Ani Up Suf Walk Gang (II): Leberkäse & Körperclown

Die ersten Tage mit Fucked Up und Animal Collective waren ein aufregender Start in das selbstgemachte Festival, nun führt der Weg nach Berlin. Auch hier nicht gänzlich ohne Komplikationen.

Der Wecker klingelt mittags. Unbedingt noch zwei, drei Songs der neuen Fleet Foxes, fertig machen, packen und in letzter Hetze zwei Leberkäsebrötchen beim Lieblingsimbiss um die Ecke abstauben. Der Astra-Aktivist ist derweil schon am Gleis. Was wir beide nicht bedacht haben: Morgen ist Pokalfinale. Und da die Blauen ja sonst nicht viel zu lachen haben, strömt die ganze Meute nach Berlin. Denn in diesem Wettbewerb hat man, das lässt sich historisch belegen, eine theoretische Chance auf den Titel.

Da der Zug nach Minden mitten aus dem Ruhrgebiet kommt, sind die Duisburg-Fans ebenfalls in diesem RE, der restlos überfüllt ist. Und in dem Betrunkene erste Lieder anstimmen. Für einen kurzen Moment aber setzt das Modell Zweckler Matte hinter mir sein Bier ab, stößt seinen Nebenmann an: „Hömma, wat wärst Du neidisch, wenn Du sehen würdest wat Ich hier sehe.“ Ich hebe kurz den Arm und grüße mit besagtem Leberkäsebrötchen zurück. Erstmal Ruhe jetzt.

Die Fahrt zieht sich. Die Luft ist stickig. Als wir endlich in Minden ankommen, haben wir eine halbe Stunde Zeit, die wir nutzen, um uns am Kiosk ein wenig einzudecken. Im Spielcasino nebenan strebe ich den Gang zur Toilette an, die Blase drückt. Kaffee. Unheimlich hier: Erst sagt die durchschnittlich nette, weniger junge Dame, das Klo sei besetzt, ich müsse am Ende des Ganges warten. Tatsächlich ist die Tür abgeschlossen. Doch ohne dass jemand hier die Toilette verlässt kommt eben besagte Dame mit dem Schlüssel auf mich zu, gibt ihn mir und verkündet, das Klo sei nun frei. Urplötzlich wird sie lauter, als ich kurz auf mein Handy schaue, um die Uhrzeit zu erfahren. Gar hysterisch maßregelt sie mich: „Machen Sie sofort Ihr Handy aus. Sofort.“ An diesem Punkt hake ich noch immer: Versteht ihr das? Mehr als leicht beunruhigt öffne ich die Tür. Augen zu und durch. Keiner drin. Lange, das kann ich euch sagen, brauche ich jedenfalls nicht, bis ich aus diesem schaurigen Schuppen wieder verschwinde. Natürlich nicht, ohne mich artig zu bedanken.

Als wir lediglich mit einer halben Stunde Verspätung in Berlin bei unseren lieben Kollegen (auch hierfür nochmals vielen herzlichen Dank!) eintreffen, ist die Bude schon voll. Eine amüsante Runde in der Küche. Das Astra Kulturhaus ist keine 300 Meter entfernt, man lässt sich Zeit. Erst nach elf machen wir uns auf den Weg zum Melt! Klub Weekender, Animal Collective sollen um Mitternacht beginnen. Am Ende der Show, die zumindest einer aus unserer Runde körperlich nicht bis zum Ende durchsteht, fallen die Reaktionen ähnlich aus wie in Köln: Es gibt wenige Leute, die erklären, dass das alles schon ein wenig überfordert, und viele, die aus dem Grinsen nicht mehr heraus kommen: „Wir haben die Band ja wirklich schon einige Male gesehen, aber sowas?“

Nach dem Konzert nutze ich die Gelegenheit, eine sympathische Mitarbeiterin des Domino-Clans kurz über das virtuelle Tagesgeschäft hinaus kennenzulernen. Auch sie schwärmt von der Band. Aber nicht, weil sie das tun müsste. Es war heute tatsächlich ihr erstes Mal. Ein erstes Mal der seltenen Sorte, wohlgemerkt. Der berauschenden. Und das, obwohl Animal Collective sich heute rausnehmen, sogar in der umjubelt geforderten Zugabe unbekanntes Material zu spielen, obwohl sie nicht nur mit „Fireworks“, „Peacebone“ oder „My Girls“ noch zahlreiche Jahrzehnt-Hits in petto gehabt hätten. Probleme mit dem Selbstbewusstsein haben die Jungs nicht, so viel ist sicher.

