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Rezension: Wolf Parade – EXPO 86

Rezension: Wolf Parade - EXPO 86

Wie müssten sich wohl McCartney und Lennon gefühlt haben, hätte es zu Beatles-Zeiten ein alles beobachtendes und analysierendes Internet gegeben? Fanpaparazzo-Bilder bei Monogum, “I hate Yoko”-Facebook-Gruppen, aber vor allem die endlose Diskussion, die sich mit jedem neuen Werk in tausenden Foren aufs Neue entfachte: “Wer ist besser: John oder Paul?” Mit letzterem Vergleichszwang müssen Dan Boeckner und Spencer Krug seit jeher leben, auch das dritte Album von Wolf Parade wird von vielen in zwei Hälften betrachtet werden.

Dabei ist die Lösung des Konfliktes doch so einfach: Wer den Prog-Pop Krugs bevorzugt, ist mit Sunset Rubdown bestens beraten, wer Boeckners tanzbare Hymnen favorisiert, wird in den Werken der Handsome Furs sein Glück finden. Und Wolf Parade – nun, ist eben die Rockband für alle, die Wolf Parade mögen.

Jene Band setzt auf „EXPO 86“ den Versuch fort, auch auf Studioaufnahmen zu vermitteln, was für eine Wucht sie im Liveumfeld ist. Hallende Akkorde füllen von einem Lautsprecher zum anderen spannend den Raum, umranken Gitarrenläufe und die Stakkato-Synths Krugs in komplexem Spiel, angetragen und -trieben von, prominent wie nie zu hören, Arlen Thompsons muskulösen Rhythmen. Durch den Weggang von Zweitkeyboarder Hadji Bakara ist der Wolf-Parade-Sound kurioserweise eher dichter geworden, allerdings nicht durch Studio-Verschönerungen. Ähnlich wie bei Sunset Rubdowns „Dragonslayer“ wurde mit einem Minimum an Overdubs nur das live Reproduzierbare auf Tape gebannt. Man ist näher zusammengerückt.

Nicht so nah natürlich, dass die beiden höchst verschiedenen Sänger den Songs nicht jeweils ihren eigenen Stempel aufdrücken würden. Boeckners von Whiskey und Kippen aufgeraute Stimme entfacht ebenso ihren kühlen und doch so bodenständig-souligen Fluss, wie Krug in langgezogenen Vokalen tänzelt. Auch sind Boeckners Texte mit greifbarer Großstadt-Malaise und konkreten Bezügen (Orts- und Namensnennungen wie Orchard Road, Anastasia oder Cenetaph Park) gefüllt, Krugs hingegen von metaphorischen Tieren und den namenlosen, bloß als „you“ adressierten Objekten seiner Affektion, die auch physisch stets außer Greifweite scheinen und so vage umrissen sind, dass selbst vermeintlich reelle Figuren in seinen Songs einen traumartigen Charakter erhalten. Aber die Entwicklung von Wolf Parade ist eine des Zusammenwachsens, nicht der Ausdifferenzierung, und so spielen sich die beiden hier, beabsichtigt oder zufällig, thematische Bälle zu und scheinen sogar den Rollentausch zu üben.

Träume und Landschaftsbeschreibungen nehmen von Beginn an bei beiden zentrale Rollen ein, besonders Küste und Strand werden auffällig oft erwähnt. Dabei gilt der Strand nicht als Platz der Entspannung oder gar als plumpe Sommerassoziation, sondern als Zeichen weiter Entfernung zwischen zwei Orten, durch einen Ozean getrennt. Passend zur selten innehaltenden Musik tauchen immer wieder Straßen auf, als der Ort für Reisen in realen und metaphorischen Welten oder auch in „Palm Road“ diskreter Ort der Handlung.

„Oh You, Old Thing“ nimmt zart Abschied von einer Stadt, der der Erzähler fremd geworden ist. Überraschenderweise ist dieser aber Spencer Krug, der sich hier des wohl typischsten aller Boeckner-Themen annimmt. Im schmerzerfüllten „Yulia“ nimmt dafür Boeckner die Krugige Rolle des Sprechers ohne Gegenüber ein, als Astronaut ohne Sicherheitsseil, der Abschied von seiner Geliebten nimmt während er in die Kälte des Weltalls abdriftet.

Neben den möglicherweise Erinnerungen verarbeitenden Texten mutet auch die äußere Aufmachung von „EXPO 86“ vergangenheitsfixiert an: Der Titel eine Messe, mit der die Kanadier Kindheitserinnerungen verbinden. Das herrliche Artwork voller Jugendfotos. Scheinbar ein erneutes Auftreten der benebelten Nostalgie von Washed Out & Co., die momentan große Teile der Musikwelt durchzieht und in der Sounds vergangener Tage echohaft widerklingen. Doch derartigem Anhängen erteilt das für dieses Thema zentrale „Little Golden Age“ eine klare Absage, begreift Erinnerungen als etwas, das die Gegenwart informiert, sie aber nicht ersetzen kann:

„I don’t miss my little golden age / ‘Cause the body takes the heart / around from place to place / And this place still stands, this place remains unchanged / And you can’t go back/ oh, who’d want to anyway.“

So spielen Wolf Parade in ihrer stetigen Vorwärtbewegung denn auch weiterhin jenseits aller Trends. EXPO 86 sollte sich als ihr bisher stimmigstes Album beweisen, das man auch in 20 Jahren ohne Alterserscheinungen wieder auskramen kann.

Wertung: 80

Label: Sub Pop

Referenzen: Handsome Furs, Sunset Rubdown, Moonface, Atlas Strategic, Swan Lake

Links: Label, Myspace

VÖ: 02.07.2010


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3 Kommentare zu “Rezension: Wolf Parade – EXPO 86”

  1. Simon Bauer sagt:

    Die beiden Songs, die ich bisher gehört habe (“What did my lover say?”, “Ghost Pressure”) konnten mich noch nicht 100%ig überzeugen. Klingen IMHO ein bisschen ziellos. Ich hoffe der Rest kann da ein bisschen mehr. “At mount zoomer” war ja aber auch ein ziemlicher Spätzünder. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, oder so….

  2. Ähnlich war auch meine erste Reaktion, die Songs funktionieren einzeln nicht so gut wie im Albumzusammenhang. Ich erwarte auch voll und ganz, dass sie (wie so ziemlich alles, was die Beteiligten machen) noch weiter wachsen und ich die Wertung in zwei, drei Monaten leicht bereuen werde.

  3. Bastian sagt:

    Mir sind Handsome Furs und vor allem Sunset Rubdown mittlerweile eindeutig lieber als Wolf Parade. Und wo ich mit “At Mount Zoomer” schon nie wirklich etwas anfangen konnte, glaube ich auch nicht, dass das hier noch etwas wird.

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