Ein leichtes Wabern. Leise, nicht zuzuordnende Töne. Irgendwann dann Avey Tare, der vorsichtig seine Stimme erhebt. Der Beginn einer Platte, die schon vor dem Release Date so viel mehr Aufsehen erregen sollte als jemals anzunehmen war – aberwitzige Leute, die seit mehreren Monaten Tag für Tag schreiben, die Platte sei geleakt, sind ja noch im Bereich des Üblichen. Dass es dann aber tatsächlich solche Freaks gibt, die sich in die Email-Konten der Bandmitglieder hacken, um der Plattenfirma mitzuteilen, die mögen das gesamte Werk doch bitte ins Netz stellen, grenzt dann doch schon an Wahnsinn. Kurze Zeit später, ziemlich genau nach 2:30min, explodiert der Opener. Dann, als sei nichts gewesen, kehrt die Ruhe zurück.

Als sich Animal Collective irgendwann um die Jahrtausendwende gründeten, war nicht zu erahnen, wie sehr sie dieses Jahrzehnt prägen würden. Ihr erstes Album, „Spirit They´re Gone, Spirit They´ve Vanished“ erschien noch unter dem Namen Panda Bear & Avey Tare und erfordert trotz einzigartiger Momente die Nerven eines Domian. Im Laufe der Jahre gesellen sich Geologist und Deakin‘ hinzu. Zweiterer hat sich laut Band-Aussagen seit einiger Zeit zurückgezogen. Vielleicht mit der Vorahnung, dem großen, nun herrschenden Trubel um die Band aus dem Weg gehen. Von Beginn an haben Animal Collective eine unglaubliche Menge an Output vorzuweisen. Seit ihrem 2003er Werk „Here Come The Indian“, spätestens aber seit dem kein Jahr später folgenden „Sung Tongs“, werden sie zu Kritikerlieblingen. Dabei – und das hat bis heute Bestand – wiederholen sie sich nicht ein einziges Mal, sondern definieren sich im Gegenteil immer wieder neu. Der Nachfolger zum – wie sollte es anders sein – überaus großartigen „Strawberry Jam“ steht nun in den Läden. „Merriweather Post Pavilion“ heißt das gute Stück Musikgeschichte und hat mit seinem Vorgänger nun wahrlich gar nichts mehr gemein!

Animal Collective schaffen es passend zum Ende des Jahrzehnts, jede einzelne ihrer Stärken auszuspielen und sie zu einem so nicht für möglich gehaltenen Werk zu formen. Hauptverantwortlich dafür ist das perfektionierte gesangliche Zusammenspiel von Panda Bear und Avey Tare, die sich gegenseitig so sehr fordern und anstacheln, wie es sonst nur ganz wenigen Größen wie Lennon/McCartney oder Morrissey/Marr vor ihnen zu leisten imstande waren. Als eindrucksvolles Beispiel hierfür kann wohl „Summertime Clothes“ gesehen werden, bei dem die beiden sich zu immer größeren Leistungen anspornen und nicht erst im grandiosen Finale „I want to walk around with you“ so viele Endorphine ausgeschüttet werden, dass man eigentlich für Wochen keinen Sex braucht. „Taste“ schlägt sich nicht minder schlecht und entwickelt sich, am Anfang ganz unmerklich, zur reinsten Ekstase, wobei Panda und Avey größtenteils in völlig voneinander unabhängigen Melodiebögen schwelgen, die erst nach einer Vielzahl von Durchgängen preisgeben, wie sehr sie sich trotz oder gerade eben wegen ihrer Diversität anziehen. Dann aber sind sie für immer nicht mehr voneinander loszueisen. „Am I really all the things that are outside of me?“

Das Famose ist zudem, dass trotz diesem wirklich herausragenden, klar im Zentrum stehenden Duo noch nie so viel Freiraum für den bei Live-Auftritten stets mit einer Grubenlampe ausgestatteten Soundfrickler Geologist war. Die Akustik-Gitarren von „Sung Tongs“ sind längst verschwunden, überhaupt ist hier wenig Platz für traditionelle Instrumente. An deren Stelle tritt nun eine riesige, elektronische Spielwiese, die nicht nur für sich gesehen an allen Ecken und Enden und in sich verschachtelt schon genug bereithält, dass unzählige Hördurchgänge benötigt werden, diesem auch nur ansatzweise gerecht zu werden, sondern darüber hinaus als Gegenpart zu den fast schon an Simon & Garfunkel erinnernden Gesangsharmonien fungiert und dem Ganzen dann die gewisse Portion „Extraordinary“ verleiht.

Besonders erfreulich ist die Tatsache, dass die Band den Schwung und diese nicht enden wollende, pure Euphorie von Pandas Solo-Meisterwerk „Person Pitch“ komplett hat mit einfließen lassen. So wünscht man sich zu jeder Zeit einen dieser großen Gummibälle, auf denen dann passend zum Beat so lange durch die Gegend gehüpft wird, bis die Muskeln einfach nicht mehr mitmachen. Überhaupt trägt „Merriweather Post Pavilion“ eine kindliche Naivität aber auch reinste Form der Freude in sich. Es erscheint unmöglich, bei „My Girls“ nicht mitsingen zu wollen. Selbst das anfangs sehr zurückhaltend aufgenommene „Daily Routine“ geht einem früher oder später nicht mehr aus dem Kopf. Der absolute Ohrwurm aber, der ist mit „Brother Sport“ freilich ganz am Ende der Platte platziert: „Upon up your, upon up your…“ – mal sehen wie lange es dauert, bis sich der erste beschwert, dass er für den Rest des Tages diese Zeilen nicht mehr los wird.

Wer anfangs nicht den rechten Zugang zu „Merriweather Post Pavilion“ finden mag, dem sei gesagt, dass es, selbst wenn viele der Songs schon seit weit über einem Jahr von ihren Live-Konzerten und YouTube-Ausschnitten bekannt waren, zahlreiche Durchgänge erfordert, dieser unglaublich dichten Scheibe auf die Schliche zu kommen. Animal Collective, das war allerdings auch schon vorher klar, werden als eine der wegweisendsten Bands der 00er Jahre in die Geschichte eingehen.

9.3 / 10

Label: Domino

Spieldauer: 54:48

Referenzen: Panda Bear, Avey Tare, Akron/Family, Yeasayer, High Places, The Beach Boys, The Beatles, Of Montreal, The Fiery Furnaces, Dan Deacon

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 09.01.2009

4 Kommentare zu “Review: Animal Collective – Merriweather Post Pavilion”

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  2. […] steht im Zentrum von „Centipede Hz“. In Form eines hämischen Gelächters, das über ganz Merriweather hinweg(g)rollt. Das bereits in den ersten dreißig Sekunden dieses Beinahe-Rockalbums seine Fratze […]

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