Danach ziehen wir wieder durch die Straßen. Das Schlimme vorweg: Die Kicker-Serie hält an. So richtig weiß ich nicht, woran das liegen mag, aber nach einem überragenden Jahr fehlen die Überraschungsmomente. Selbst gegen Leute, die „schon mal gekickert haben“ fällt einem nichts mehr ein. Egal, Sommerpause. Nach einem weiteren Bier in der Pinte und einer gemütlichen Runde in einer zu einem Tonstudio umfunktionierten WG eine Etage tiefer fallen wir in die Betten. Ich bekomme nicht mal den ersten Song der tollen Thurston Moore mit, die noch über die volle Distanz durch die In-Ears in meine Lauscher dringt.

Tags drauf heißt der Plan: Abklappern von Plattenläden. Ein amtlicher Fußmarsch ist angesagt. Von der Warschauer Straße über das Ostkreuz bis hin zum Prenzlauer Berg und über den Alex wieder zurück. Bevor es losgehen kann, suchen wir einen geeigneten Laden für unser Frühstück. Direkt nebenan gibt es ausgepresste Orangen, anständigen Kaffee und – ganz groß! – Hackbällchen mit Couscous und unbekannten Gewürzen und Kräutern, hausgemacht, unglaublich lecker und inklusive dazugehörigen Salats für unter 2 Euro zu haben. Da kann man beileibe nicht meckern. Da geht noch ein weiteres.

Von den Plattenläden in Berlin sind einige zu empfehlen, heute ganz besonders das Freak Out, The Recordstore, Bis auf’s Messer und auch das HHV. Es vergehen einige Stunden, bis wir uns gemeinsam mit den Kollegen nach 20-minütiger Erholungsphase erneut auf den Weg machen: Ein kleines, inoffizielles Electro-Festival in den Untiefen von Neu-Kölln. Oder genauer gesagt: In einem vermutlich jahrzehntelang unbewohnten Schrebergarten. Auch wenn die Musik lange nicht so klingt: So ungefähr müssen die 60er ausgesehen haben. Menschen hocken zu fünfzigst auf den Dächern, denen man das gar nicht mehr zugetraut hätte, Leute haben Blüten in den Haaren, Seifenblasen steigen überall empor und das Volk tanzt bei Sonnenschein vor den großen Boxen und beiden Plattentellern. Hut ab, sowas bedarf einer soliden Organisation. Die Mädels und Jungs um mich herum lächeln. Oder verschwinden in den zahllosen Vorgärten.

Kurzfristig geht das Pils aus. Doch wir erinnern uns, eine Tanke auf dem Weg gesehen zu haben. Nichts wie hin. Mein Vorschlag: Es muss doch einen zweiten Ausgang geben. Wir laufen und laufen. Am Ende stehen wir … vor einem Maschendrahtzaun. Das darf doch nicht wahr sein. Nicht schon wieder. Der Astra-Aktivist ergreift dieses Mal zuerst die Initiative, ist längst drüben. Doch meine Kletter-Fähigkeiten sind auch heute so, dass „untalentiert“ noch schönmalerisch wäre. Nachdem ich eine Weile mit einem Bein über dem Zaun mit dem Gleichgewicht hadere, rolle ich mich etwas überambitioniert rüber und lande mit dem Rücken zur Laufrichtung in der Hocke auf dem Bürgersteig, ohne mich ernsthaft verletzt zu haben. Wieder gibt es Spott und Hohn: „Du bist solch ein Körperclown! Wie genau macht man sowas?“ Eine Antwort erwartet er nicht. Dafür aber gleich die hierzulande seltene Gelegenheit eines Konzerts von Gang Gang Dance. Euphorisiert und glücklich, erst recht nach diesem Schrebergarten, ziehen wir los.

2 Kommentare zu “Ani Up Suf Walk Gang (II): Leberkäse & Körperclown”

  1. […] an Bord. Kein ganz unerheblicher Faktor, denn stehen die letztjährlich auch auf deutschen Bühnen vorgestellten neuen Songs annähernd stellvertretend für das neue Album, könnte ihrem zugänglichsten Werk das […]

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