für Blondes und Gerry Read. Ob hingegen Burial Blawan – Getting Me DownSoundalike Nocow oder James Blakes Cousin und Mitbewohner Ifan Dafydd (klingt, als hätte er den Restkram von Blakes Festplatte gekratzt) punkten können?

In Deutschland liegt man mit den heißen Eisen o F F love (Hipster-R’n’B), Stabil Elite (atmosphärischer Discokraut zwischen Elektronik und Rock) und natürlich Lieblingstechnoproduzent Objekt aus Berlin sicher nicht grundsätzlich falsch. Auch Deutschrapper Ahzumjot hat Potenzial, Cro die Unterstützung von Jan Delay. Beide werden aber mit Gewissheit nicht binnen Jahresfrist Casper-groß.

Abseits der Klubs und noch tiefer im Untergrund werden Labels wie Not Not Fun samt Sublabel 100% Silk, Tri Angle, Hippos In Tanks, Mexican Summer und Co. weiterhin viel Raum für Experimente bieten und die Herzen von Musikblogs höherfliegen lassen. Zu diffus und vielfältig Objekt – The Goose That Got Awayscheinen aber die Ansätze, um sie hier auf einen Nenner bringen und aus dem Millionen-Reservoir an spannenden Künstlern viele nennen zu können. Zumindest von Hype Williams (neuerdings auf Hyperdub), peakingNguzunguzu und Fatima Al Qadiri verspricht man sich innovative Motive und spannende Querverweise. Ob sie den Vorschusslorbeeren gerecht werden?

Vielleicht bietet es sich an, weiterzudenken, ob nach dem Arabischen Frühling endlich auch einmal orientalische Songs den Westen erobern, oder ob der Tanzbefehl des Moombahton doch noch zur Salonreife erwächst? Gewiss ist das alles nicht, jedoch, dass 2012 wieder ein spannendes Musikjahr wird – bis dann im Dezember möglicherweise die Mayas doch recht hatten und die Menschen samt Musik für immer verstummen.

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4 Kommentare zu “Das Musikorakel: Neue Bands für 2012”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Ich muss sagen, dieser Michael Kiwanuka gefällt mir wirklich gut – nicht nur als Major-Thema;) Ansonsten freue ich mich sehr auf die neuen Alben von Ceremony, Peaking Lights und The Men.

  2. Lennart sagt:

    Peaking Lights machen auch mich ein wenig wuschelig. Un der Artikal, der stellt einen guten Rundumschlag dar. Fein!

  3. Pascal Weiß sagt:

    Worauf ich mich derzeit wirklich freue: Bear In Heaven. Zumindest wenn sie ansatzweise so auftrumpfen wie im Sommer 2010 auf dem Haldern. Dann dürfte es die tolle „Beast Rest“ sogar deutlich toppen.

  4. […] Debüt „Strange Songs (In The Dark)“ noch ein gutes Stück an No Age erinnerten und uns Anfang des Jahres die bloße Verortung in ihrer lokalen Punk/Hardcore-Szene entlockten, wirkt es, als hätten sie auf […]

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