Dass besonders in hochaktiven Veröffentlichungsphasen wie im April/Mai, wo eine herausragende Platte die andere jagt, viele besprechenswerte Platten nicht zum Zuge kommen, finden wir nicht weniger schade als ihr. Deswegen haben wir uns entschlossen, von jetzt an in der Reihe „Gehacktes“ Kurzrezensionen einzuführen – zusätzlich zu den gewohnten ausführlichen Texten natürlich, die euch weiterhin erhalten bleiben werden. Los geht es heute mit Low, Kaboom Karavan, Art Department und Bass Drum Of Death.

Low – C’Mon

Ihren Status als Ausnahmeband unterstrichen Low mit ihren letzten beiden Alben nochmal ganz ausdrücklich, indem sie, die ungekrönten Könige des kargen Slowcore, ihren Sound plötzlich öffneten und mehr Dynamik („The Great Destroyer“) bzw. zaghafte elektronische Elemente („Drums & Guns“) zuließen. Auch „C’Mon“ ist ein ganzes Stück weit von der Hoffnungslosigkeit und Sprödheit ihrer Frühwerke entfernt. Die Kirche, die man jedem der Vorgängeralben gerne erbaut hätte, ist hier zur amtlichen Kathedrale angewachsen. Nicht weniger geduldig, aber wesentlich opulenter als früher erheben sich Songs wie „Try To Sleep“ zu majestätischer Größe. Ein Glockenspiel sorgt im Hintergrund für beinahe weihnachtliche Atmosphäre.

Angst vor großen Gesten scheint die Band jedenfalls keine mehr zu haben, denn wie ließe sich Alan Sparhawks mit einigem Pathos darniedergelegtes „My Love is for free!“ in „$20“ anders erklären. Auch das von „The Great Destroyer“ wohlbekannte, öfter mal durchgedrückte Fuzzpedal spielt hier wieder seine Rolle und sorgt, wie in „Witches“ (wunderschön: das gegen das übermächtige Feedback anspielende Banjo), für einige der lautesten Low-Momente überhaupt. Leider wird die eigentliche, stille Schönheit dieser Band, die sich meistens wie ein zart aufblühendes Pflänzchen aus dem kalten Endzeitszenario schält, von dieser Last oftmals ein wenig erdrückt, so dass „C’Mon“ ganz am Ende zwar als vielleicht zugänglichstes aber sicherlich nicht bestes Album der langen Low-Diskographie dasteht. Bei so einer Ausnahmeband muss das allerdings wirklich nicht viel heißen. (Bastian Heider)

Referenzen: Codeine, Savoy Grand, Galaxie 500, Wye Oak, The White Birch

VÖ: 15.04.2011 | Label: Sub Pop | Links: Homepage / Albumstream

Kaboom Karavan – Barra Barra

Willkommen im Klangkabinett von Bram Bosteels und Stijn Dickel, denen Improvisation Struktur genug ist. Die beiden Belgier sind avantgardistische Künstler, umtriebig zwischen Film und Theater unterwegs und immer auf der Spur nach neuen Möglichkeiten. Entsprechend gerät dieses Album zu einem wahren Konglomerat an spinnerten Klängen, die besonders Liebhaber des Freejazz des norwegischen Labels Rune Grammofon leuchtende Ohren verschaffen werden.

Andere sind wohl schnell überfordert, wenn das Schnarchen von Braunbären imitiert wird oder das dämonische Quietschen einer rostigen Lampe, deren Schaukelgeräusche das einzige Lebenszeichen nach einem Film-Mord sind. Dazwischen: Field Recordings aus der Gerümpelkiste der Neubauten und zersägten Laptops von Bohren, flüsterndes Rascheln, dumpfe Schläge, röhrende Geigen und verwirrte Stoßlaute, die sich psychotisch verschlungen Freiraum erkämpfen. Es scheint, als hätten sich Kaboom Karavan verboten, Instrumente im üblichen Sinne klingen zu lassen. (Markus Wiludda)

Referenzen: Supersilent, Bohren & Club of Gore, Ken Vandermark, Einstürzende Neubauten, Ø

VÖ: 08.04.2011 | Label: Miasmah | Links: Homepage / Albumstream

Art Department – The Drawing Board

Kartoffeln – wer gern kocht, wird sie schätzen, und das nicht trotz, sondern aufgrund einer langen Geschichte der Kultivierung. Ob es zulässig ist, souligen House mit schnöden Kartoffeln zu vergleichen, wissen wir nicht. Art Departments „The Drawing Board“ aber ist ebenfalls das Ergebnis einer fortschreitenden Kultivierung, nämlich der des House.

Der Gesang beim Opener „Much Too Much“ scheint eher zu einer erdschweren Ballade voller Resignation und Bläsern als zu einem federnden Clubtrack mit Synthieschwirrerei zu passen. Die sich daraus ergebende Irritation kann aber nur so lange aufrechterhalten werden, wie man sich der permanenten Spannung entziehen kann. Klug und schräg geht’s stampfig weiter, „Tell Me Why (Part I)“ ist spooky Hedonismus, obendrauf gibt’s wieder eine trauernde, leicht tranige Stimme. Für Schönheit sind die Synthiesounds zuständig, der Beat treibt hüpfig und der Gesang haucht deepe Seele ein. Hier gibt’s mehr Klang als Wohlklang, Reizvolles statt Reizendem. Und die letztjährige Single „Without You“ ist noch immer ein Hit. (Lennart Thiem)

Referenzen: Mr. Fingers, Soul Clap, Frankie Knuckles, Benoit & Sergio, Phuture, Loose Joints

VÖ: 21.04.2011 | Label: Crosstown Rebels | Links: Facebook

Bass Drum Of Death – GB City

Das altehrwürdige Blues-Label Fat Possum hat sich innerhalb nur weniger Monate einer radikalen Verjüngsungskur unterworfen, indem es sich ein stattliches Lineup aus jungen Bands irgendwo zwischen Indie- und Garage-Rock einverleibt hat. Das ist mal mehr (Yuck, Smith Westerns), mal wie im Fall von Tennis oder diesem Chicagoer Duo deutlich weniger aufregend.

Auf ihrem Debüt demonstrieren Bass Drum Of Death, wie uncharismatisch Garage sein kann: Eine modische Rotbereich-Klapperproduktion uniformiert einfallslose Songs, die man auf einem ansonsten überragenden Album als Füller gerade noch verschmerzen könnte. Jahrzehntealte Blues- und Rock’n’Roll-Riffs werden durchexerziert ohne belebende Störfaktoren wie z.B. den versumpften Psych-Einfluss der letzten Jahre einzubringen, selten wird’s richtig ärgerlich, aber auch nie mehr als kompetenter Durchschnitt. Wenn es keine andere Garagenband auf der Welt gäbe, könnte man hier vielleicht aus Not zugreifen, da das Angebot aber mehr als reichhaltig ist gibt es kaum Anlass, das hier nicht links liegen zu lassen. (Uli Eulenbruch)

Referenzen: Japandroids, Black Lips, Cheap Time, Jay Reatard, The Hives

VÖ: 06.05.2011 | Label: Fat Possum | Links: Facebook / Albumstream

Ein Kommentar zu “Gehacktes! Aktuelle Alben im Schnellcheck”

  1. […] Stephen Malkmus & The Jicks, Shabazz Palaces, Bill Callahan, Iceage, John Maus, Zola Jesus, Low, Okkervil River oder Zomby, um mal einige zu […]

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