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Rezension: Janelle Monáe – The ArchAndroid

Rezension: Janelle Monáe - The ArchAndroidWir vermuten: P. Diddy hat zwischen Shopping-Touren, Fashion Shows und Restauranteröffnungen doch noch mal Zeit gefunden, sich mit Musik zu beschäftigen und einen Blick in den Backkatalog seiner Bad Boy Records zu werfen und entsetzt festgestellt, dass es jetzt doch mal allerhöchste Zeit wird, ein qualitativ hochwertiges Produkt zwischen all die R’n’B-Heulbojen, minderbegabten MCs und selbst zusammen gebauten MTV-Retortenbands zu schleusen, um den Fortbestand seines Labels weiterhin zu rechtfertigen, denn bis in alle Ewigkeit den alten Notorious-B.I.G.-Kram neu aufzulegen, kann’s ja nun auch nicht sein. Praktischerweise hat einer seiner Helfershelfer bereits eine gewisse, vielversprechende Dame namens Janelle Monáe im Zuge ihrer EP „Metropolis: Suite I (The Chase)“ unter Vertrag genommen. Möge die doch nun mal zeigen, was sie so auf Albumlänge zu bieten hat. Und das tut sie, veröffentlicht mit „The ArchAndroid“ vielleicht nicht ganz das ambitionierteste Debütalbum, das die Welt je gesehen, aber doch mindestens das ambitionierteste Debüt, das der R’n’B je gesehen hat.

Das beginnt bereits mit dem Konzept: Mit „The ArchAndroid“ erzählt Monáe den zweiten und dritten Teil einer Sci-Fi-Saga, die sie bereits mit ihrer Debüt-EP begann. Im Jahr 2719 schlüpft sie in die Rolle der Cindi Mayweather, ein Android, der sich in einen Menschen verliebt, in einer Welt, in der derlei rassenübergreifende Liebschaften nicht gerne gesehen sind. Keineswegs präsentiert sich „The ArchAndroid“ aber als rein futuristisches Album. Zu Monáes popkulturellen und musikalischen Einflüssen zählen Star Wars und Metropolis ebenso wie Stevie Wonder, Prince, Alfred Hitchcock oder Salvador Dalí und so weigert sich „The ArchAndroid“ vehement dagegen, sich zeitlich oder stilistisch zuordnen zu lassen. Synthesizer und Stimmeffekte werden hier ebenso verwendet wie klassische Elemente des Rhythm & Blues, etwa Motown-Bläsersätze, die jedoch nie auf einen Retro-Effekt abzielen, sondern frisch und modern klingen. Die psychedelischen Orgel-Einsätze, Funk- oder Blues-Gitarren, die üppigen Streicher-Arrangements oder das Folk-Picking auf der Akustischen könnten im Kontext von „The ArchAndroid“ ebenso in den 60ern und 70ern stattfinden wie im Jahre 2719. Verwurzelt in Soul, Funk und Blues scheut sich Monáe nicht davor auch Electro-Pop, Punk oder Folk in ihren Sound Einzug halten zu lassen und Schubladen zu pulverisieren.

Man kann nun also versuchen, dem Sci-Fi-Opus zu folgen, alle Querverweise und Referenzen zu dechiffrieren und die Geschichte zusammen zu setzen, man kann es aber auch einfach sein lassen und sich stattdessen auf die Songs stürzen, die „The ArchAndroid“ kredenzt. Das ist der größte Verdienst des Albums: Trotz immensem kreativen Input, einer stattlichen Laufzeit inklusive Ouvertüren und Zwischenstücken und einer riesigen stilistischen Vielfalt, hat man es niemals schwer mit diesem Album, es wird nicht kompliziert oder anstrengend, sondern bleibt fokussiert, leicht und spielerisch und wirft ein ganzes Bündel Hits ab, die im Kontext des Albums ebenso reibungslos funktionieren wie ganz auf sich allein gestellt. Gleiches gilt für die Songs an sich: Sie schlagen immer wieder überraschende Haken, durchkreuzen Genres, entschleunigen das Tempo und ziehen wieder an und führen Details ins Feld, die man hier zuallerletzt erwartet hätte, und dennoch verlieren sie nie ihre Pop-Qualitäten aus den Augen; ein mitreißender Hook ist immer in greifbarer Nähe.

