Electronic Beats in Köln: Schluss mit Merriweather

Wer hätte es sich vor ein paar Jahren träumen lassen, dass einmal dieses seltsam-noisige Quartett namens Animal Collective eine werbetragende Großveranstaltung wie das Electronic Beats Festival headlinen würde? Wohl kaum jemand, doch nachdem der Folk über die letzten beiden Alben stark abnahm und der Freak-Anteil spätestens auf „Merriweather Post Pavilion“ dem Format Popsong endgültig Platz machen musste, steht nun am 19. Mai die Frage im Raum – jener Raum ist das E-Werk in Köln – ob sich mit dem angekündigten neuen Material die Konsens-Vereinbarkeit fortsetzen wird oder ob Animal Collective der Tanzveranstaltung einen seltsamen Beigeschmack verpassen könnten.

Den Abend eröffnen Holy Ghost!, wie es mittlerweile für Dance-Acts auf James Murphys DFA-Label typisch ist auf dem Weg vom Studio zur Bühne zur fünfköpfigen Band angewachsen. Unübersehbar ist die Liebe des Duos zu Analog-Sounds anstatt rein digitaler Reproduktion, zwischen dem Gitarristen auf der rechten und Nick Millhisers Schlagzeug auf der linken Seite thront im hinteren Teil Bühne ein dicker Synthesizer-Kasten, dessen Kabel immer wieder zum Erzeugen anderer Sounds von Hand umgesteckt werden. Alex Frankel als Gear-versessenen Nerd zu bezeichnen käme beim Anblick des athletischen Sängers spontan niemandem in den Sinn, im eng anliegenden T-Shirt bleibt er konstant in Bewegung als wäre er gerade selbst animierter Clubbesucher, zuckt dafür mindestens mit Bein und Kopf im Takt und haut auch einmal zu Beginn eines Stücks den Mikrofon-Ständer mit einer sauberen geraden Rechtshand um. Auf den Rest der noch spärlich gefüllten Halle will diese Energie aber nicht überspringen. Vielleicht ist es noch zu früh dafür, vielleicht liegt es auch daran, dass die mittleren bis höheren Klangbereiche so laut gedreht sind, dass der New Yorker Disco-Pop unangenehm nach Großraum-Prollclub dröhnt.

Danach geht alles ganz schnell, von Soundeffekten begleitet verkündet eine zackige Leinwandanimation den Fortlauf des Programms während die Bühne in Windeseile für Planningtorock freigemacht wird, begleitet vom DJ-Set der in einer seitlichen Empore thronenden Ada. Irgendwo in dieser Umbauhektik ist allerdings ein wichtiges Detail übersehen worden: Als ein mehrminütiges Saxophonsolo den Auftritt von Planningtorock eröffnet, hört man dies dank der Klangmacht des Blechinstruments zwar direkt von der Bühne, jedoch nicht aus den Lautsprechern. Vom Mikrophon-Defekt unbeirrt betritt Janine Rostron mit voller Gargoyle-Gesichtsprothese die Bühne und als ihre Kompositionen endlich in all ihren Nuancen hörbar sind, zeigt sich der kunstvolle Pop erfreulicherweise etwas einladender als auf dem kühl inszenierten Album „W“. Zwischendurch kommt sogar bei „Living It Out“ ein Zucken in die Beine, das geht aber dann doch nicht soweit, dass irgendwer Lust hätte, sich im Anschluss Nouvelle Vague anzutun.

Klarer Höhepunkt des Abends sind wie zu erwarten Animal Collective, die kurz nach Mitternacht für einige Überraschungen sorgen. Ok, dass Deakin nach Familienpause wieder mit an Bord ist und dass dies sicherlich auch Einfluss auf die weitere Entwicklung haben würde, war noch zu erahnen. Mindestens erstaunlich ist es aber dennoch, dass von der „Merriweather“-Band keine Spur mehr zu sehen ist. Panda Bear sitzt von nun an hinter den Drums und hämmert sich die Seele aus dem Leib, während Deakin hüpfend und sichtbar zufrieden die Gitarre schwingt, Geologist traditionell mit Grubenlampe ausgestattet für quietschende Synthiesounds sorgt und Avey Tare so wild ins Mikro kreischt wie lange nicht mehr. Er singt die meisten der neuen Songs – und das ist auch das Stichwort an diesem Abend, denn abgesehen von abermals veränderten Versionen von „Brother Sport“ oder „Summertime Clothes“ gibt es mit wenigen Ausahmen fast über die gesamte Distanz nur neue Stücke zu hören.

Streckenweise vage an die Tribaldrums von „Feels“ erinnernd, zeigt sich die Band so dynamisch wie in den abgedrehteren Stücken der „Strawberry Jam“, gepaart mit der Experimentierfreude der allerersten Veröffentlichungen. In psychedelisch zuckender Lichtshow mischen sich mit „Did You See The Words?“ und dem schon ewig nicht mehr gesehenen „We Tigers“ noch zwei alte Bekannte in das Programm, die aber streckenweise bis zur Unkenntlichkeit verändert wurden und vorzüglich in das treibende neue Konzept passen. Eines ist seit heute Abend sicher: Wenn die Band diese Energie auch auf Platte umgesetzt bekommt, dann dürfen wir uns darauf mindestens so ausgiebig freuen wie im Vorlauf zu „Merriweather Post Pavilion“. Nur diejenigen, die eben genau jenes Album noch mal erwarten, die – so viel scheint sicher – werden von dieser sich stetig selbst neu definierenden Truppe bitterlich enttäuscht. (Uli Eulenbruch & Pascal Weiß)

3 Kommentare zu “Electronic Beats in Köln: Schluss mit Merriweather”

  1. virginia sagt:

    Bei Planningtorock muss ich irgendwie immer an Star Trek denken

  2. […] ätherischen Projektionen der Joshua Light Show fühlte man sich nicht selten an die letzten Auftritte von Animal Collective […]

  3. […] Jahr, im Anschluss an den Headliner-Auftritt, ergab sich in Köln ein prototypisches Sinnbild: Während die eine Hälfte hocheuphorisiert durch die Gänge […]

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