Pop + Poesie


Der Liedschatten (XVII): Oh, wie schön ist Paloma

Der Liedschatten (XVII): Oh, wie schön ist Paloma

Beinahe möchte ich dem Freddy danken, doch halt, hat er mich nicht schon an anderer Stelle des Öfteren erzürnt, ja gar erbost mit seinen Lieder voller Schwurbeleien hinsichtlich Fremde und Ferne, die ja umso exotischer ist, je beschränkter man sie zeichnet? Und wird er nicht eh bald schon wieder an dieser Stelle auftauchen, hatte er nicht geradezu unzulässig viele Nummer-Eins-Hits? Bleiben wir ihm so lange fern, wie es uns möglich ist. Heute geht es um seinen achten Charttopper „La Paloma“, einen wirklichen Evergreen der Weltmusik und Musikwelt, nicht um ihn.

Ein kleiner Exkurs oder: “La Paloma”, Weltmusik in Reinform

Geschrieben wurde „La Paloma“ von Sebastián de Yradier, einem spanischen Komponisten des 19. Jahrhunderts, dessen Ruhm sich vor allem auf diesem einem Stück begründet, auch, wenn man aufgrund der weltweiten Verbreitung den Eindruck gewinnen könnte, es handele sich dabei um ein Traditional. Inspiriert wurde es von der Habanera, einer afrokubanischen Liedform aus Havanna. Ihre Wurzeln hat sie allerdings in einem aus dem ländlichen England hervorgegangenen europäischen Gesellschaftstanz, dem Konter- oder Kontratanz. Dieser wurde populär in Formen wie der Quadrille – ursprünglich ein improvisierter Tanz mit einem im Spagat endenden Solo und dem Herabstoßen des Hutes eines männlichen Tanzpartners durch den gestreckten Fuß der Tänzerin (woraus sich der Cancan entwickeln sollte) – und der Anglaise, Sammelbegriff für verschiedene einfache, lebhafte Gruppentänze.

Nach Cuba gelangte er schließlich im Zuge der erfolgreichen Sklavenrevolution in Haiti 1791, durch die sich die ehemaligen französischen Kolonialherren gezwungen sahen, die Insel zu verlassen. Es lässt sich nämlich schwer Herr sein, wenn niemand mehr als Gegenstand der Herrschaft dienen möchte.

In Cuba erfuhr der Kontertanz in Verbindung mit der Musik afrikanischer Sklaven und spanischer Kolonialherrscher eine Umbildung zum Habanera (von Havanna), bei dem nicht nur getanzt, sondern auch gesungen wurde. Eine weitere Neuerung ist die Triole, ein musikalisches Stilmittel, bei dem meist drei Noten aufeinanderfolgen, die aber nur die Dauer von zwei Noten besitzen. Charakteristisch für die Habanera ist auch ein 2/4-Takt mit punktiertem erstem Viertelschlag. Es findet dabei eine Akzentverschiebung statt, die erste Viertelnote wird länger und stärker betont, das Stück wirkt dadurch lebendiger, spannungsvoller. Bekannt wurden der Begriff und die Form Habanera auch durch die gleichnamige Arie aus Georges Bizets Oper „Carmen“, hier in einer Interpretation der Muppets zu hören.

Interessant ist, dass es sich dabei um die Adaption des zweiten bekannten Stückes Yradiers handelt, „El Arreglito“, von dem Bizet glaubte, es sei ein Volkslied, was einer gewissen Ironie nicht entbehrt, scheint Yradiers doch zumindest zwei Werke von, pathetisch gesprochen, geradezu Menschen verbindender Bedeutung geschaffen und genau deswegen jeden Anspruch auf Autorenschaft und Ruhm verloren zu haben.

Freddy Quinn “La Paloma”, September 1961

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Weit über 2000 Versionen des Liedes „La Paloma“ sollen existieren, wobei interessant ist, dass Text, Verwendung und Bedeutung nicht nur stark variieren, sondern sich grundlegend unterscheiden können. Dass es im deutschsprachigen Raum für Seemannsromantik steht, liegt an Freddy Quinn und Hans Albers, die es in ihren oftmals mit diesem Klischee angefüllten Schlagerfilmen vortrugen.

Der gegen den Willen der Bevölkerung durch Frankreich in Mexiko als Kaiser eingesetzte Maximilian äußerte laut einer Legende vor seiner Hinrichtung den letzten Wunsch, „La Paloma“ zu hören, zumindest aber soll das Lied bei der Ausschiffung des Sarges des Habsburgers erklungen sein. Maximilian stammte aus Österreich und es heißt, aus Gründen der Pietät würde es seitdem auf keinem österreichischen Schiff gesungen werden. Die in Mexiko verbreitete Version unterscheidet sich auch heute noch sehr stark von der hiesigen.

In allen Variationen und Bearbeitungen handelt das Lied von Sehnsucht und Hoffen, egal, ob der Anlass eine Beerdigung (Rumänien) oder eine Hochzeit (Sansibar) ist. Vielleicht ist das verwendete Symbol, La Paloma, die Taube, einfach zu universell. Die Antike sagte dem Tier aufgrund der fehlenden Gallenblase ein sanftmütiges und argloses Wesen nach, in der Bibel bringt eine von Noah ausgesandte Taube einen Ölzweig zurück, sie hat also Land gefunden und kündigt damit ein Abklingen der Sintflut an, die ja aus dem Zorn des alttestamentarischen und damit auch jüdischen Gottes resultierte. Auch der heilige Geist der Christen, Teil der mystischen  Dreieinigkeit ihres Gottes, wird als Taube dargestellt. Hier gibt’s noch mehr Informationen zu diesem offenbar äußerst beliebten Tier, dem elementaren Bestandteil eines Liedes, das man auch im Afghanistan der 70er zu schätzen wusste:

Bei näherer Beschäftigung entwickelt La Paloma eine Vielfalt, der man an dieser Stelle nicht gerecht werden kann, vielleicht auch, weil der Reiz, sich an Kuriosem und Merkwürdigen aufzuhalten, zu groß ist. Andere aber brachten Ausdauer und Zeit dafür auf, empfohlen seien an dieser Stelle besonders die 6teilige Anthologie des Labels Trikont und Sigrid Faltins Film.


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