In der meisterlich arrangierten Song-Dramaturgie kommt Monáes stimmlichen Qualitäten stets die Schlüsselrolle zu. Mit souveräner Selbstverständlichkeit schlüpft sie problemlos in alle Rollen, die ihre Songs von ihr verlangen und bewahrt die stilistische Maßlosigkeit von „The ArchAndroid“ davor, auseinander zu brechen. Ihre Fähigkeiten beginnen bei kühlen Raps in „Dance Or Die“, reichen über sinnlichen Soul im psychedelischen „Sir Greendown“, kräftige Intonation im geradlinigen Rocksong „Cold War“ bis hin zu zuckersüßem Gezwitscher in Electro-Pop-Hüpfern wie „Wondaland“. Im skelettieren Groove von „Tightrope“ ist sie die Funk-Queen, der teuflische Basslauf von „Come Alive (War of the Roses)“ kitzelt die hysterische Punk-Furie aus ihr heraus, mit verfremdeter Stimme schmachtet sie sich in „Mushrooms & Roses“ durch einen heißblütigen Blues im Pilz-Delirium und im gigantischen 9-Minuten-Finale „BaBopByeYa“ gibt sie die Diva, die einen James-Bond-Soundtrack für das Jahr 2100 vorlegt. Kostümwechsel mitten im Song sind keine Seltenheit; „Faster“ und „Oh Maker“ beginnen zart und zurückhaltend, bevor plötzlich der Soul von der Leine gelassen wird. Selbst ein Simon & Garfunkel-artiger Folk-Song wie „57821“ wirkt in den Händen von Monáe nicht deplatziert. Einzig die albern-spaßige Electro-Kollabo „Make The Bus“ mit Of Montreal will sich nicht ganz reibungslos ins Gesamtbild einfügen.

Bemerkenswert ist, dass Monáe sich niemals in den Vordergrund drängt, ihre Stimme stets in den Dienst des Songs stellt. Wo die unkontrollierte stimmliche Selbstdarstellung einer Beyoncé als State of the Art des zeitgenössischen R’n‘B in der kollektiven Wahrnehmung verankert ist, geht allein das schon als kleine Revolution durch. Nur eine unter vielen auf „The ArchAndroid“.

Wertung: 83

Label: Atlantic

Referenzen: Erykah Badu, Outkast, Kelis, Gnarls Barkley, Solange, Funkadelic, Sly & The Family Stone

Links: MySpace | Official


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7 Kommentare zu “Rezension: Janelle Monáe – The ArchAndroid”

  1. Pascal Weiß sagt:

    @Kevin: Starkes Debüt, in jeder Hinsicht;)

  2. Pascal Weiß sagt:

    Verschoben auf den 23. Juli.

  3. [...] Monáe zu nennen, die ihrer womöglich in die Geschichte eingehenden Performance bei Letterman ein Gesamtwerk folgen ließ, das, so heterogen es auch ist, so viele Stile es auch vereint, die einzelnen Stücke [...]

  4. [...] besten Jahrgänge der Urban Music in die Geschichtsbücher eingetragen werden. Erykah Badu, Drake, Janelle Monáe, Flying Lotus und Big Boi haben bereits großartige Alben abgeliefert, The Roots aus Philadelphia [...]

  5. [...] (Expanded CD Edition), Shirts und 7-Inch-Splits von Menomena und die regulären CD-Ausgaben von Janelle Monaé, Pantha Du Prince, Twin Shadow, Sam Amidon, Gonjasufi, Belle & Sebastian, The Hold Steady, [...]

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