OK, um das irgendwo zwischen schlecht designtem 90er Jahre PC-Rollenspiel und Grabstein changierende Coverartwork hüllen wir besser mal gleich zu Beginn den Mantel des Schweigens. Schließlich geht es hier um DIE Discosensation der letzten Jahre, da soll uns so ein kleiner Fehlgriff doch nicht den Spaß verderben.

Mit ihrem Debütalbum jedenfalls sprangen Hercules & Love Affair souverän in die Bresche, die der langsam auslaufende Ed-Banger-Hype damals hinterließ und setztem der stumpfen „Auf die Fresse“-Attitüde der Franzosenbengel ihren ganz eigenen, quietschbunten und explizit schwulen Retrodisco-Entwurf entgegen. Ein Segen für all jene Partypeople, die keine Lust hatten wieder dem manchmal doch etwas humorlosen Dogmatismus der Berliner Minimal-Adepten zu verfallen. Der Jahrzehnthit „Blind“ with a little help from Antony Hegarty tat sein Übriges. Discomusik, die auch überall sonst funktionierte, Pop, zu dem man auch im Club steilgehen konnte.

Im Jahr 2011 nun stehen die Vorzeichen für das lose Kollektiv um Kim Ann Foxman und Andy Butler ähnlich gut, denn der Bedarf nach scheuklappenfreier, weltumarmender Tanzmusik ist in den letzten drei Jahren sicherlich nicht geringer geworden, sodass „Blue Songs“ auch ohne die beiden Starvokalisten Nomi Ruiz und eben Antony eine gehörige Klotz an Erwartungen entgegenschlägt. Und als hätten sie das gewusst, verschieben die beiden dann auch gleich erstmal ihre groben Koordinaten von den späten 70ern in die mittleren 80er Jahre. Der Eröffnungstrack „Painted Eyes“ hinterlässt dem Debütalbum nochmal einen warmen streicher- und klarinettengetränkten Gruß (ohne, dass es im weiteren Verlauf jemals ganz aus den Augen verloren würde) bevor dann „My House“ mit mächtigem Kawumm die neue Marschrichtung bekannt gibt: House, und zwar nicht Minimal- oder Tech-House, sondern genau jener, wie ihn sich Typen wie Frankie Knuckles damals in Chicago erdachten. Hercules & Love Affair plündern munter weiter die Geschichte und sind dabei nach Disco bei der anderen großen schwulen Subkultur angelangt. So findet man auf „Blue Songs“ neben klassisch schwülen Discofunkvehikeln wie „Leonora“ und „Falling“ eben auch pornobebrillte Vocalhousenummern, die sich für ein wenig 80er-Cheesiness nie zu schade sind oder die, wie das technoid pumpende „Visitor“, gleich ganz tief in die Rave-Effektkiste greifen.

Gestört wird dieser ausgelassene und schamlose Hedonismus, bei dem es bald jeder mit jedem treibt nur an wenigen Stellen. Genauer gesagt einmal in der Mitte des Albums,  wo Hercules & Love Affair sich an ruhigeren Tönen versuchen. Das zentral platzierte „Boy Blue“ sowie „Blue Song“, das sich mehr oder weniger gelungen an so etwas wie Acid Jazz versucht, wirken dabei im Albumkontext leider wie die humorlose Nachtstreife, die inmitten der langsam ausufernden Party nach dem Rechten schaut. Das neue Team am Mikrofon, allen voran die androgyne Aerea Negrot, erledigt seine Arbeit indessen durchaus ansprechend, lässt aber hier und da – wie sollte es auch anders sein –  den Glamour eines Antony Hegarty vermissen. Lediglich der ständig überambitionierte Kele Okereke untermauert im plastikhaften „Step Up“ abermals seinen Status als derzeit größte Nervensäge im Popbusiness. Insgesamt also ein etwas inkonsistentes Gesamtbild, welches „Blue Songs“  hinterlässt, was aber am Ende wenig daran ändert, das Hercules & Love Affair immer noch den mitunter hoffnungsvollsten, herzlichsten und schlichtweg besten Dancepop machen, den man sich derzeit überhaupt vorstellen kann. Das hier ist Tanzmusik für eine bessere Welt, wie es uns die stilechte und gänzlich beatlose Coverversion des Sterling-Void-Klassikers „It’s All Right“ ganz am Ende der Platte nochmal glaubhaft und eindrucksvoll verdeutlicht.

75

Label: Cooperative

Referenzen: Metro Area, Frankie Knuckles, Lindstrøm & Christabelle, Kelley Pollar, The Juan MacLean, The Phenomenal Handclap Band, Whirlpool Productions

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VÖ: 28.01.2011

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